Der Frühling begann bei uns mit einem markerschütternden Kreischen. Es war ein nebliger Morgen in der vergangenen Woche, als man zum ersten Mal das Gefühl hatte: Vielleicht kommt jetzt tatsächlich der Frühling? Im Dorf kündigte sich dieser schon länger mit dem melancholischen Rufen der Kraniche an, mit dem Geschnatter der Wildgänse – und nun mit jenem Gekreisch.

Das Geheul kam von der Katze. Sie erinnern sich an das Findel-Katzenkind aus dem Steinhaufen. Aus dem flauschigen Baby ist momentan eine Art Katzen-Hybrid geworden. Lange Beine, spitze Zähne, große, ernste Katzenaugen, riesige Ohren – aber stimmlich ist sie noch ein quäkendes Katzenbaby. So stand das Tier an jenem Morgen am Fenster und fixierte zwei Meisen, die fröhlich im Vogelhaus herumhüpften und pickten. „Huäääh!“, heulte die Katze. Die Meisen pickten ungerührt weiter. „Miaaau!“, versuchte es das Katzenkind. Die Vögel flatterten filigran auf einen Ast und davon, als eine dicke Taube im Steilflug auf das Vogelhaus zuschoss. Als sie auf dessen Dach landete, zuckte die Katze zurück, obwohl hinter dem Fenster. Dass Vögel größer sein könnten als sie, war ihr neu.

Zugegeben: Ich mag die ersten Tage des Frühlings oft nicht, zumal in der Stadt. Ja, die Sonne wärmt auch hier. Die Vögel singen. Aber auf den Gehwegen herrscht Chaos. Überall knirscht Splitt, und am Rand leuchtet und müffelt gnadenlos das Weggeworfene, und Vergessene dieses Winters. Zumindest in Kreuzberg, wo ich neulich allen Ernstes an einer Fußgängerampel über drei sorgfältig in den Weg gestellte Bierflaschen stolperte. Vielleicht hatten müde Partymenschen die halb vollen Flaschen in dem Gedanken stehen gelassen, dass sich andere darüber freuen würden. Berliner Frühling eben.

Bierflaschen Wegbier Südstern Kreuzberg Berlin
Zurückgelassenes Wegbier (halb voll): Frühling in Kreuzberg.© BM | Uta Keseling

Nun sind es die Vögel, die ihr zu gehorchen haben

Im Garten sieht die Frühlingsparty anders aus. Schneeglöckchen und Krokusse sind da, eine Menge Vögel und sogar einen Zitronenfalter habe ich schon gesehen. Und neuerdings ist auch die Katze dort unterwegs. Sie schrie und jammerte an jedem Morgen so lange herum, bis wir endlich die Tür öffneten. Die Katze soll sich jetzt ans Gartenleben gewöhnen. Doch während wir uns darunter in erster Linie ein bisschen Auslauf fürs Tier erhoffen, hat dieses ganz andere Vorstellungen.

Ich weiß nicht, ob alle Katzen mit diesem Selbstbewusstsein zur Welt kommen, aber das Katzenkind ist davon überzeugt, dass alle Vögel ihr gehören. Im Haus hat das Tier bisher Filzbällchen und Spielzeugmäuse wie eine Armee befehligt. Sie wurden gerufen, gejagt, stolz als Trophäen herumgetragen. Nun sind es die Vögel, die ihr zu gehorchen haben. Findet sie. Daher das Miauen und Kreischen.

Der erste Versuch der heulenden Machtergreifung endete auf der Pergola über der Terrasse. Hinaufzuklettern war kein Problem, oben lockten Meisen, die sich das Katzenkind einen Moment interessiert anschauten und dann abflogen. Selbiges blieb fassungslos auf den Holzbalken zurück. Erst beleidigt, dass die Vögelchen einfach weg waren. Dann, nach einem Blick nach unten, zu Tode erschrocken.

Aktuell denke ich über Aufziehvögel nach

Haben Katzen eigentlich einen Rückwärtsgang? Und wenn ja, wie legt man den ein? Wenn Sie mich fragen, wie ich die ersten Tage des Frühlings verbracht habe, dann stellen Sie sich mich auf einem Gartenstuhl balancierend unter der Pergola vor. Und schließlich mit einem peinlich berührten Katzenkind auf der Schulter, das sich nicht allein wieder heruntergetraut hatte, geschweige denn einen Vogel erlegt. Worüber ich wiederum sehr dankbar war.

Immerhin: Nach zweitägigen Kletterübungen kommt das Tier von seinen Klettertouren inzwischen selbstständig wieder nach unten. Und es hält nicht mehr jeden Vogel im Garten für seinen persönlichen Besitz. Vom Gejammer im Morgengrauen hält sie das jedoch nicht ab. Denn die Katze findet jetzt, dass die Vögel bitte nach drinnen kommen sollen. Sofort! Alle! Ob ich mal das Fenster öffnen kann? Aktuell denke ich über Aufziehvögel nach. Wobei, das Geräusch würde mich vielleicht noch wahnsinniger machen als Katzenbabygeheul am Morgen.

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