Das sogenannte Post-Holiday-Syndrom oder der Urlaubsblues ist ein Stimmungstief, das entsteht, wenn die Entspannung abrupt endet. Wenn Sie diesen Artikel lesen, wird mein Urlaub auf Kreta beendet sein. Am Donnerstag fliege ich nach 14 Tagen wohlbehalten und entspannt zurück nach Berlin. Nennenswerte Gefahren sehe ich bei meiner Wiedereingliederung in den Berliner Alltag nicht. Ich komme eigentlich immer wieder gerne zurück, liebe Berlin leidenschaftlich.

Nichts mit Blues also. Es ist gut, nicht an jedem Kram zu leiden; mit dem, was grundsätzlich ist, habe ich leider ohnehin schon genug zu tun. Kommende Woche geht’s zur Vorsorge zu meiner Hautärztin, die immer sehr streng mit mir ist. „Morgens sind zwei Stunden in der Sonne okay, mit Lichtschutzfaktor 50“, gab sie mir mit auf den Weg. Die Haut hat ein Langzeitgedächtnis, das wissen wir längst alle, nur leben wir leider nicht danach. Auch ich lag früher oft acht Stunden oder gar länger am Strand, mitten in der Sonne, eingerieben mit Olivenöl. Der Wahnsinn – leider war ich oft unvernünftig im Leben!

Warmbaden für Senioren: Die Wassertemperatur lag an manchen Tagen bei über 21 Grad, mein Hausstrand war voll mit Menschen über 60 Jahre. Viele nutzten wie ich die Auszeit, weil’s ihren Knochen und ihrer Seele guttat. Menschen mit Mitte achtzig waren auch dabei, und viele hatten, wie auch ich, Wunden zu lecken.

Und so wurden am Strand viele Diagnosen ausgetauscht

Das mit dem Hautkrebs nahmen viele eher auf die leichte Schulter, obwohl sehr viele mit kleinen weißen Pflastern am Strand lagen – und das nicht nur für zwei Stunden am Morgen. Laut aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts erkranken 49 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen im Laufe ihres Lebens an Krebs. Die Zahlen sollen in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen sein. Die meisten Fälle treten etwa zwischen dem 60. und 65. Lebensjahr auf.

Und so wurden am Strand viele Diagnosen ausgetauscht. Auch in unserer Pension oder abends in den Restaurants. Dieses Jahr kam mir Kreta wie ein riesiges Wartezimmer beim Arzt vor. Bei den Männern war’s überwiegend die Prostata, bei den Frauen Brustkrebs – beide Erkrankungen liegen weit vorn in einer Hitliste, von der niemand Fan ist. Geteiltes Leid ist aber halbes Leid, und oft sprachen wir uns gegenseitig Mut zu.

Mit ihrem Gewicht hatten etliche nicht nur etwas zu kämpfen, bei ihnen ging es nicht um wenige Kilo Übergewicht. 30 Kilo oder deutlich mehr, über Jahre hinweg, machen etwas mit den Knochen und dem gesamten Bewegungsapparat. Und so sah ich viele mit Rollator. Einige schafften leider nicht mehr den Weg zum Strand oder durch den tiefen Sand. Dann bleibt man lieber im Dorf, in der Pension oder in Cafés, macht anderes.

Nach meiner Hautärztin geht es in Berlin dann bald zu meiner Urologin

Diese 14 Tage waren nur ein kleiner Blick auf Bekannte, Freunde und flüchtige Begegnungen der letzten 30 Jahre. Einige Menschen werde ich hier nicht mehr treffen, sie sind längst verstorben. Oder so alt, krank, gezeichnet und gebrechlich, dass sie solch eine Urlaubsreise längst nicht mehr antreten. Mein Bekannter Artur meldete sich mehrere Male voller Sehnsucht aus Köln. Ich sollte ihm dann immer berichten, was sich verändert hat. Oder was noch genauso schön ist, wie er es in Erinnerung hat.

Hans ist 79 Jahre alt. Viele Abende verbrachten wir in den vergangenen 30 Jahren gemeinsam auf Kreta, doch er hat mich nun nicht mehr erkannt. Vor zwei Jahren waren wir noch gemeinsam in Pitsidia essen. Gut, dass seine Ehefrau sich nicht nur hier um ihn kümmert. Ist das ihr letzter gemeinsamer Urlaub auf ihrer Trauminsel? Wir haben keine Glaskugel.

Nach meiner Hautärztin geht es in Berlin dann bald zu meiner Urologin. Ein Besuch, vor dem ich etwas Bammel habe, denn die Werte, die sie mir dann mitteilt, bestimmen meine Lebensqualität der nächsten Monate. Oder Jahre. Sie haben ja zwei Daumen – drücken Sie die ruhig kräftig für mich. Und ich stehe übrigens auch auf Gebete, ich würde mich freuen, wenn Sie mich in eines einschließen. Merci! Das mache ich auch bei Freundinnen, Freunden und mir nahestehenden Menschen. Viele kämpfen auch mit gesundheitlichen Widrigkeiten und haben die Schnauze von Wartezimmern bei Ärzten und Gesprächen über Krankheit längst voll.

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