„Ich weiß, wo du wohnst“, sagte Paul zu mir und trat dicht an mich heran, eindeutig zu dicht, fast berührten sich unsere Nasenspitzen. „Und schieße dir den Kopf weg.“ Das passierte nicht irgendwo in Berlin, sondern auf dem Bürgersteig direkt vor meiner Haustür in Charlottenburg. Ich bin mehr der sanfte, manchmal auch der ängstliche Typ, bin keinesfalls gefährlich im Nahkampf und hatte schlicht Schiss. Paul dagegen war ein Hüne, und von seinen 40 Lebensjahren hatte er grob die Hälfte in Gefängnissen zugebracht.
Die Bahnhofsmission Zoo ist eine große Einrichtung für obdachlose und sogenannte stadtarme Menschen. Sie funktionierte nur, weil bis zu 300 Menschen jährlich ehrenamtlich mitarbeiteten. Eine bunte Mischung sehr verschiedener Geschichten. Tolle und fleißige Menschen sind das, ich schätze sie sehr. Vergangene Woche habe ich davon geschrieben. Arme und Reiche sind dabei, Alte und Junge, Laute und Leise, und es gehört auch zum Wesen der Einrichtung, etlichen Ehrenamtlichen Halt zu geben, deren Platz im Leben unsicher war. „Sozialintegrativ“ beschreibt das gut, wenn man es mit einem Wort zusammenfassen möchte.
Paul hatte ich dort Monate zuvor kennengelernt. Viele mochten ihn, ich auch. Und er arbeitete sehr engagiert mit. Keine Arbeit war ihm zu schwer. Oft blieb er einfach länger, hängte noch einige Stunden an einen bereits langen Tag, wenn der Dienstplan plötzlich Lücken aufwies. Und Paul war wohl froh, hier endlich eine gute Aufgabe gefunden zu haben.
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Jugendkriminalität, Gewalt, geschlossene Einrichtungen, später Strafanstalten
Überwiegend im Heim groß geworden, kannte er seine Eltern kaum. Seine Jugend war geprägt von viel Lieblosigkeit, Jugendkriminalität, Gewalt, geschlossenen Einrichtungen und später dann Strafanstalten. Rein und raus, kein Schulabschluss, abgebrochene Lehre. Und kurz lernte er selbst das Leben als Obdachloser auf der Straße kennen. Vielleicht hatte er in der Bahnhofsmission zum ersten Mal im Leben Akzeptanz und Anerkennung gefunden.
Die hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen und ich als Leiter investierten sehr viel Zeit, um ihn zu begleiten. Von nichts kommt nichts, und manchmal war’s auch nicht ganz leicht mit Paul, denn er war ein Wildfang. Niemanden wunderte es, wenn er Regeln manchmal schwer akzeptieren konnte. Er hatte wohl bis dahin selbst wenig Regeln im Leben kennengelernt. Manchmal eckte er hier an, manchmal gab es dort Konflikte, ermahnende Gespräche gab’s auch. Die Sympathie zu ihm trug ihn aber. Und manchmal waren wir auch einfach nachsichtig.
In der Sozialarbeit bezeichnet das Spannungsfeld „Distanz und Nähe“ die professionelle Balance zwischen emotionaler Zugewandtheit und fachlicher Abgrenzung gegenüber den Klientinnen und Klienten – um einerseits Vertrauen aufzubauen und andererseits objektiv, reflektiert und handlungsfähig zu bleiben.
Wer hatte da den größeren Fehler gemacht?
Wer hatte da den größeren Fehler gemacht? Paul, als er mit einer obdachlosen jungen Frau, Gast der Bahnhofsmission, Heroin neben der Bahnhofsmission rauchte? Oder wir, weil wir nicht genügend auf ihn geachtet hatten? Hier ging nun aber nichts mehr, weiteres Reden half nicht. So leid es uns allen auch tat, wir kündigten das Verhältnis zu Paul. Er war darüber sehr aufgebracht und mochte es nicht akzeptieren. Und die Geschichte ging ja leider weiter, als wir uns Wochen später vor meiner Haustür trafen. Wohl eher zufällig. Ich war später froh, dass es zu keiner weiteren Begegnung kam.
Wohl 27 Millionen Menschen engagieren sich ehrenamtlich in Deutschland. Ich erzähle Ihnen diese Geschichte, um aufzuzeigen, dass dieses Engagement manchmal nicht ohne Konflikte möglich ist. Sabrina fällt mir ein. Sie arbeitete ehrenamtlich in einer Notübernachtung und verliebte sich dort in einen männlichen Gast. Sie nahm ihn schließlich mit in ihre Wohnung, um ihm zu helfen. Nach kurzer Zeit aber zerbrach die Beziehung. Sabrina war nun schwanger und bekam dann einen Sohn. Oft ist sie jetzt unglücklich, empfindet ihr damaliges Tun selbst als Fehler. Und es fällt ihr schwer, ihr Leben als alleinerziehende Mutter zu bewältigen. Nicht alles, was zunächst gut gemeint ist, muss auch gut werden.
Kolumne Nachtgestalten: Lesen Sie hier mehr Artikel von Dieter Puhl



