Menschen haben Träume, und oft drängt es sie, diese zu verwirklichen. 250.000 Euro kostet es heutzutage, solch einen Traum zu verwirklichen – also auszusteigen, um mit den gewohnten Bahnen zu brechen. Früher war das billiger, vielleicht waren Menschen aber auch einfach etwas mutiger.

Eigentlich wollte Uwe ja nach Brasilien reisen, Deutschland war ihm nämlich einfach zu eng. Träumen konnte man an anderen Orten besser. Seine Reisekasse war knapp, er war aber handwerklich geschickt, konnte arbeiten. Es wurde dann aber nicht Brasilien, immerhin aber Kreta. Dort, in Matala, entstand damals ab den 1960er-Jahren eine internationale Hippie- und Aussteigerkultur mit Leuten aus ganz Europa und den USA. Gemeinsam lebte man in den Höhlen.

Dieter Puhl
Auch Katzen gehören zum Kreta-Urlaub von Kolumnist Dieter Puhl dazu.  © BM | Dieter Puhl

50 Jahre ist das her, und das war genau richtig für ihn, passte einfach. Und Uwe blieb dann etliche Jahre. Viel Geld brauchte man nicht, er half bei der Ernte, lernte, Schmuck herzustellen, kam irgendwie über die Runden. Uwe zog später wieder nach Deutschland, arbeitete als Elektriker im Bergbau, malochte hart und sparte jeden Pfennig. Und doch kam er wieder und wieder.

Vom Leben in den Höhlen zum Traumhaus: Aussteiger auf Kreta

Die längste Zeit des Jahres leben Uwe und seine Frau nun in Deutschland. Im Frühjahr und im Herbst zieht es sie immer wieder für Monate auf ihre Insel. Das kleine Haus, in dem sie leben, haben sie mit ihren Händen selbst erbaut.

Horst kam damals auch. In den ersten Jahren lebte er am Strand, ein hartes Leben, das Paradies sah manchmal anders aus. Zusammen mit seiner Ehefrau Jaqueline gründete er ein sehr behagliches Café im Nachbarort Pitsidia. Das „Onira“ (Traumfabrik) ist eine hübsche Oase. Schauen Sie unbedingt mal vorbei, wenn Sie hier in der Gegend sind. Ein Schmuckatelier plus ein Café ist ein prima Konzept, es stecken aber auch lange Arbeitstage dahinter. Ein weiterer Job kam in den letzten Jahren dazu: Sie sind leidenschaftliche Großeltern.

Die meisten der ehemaligen Hippies sind längst verstorben oder inzwischen über 70 Jahre alt und eigentlich im Rentenalter. Die Butter fürs Brot will aber verdient werden. Uwe verkauft übrigens seit über 30 Jahren selbst gebackenen Kuchen am Strand. Frischen Kaffee gibt’s auch noch dazu, und wunderbare Geschichten hat er ebenfalls zu erzählen. Nächsten Monat wird er 70 Jahre alt und hat eine ausgezeichnete Kondition. Die er auch benötigt: Jeden Tag mit dem Kuchen weite Strecken im tiefen, heißen Sand zurückzulegen, das ist ein Knochenjob.

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Ich genieße die Begegnungen mit Freunden und Bekannten

Etliche haben es vielleicht erahnt: Ich mache gerade erneut Urlaub auf Kreta. Es dient dieses Mal auch der körperlichen Ertüchtigung. Kreta ist Reha für mich. Umso notwendiger, denn gesundheitlich ging es mir im Winter nicht so gut. Sprichwörtlich kann ich hier wieder gut auf die Beine kommen. Und ich genieße die Begegnungen mit Freunden und Bekannten und lerne auch neue Menschen kennen.

Marc ist 40 Jahre alt, Architekt und baut Schulen, in denen sich Kinder und Lehrkräfte wohlfühlen. Sein Ehemann Adam ist zwei Jahre jünger und hilft als Psychologe traumatisierten Polizistinnen und Polizisten. Die erleben manchmal Schlimmes in ihren Jobs. Beide leben in Belgien, arbeiten gerne und engagiert. Fünfmal haben sie hier in den letzten Jahren in der Gegend um Matala Urlaub gemacht. Und auch bei ihnen wuchs der Wunsch, auszusteigen. Am Strand zu leben, ist aber nicht ihr Ding. 250.000 Euro kosten ein kleines Grundstück und ein Haus für beide. „14 Wochen im Jahr können wir hier dann vorerst zusammen leben.“ Ein Anfang. Der vorsichtige Ausstieg auf Raten, nicht so radikal wie bei Uwe und Horst und anderen. „Wir wollen hier eines Tages ganz leben“, sind sich beide aber sicher.

Marc und Adam sind sehr angenehme Menschen, und ich freue mich darauf, sie in den nächsten Tagen wiederzusehen. „Ausstieg mit Absicherung“ – ich mag ihr Lebensmodell, bin ich doch auch eher ein vorsichtiger Mensch. Noch mehr aber mag ich es, hier immer wieder auf Menschen zu treffen, die überhaupt noch in der Lage sind, zu träumen. Und auch bereit sind, dafür einzustehen. Nachtrag für meine regelmäßigen Leser: Meine ehemalige Vermieterin Georgia lebt noch, wenn auch in ihrer eigenen Welt. Sie ist weiterhin sehr krank.

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