Als Jugendlicher gehörte ich in Stift bei Kiel zu einer evangelischen Gemeinde, wurde dort konfirmiert und arbeitete mit anderen ehrenamtlich im Jugendclub. Kirchengemeinden funktionieren nicht ohne Menschen, die freiwillig anpacken. Ohne dieses Engagement stünde vieles still – damals wie heute.
1975 ging ich nach Berlin, machte im Evangelischen Johannesstift meine Ausbildung zum Diakon und arbeitete nebenbei im Kinderheim Blissestift in Wilmersdorf. Wieder begegnete ich Ehrenamtlichen. Wer wissen will, was sie leisten, muss nur die großen sozialen Träger dieser Stadt fragen. Ohne dieses Engagement käme vieles zum Erliegen. Und doch wird es politisch wie gesellschaftlich oft behandelt, als sei es selbstverständlich, dass andere die Last tragen – unbezahlt, unbeachtet, unersetzlich.
Menschen lesen vor, besuchen Einsame, kümmern sich – oft unter persönlichen Nachteilen. Auch politisches Engagement lebt davon. Und es bringt längst nicht mehr nur Zustimmung. Ich habe das in der Gewerkschaft erlebt, später noch deutlicher in der SPD im Wedding. Was 1980 kritisch beäugt wurde, führt 2026 nicht selten zu offenen Beschimpfungen. Der Ton ist rauer geworden, die Hemmschwelle gesunken. Wer heute freiwillig Verantwortung übernimmt, braucht nicht nur Zeit, sondern auch ein dickeres Fell.
Freiwillige halten Vereine am Laufen
Sportlich war ich nie besonders aktiv. Ab und zu gehe ich aber in Sporthallen. Und ich weiß: Ohne Ehrenamt läuft hier nichts. Gerade im Sport, dem größten Engagementfeld – ob als Trainer, Betreuer oder beim Waschen der Trikots im Jugendbereich. Vieles, was Millionen begeistert, steht auf freiwilligen Schultern. Ohne sie gäbe es keine Jugendmannschaften, keine Vereine, keine Wettkämpfe. Aber während Profis Milliarden bewegen, kämpfen die Ehrenamtlichen oft mit kaputten Duschen und fehlenden Hallenzeiten.
Ehrenamt schafft Zugehörigkeit. Ein Stück Heimat. Ein Handschlag, ein Schulterklopfen – oft ist das alles. Teil eines Ganzen zu sein, hilft gegen Einsamkeit. Es ist der leise Kitt dieser Gesellschaft. Und dieser Kitt bekommt Risse.
Rund 27 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Die Zahl ist seit 2019 leicht rückläufig, doch viele investieren heute mehr Zeit. Weniger Schultern tragen mehr Last. Gleichzeitig wächst der Anspruch: mehr Aufgaben, mehr Verantwortung, mehr Erwartungen.
Die Politik lässt die Engagierten zu oft allein
Und die Politik? Sie bedankt sich gern, hält Sonntagsreden, verteilt gelegentlich Preise – aber im Alltag lässt sie die Engagierten zu oft allein. Bürokratie bremst, Zuständigkeiten verlaufen im Dickicht, Förderungen kommen spät oder gar nicht. Wer sich engagiert, braucht nicht nur Applaus, sondern verlässliche Rahmenbedingungen.
13 Jahre arbeitete ich am Chamissoplatz in Kreuzberg mit obdachlosen Menschen – hauptamtlich. Kurt unterstützte mich ehrenamtlich. Er war im Ruhestand, kannte sich mit Behörden aus, vor denen viele unserer Bewohner Angst hatten. Er begleitete sie, vermittelte ruhig und nahm Druck aus dem Kessel. Ehrenamt ist sehr konkret, gibt anderen Halt. Und dann Britta: eine junge Künstlerin, unbeschwert, voller Energie. Ihr Malkurs war schnell überfüllt. Es ging um Technik und Ausdruck, aber ebenso um Verlässlichkeit, Miteinander und Lebensfreude. Die Bewohner liebten die Stunden, die Kurse, das gemeinsame Gestalten. Als Dank gab es Kaffee.
Hunderte helfen bis heute in der Bahnhofsmission am Zoo
Kaffee gab es Jahre später auch in der Bahnhofsmission Zoo – manchmal allerdings nur, wenn Ehrenamtliche ihn bezahlten. Legte Lutz 500 Euro auf den Tisch, reichte das für ein paar Tage. Hunderte engagierten und engagieren sich dort bis heute, manche spenden sogar eigenes Geld, wenn es nötig ist. Sie machen die Arbeit erst möglich und leichter, und oft sind sie Leuchttürme.
Dass Ehrenamt gut und wichtig ist, habe ich mein ganzes Leben lang erfahren, von meiner Jugend an bis ins gesetzte Alter. Es klappt aber nicht immer alles, und manchmal gibt es sogar heftige Probleme. Mehr davon lesen Sie kommenden Woche an dieser Stelle. Machen Sie es bis dahin gut.
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