So, nachdem der Zaun um den Görlitzer Park nun fertig ist, nachts abgeschlossen wird und endlich wieder Sicherheit und Ordnung in Berlin herrschen, können wir uns anderen, ebenso wichtigen Themen zuwenden.

Da wäre zum Beispiel der geschützte Radweg in der Kantstraße oder eine mögliche Trasse für die Magnetschwebebahn, die niemals kommen wird. Großprojekte, die vielleicht in ferner Zukunft stattfinden, bieten grundsätzlich ausreichend Gelegenheit, sich von störenden Problemen, wie schwindenden Finanzen, maroder Infrastruktur und rasant steigenden Mieten, ablenken zu lassen. Insgesamt ist es beliebt, Probleme anzugehen, die man selbst durch jahrelanges Versäumen geschaffen hat.

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Durch Berlin weht im Frühling eine Stimmung des Aufbruchs

Aber es ist Frühling. Die Sträucher und Bäume schlagen aus, es wird spürbar wärmer. Die Leute lächeln wieder, nachdem die Wintermonate durchstanden sind. Es weht so eine Stimmung des Aufbruchs durch die Stadt. Also wollen wir etwas milder sein und uns angenehmen Dingen zuwenden. Zum Beispiel der Poesie.

Doch da lauert schon der nächste Aufreger: Was, um Himmels willen, hat sich Eduard Mörike da vor knapp 200 Jahren erlaubt? Mörike ist auch so ein Problemfall, nur etwas perfider als die Regierenden, die ja an ihrem Handeln beurteilt und im Zweifel abgewählt werden können.

Warum nur hat Mörike uns damals dieses Rätsel mit auf den Weg gegeben, das sich jedes Jahr im Frühling aufs Neue stellt und schlimme Erinnerungen an die Schulzeit weckt? Der Titel des Problemfalls ist schon merkwürdig: „Er ist’s“ heißt das Gedicht, das in diesen Tagen vielen Leuten in den Sinn kommt und wohl das bekannteste Frühlingsgedicht im deutschsprachigen Raum ist. „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte.“ So beginnt es. Es gibt wahrscheinlich mehrere Tausend Besprechungen, Interpretationen und Analysen von Fachleuten, Liebhabern und Deutschlehrern. 99 Prozent davon ignorieren aber die offensichtliche Frage: Was ist, bitte schön, ein blaues Band im Frühling?

Verschiedene Versuche, das „blaue Band“ zu interpretieren

Überall sprießt es grün, grün, grün. Die Luft wärmt sich, es riecht ganz anders als im kalten Winter. Aber nirgendwo ist ein blaues Band zu sehen. Phänologisch beginnt der Vorfrühling mit dem Blühen der Schneeglöckchen, der Vollfrühling mit dem Blühen der Apfelbäume. Beide Blüten sind weiß, nicht blau.

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Es gibt ein paar Versuche, das blaue Band im Gedicht zu deuten. Ein Interpret bringt zum Beispiel den Himmel ins Spiel. Aber ist das plausibel? Der Himmel ist doch zu jeder Jahreszeit blau und bildet, vereinfacht gesagt, den Hintergrund für den Frühling – und im Vordergrund explodiert überall das Grün, Grün, Grün. Der Himmel spinnt auch kein Band, jedenfalls hierzulande nicht.

Andere bringen die Veilchen ins Spiel, die ein paar Verse später auftauchen. Aber die träumen erst noch davon, bald zu kommen, wie es bei Mörike heißt. Da spinnen also auch noch keine blauen Blüten oder Bänder.

Schimmert der neue Zaun um den Görlitzer Park nicht bläulich?

Es gab hier in Berlin einmal ein Bankinstitut, das mit dem grünen Band der Sympathie für sich warb. Das konnte Mörike damals natürlich nicht wissen. Aber es wäre doch viel plausibler gewesen, ein grünes Band spinnen zu lassen – vielleicht ist es aber auch einfach zu naheliegend und weniger poetisch. Ein blaues Band wurde fast 100 Jahre lang für die schnellste Atlantiküberquerung per Schiff vergeben, aber auch das begann erst deutlich später, nachdem Mörike den Frühling sein blaues Band spinnen ließ.

Generationen von Schülerinnen und Schülern haben sich in den vergangenen 200 Jahren an dem Gedicht versucht – waren am Ende wahrscheinlich ebenso ratlos und haben eher einen blauen Brief anstatt einer Antwort auf die Frage erhalten, was das blaue Band im Frühling ist.

Also kommen wir doch wieder an den Anfang zurück. Schimmert der neue metallene Zaun um den Görlitzer Park nicht in der Frühlingssonne bläulich? Hat der alte Biedermeier-Poet Mörike visionär den Zaun um den Görlitzer Park vorhergesehen? Wir wissen es nicht. Sicher ist allerdings, dass nicht nur immer neue Traum-Großprojekte einen aus der Fassung bringen können. Manchmal reicht auch Poesie.