Dass es am Karfreitag in Berlin tagsüber keine Tanzveranstaltungen gibt, Clubs und Diskotheken überwiegend geschlossen haben, interessiert Norbert heute wenig. Wer will am Tag schon tanzen? Das sogenannte Tanzverbot gilt in Berlin ohnehin nur zwischen 4 Uhr früh und 21 Uhr am Freitagabend. Das ist ein anderes Leben. Und Tanzen war für Norbert zuletzt vor über 20 Jahren ein Thema. Damals Diskotheken, Rockmusik, Bewegung. Vielleicht auch mal Salsa oder Tango. Ob er die Schritte noch könnte? Norbert ist 47 Jahre alt. Seit 20 Jahren lebt er auf der Straße. Sein Leben empfindet er nun als Tanz auf der Rasierklinge.
Karfreitag. Für viele ein Tag der Ruhe, der Besinnung, des Innehaltens. Die Stadt wirkt entschleunigt, Geschäfte bleiben geschlossen, weniger Menschen sind unterwegs. Nur einige arbeiten weiter: die Krankenschwester, der Polizeibeamte, der Busfahrer. Norbert gehört nicht dazu. Er hat keinen Feierabend, keinen Feiertag, keinen geschützten Raum. Die Nacht war kurz, der Schlaf flach, die Kälte steckt ihm noch in den Knochen. Sein Magen knurrt. Eine Dusche wäre gut. Etwas zu trinken auch. Und die Frage bleibt: Welche Einrichtungen haben heute überhaupt geöffnet – und welche nicht?
Weniger Menschen auf der Straße, das heißt auch: weniger Hilfe. Schnorren wird schwieriger. Vielleicht sind die, die unterwegs sind, großzügiger. Ostern steht vor der Tür, da geben viele mehr. Süßigkeiten für Wochen – nett gemeint. Aber ein neuer Schlafsack wäre wichtiger. Was Norbert fehlt, ist oft nicht nur Geld. Es ist Aufmerksamkeit. Für die meisten bleibt er unsichtbar.
365 Tage im Jahr ist für Norbert Karfreitag
Auf seinem Weg durch die Stadt, am Ostbahnhof, am Bahnhof Zoo, unter Brücken und in Unterführungen: Norbert sieht hier keine liturgische Ordnung. Er sieht Matratzen, Decken, provisorische Lager. Menschen, die aufwachen, ohne je zur Ruhe zu kommen. Trotz aller Hilfsangebote leben viele im Dreck. Einige sterben leise, am Rand der Gesellschaft. Dass es in einem reichen Land möglich ist, sich daran zu gewöhnen, ist vielleicht das eigentlich Erschreckende.
Karfreitag passt dazu. Ein Tag der Hoffnungslosigkeit. Oder genauer: ein Tag wie jeder andere. 365 Tage im Jahr ist für Norbert Karfreitag. Ein Leben in permanenter Zumutung – und eine Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, dass einige dauerhaft fallen.„Ich werde noch verrückt“, denkt er. „Vielleicht bin ich es längst.“
Obdachlosigkeit hat nichts Sakrales. Sie ist konkret. Kalt. Laut. Sie riecht nach nassen Schuhen, nach Urin, Schweiß, Alkohol und Angst. Kein Spannungsbogen, keine Erlösung, kein dritter Tag. Norbert wartet nicht auf Wunder. Er wartet darauf, gesehen zu werden. Karfreitag bedeutet für ihn: Einer fällt – und niemand hält ihn. Verantwortung verteilt sich, bis sie niemandem mehr gehört. Zuständigkeiten gibt es viele. Verbindlichkeit oft keine.
Ein kleiner Rest Würde, den er sich zurückkauft
Und dann, ausgerechnet heute, etwas Unerwartetes: 20 Euro. Eine junge Frau hat sie ihm gegeben. Hat gelächelt. Ihm einen guten Tag gewünscht. Sich sogar entschuldigt, es sei nicht mehr. Für Norbert ist das alles andere als selbstverständlich. Er überlegt kurz und beschließt, sich ein richtiges Frühstück zu leisten. Ein Ei, Kaffee, vielleicht zwei Tassen. Frisch gepresster Orangensaft. Er weiß kaum noch, wie der schmeckt. 9,30 Euro hatte er schon. Es könnte reichen.
Zwei Stunden Normalität. Ein kleiner Rest Würde, den er sich zurückkauft. Vielleicht findet er ein Café, das geöffnet hat. Seine Kleidung ist heute in Ordnung, er fällt nicht sofort auf. Das ist wichtig. Im Warmen sitzen, essen, trinken. Und vielleicht beten. Danke sagen. Wieder einmal mit Gott reden. „Ist die Not am größten, ist Gottes Hilf’ am nächsten.“ Ob das stimmt, weiß er nicht. Aber er probiert es. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, hat der Pfarrer früher gesagt. Der Satz klingt gut. Aber er ersetzt keine Wohnung.
Werte Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen gesegnete Osterfeiertage. Am Sonntag feiern wir die Auferstehung. Vielleicht beginnt sie nicht erst dann. Vielleicht beginnt sie im Kleinen – dort, wo Menschen einander sehen, Verantwortung nicht weiterreichen und konkret handeln. Wenn ich heute am Karfreitag einem obdachlosen Menschen begegne – und die Wahrscheinlichkeit ist hoch –, gebe ich ihm 20 Euro. Nicht als Lösung. Aber als Anfang.
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