Zuerst hatte ich geglaubt, eine weinende Frau zu hören. Da war dieses leise Schniefen, verhalten, wie von jemandem, der nicht gehört werden wollte. Es war in der U-Bahn morgens um kurz vor neun, der Zug gerammelt voll, die Menschen dick eingemummelt in Mützen, Kapuzen und Schals. Kein guter Ort, um unglücklich zu sein. Erst recht keiner, um Trost zu finden. Ich schaute mich besorgt um. Die meisten Mitfahrenden starrten finster auf ihre Handys. Manche schienen sich mit geschlossenen Augen dem Schicksal ergeben zu haben. Die Sitzenden schaukelten mit jeder Kurve und jedem Rumpler der U-Bahn hin und her wie Säcke. An jeder Station knirschte der Splitt unter den Füßen. Der Sound der Saison.

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„Schnüff!“ Da war es wieder. Was für ein Unglück mochte das sein, das jemanden so frühmorgens in der U-Bahn in Tränen ausbrechen ließ? Hoffentlich ist es kein Kind, das schlechte Noten befürchtet, dachte ich. Oder gemobbt wird. Oder sich um ein krankes Elternteil sorgt. Bevor ich mich noch weiter steigern konnte, unterbrach ein weiteres Schniefen meine Gedanken. Diesmal kam es aus einer anderen Ecke.

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Eine Bewegung neben mir lenkte mich ab. Die Frau auf dem Sitz neben mir hob den Arm – und wischte sich, zack! einmal über die Nase. Danach: „Schnief!“ Angewidert wandte ich mich ab. Nein, die war es nicht. Mein Blick fiel ein paar Reihen weiter auf eine elegante junge Frau in Kunstpelzjacke und modischer Riesenbrille. Sie kontrollierte im Selfie-Modus ihres Handys konzentriert ihr Make-up. Fast unsichtbar bewegten sich dabei ihre Nasenflügel. „Schnief!“ Weinte sie?

„Schnief!“, röchelte die Frau. „Schnüff!“, tönte es irgendwo hinter mir

Die Antwort bekam ich kurze Zeit später, als das Handy der Frau klingelte und sie näselnd und schwer atmend antwortete. Nein, es waren keine Tränen. Sondern eine Erkältung. „Schnief!“, röchelte die Frau. „Schnüff!“, tönte es irgendwo hinter mir. Offenbar ein weiteres Erkältungsopfer. Plötzlich schien das Schniefen aus allen Seiten der Bahn zu kommen. Ein Echo des Ekels.

So ist es aktuell in allen Bussen und Bahnen in Berlin. Schnupfen, Erkältungen, grippale Infekte: Offenbar ist aktuell die gesamte Hauptstadt erkrankt, dachte ich, als ich der Rotze-Hölle namens U-Bahn endlich entflohen war. Im Bahnhofsgedränge lief ich hinter einem Mann her, der ausgiebig die Nase hochzog. Ich nahm spontan einen anderen Ausgang. Um dem zu entgehen, was mutmaßlich gleich vor meinen Füßen landen würde. Puh.

Bin ich ungerecht? Okay, während der Pandemie haben wir uns die Erkältungen ja quasi abgewöhnt. Vielleicht war das der einzige positive Aspekt dieser Zeit. Kein Kontakt, keine Viren, keine Bazillen. Andererseits: Wenn dann doch die Nase lief, war es ziemlich sicher Corona. Insofern muss man fast dankbar sein, dass wir offenbar zurückgekehrt sind in alte, vorpandemische Zeiten. Als Erkältungen zum Winter gehörten wie Wärmflaschen, Ingwertee und, ja: Taschentücher.

Wann ist die Rotzfahne eigentlich aus der Mode gekommen?

Womit ich beim Thema wäre. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich inzwischen oft die einzige bin, die in der U-Bahn noch Maske trägt. Damit kann ich leben. Dennoch fehlt im Alltag aktuell ein Gegenstand, der früher gern als ekliges Ding auf Sitzbänken zurückgelassen oder achtlos auf den Boden geworfen wurde: das Tempotaschentuch.

Wann ist die Rotzfahne eigentlich aus der Mode gekommen? So nannten es meine Eltern. Ich meine, ja. Ein Fan bin ich auch nicht. Aber manchmal ist es eben doch besser, eins dabei zu haben. Vielleicht gibt es einen Insta-Trend oder hippen Guru, der den Hauptstädtern erklärt hat, wie schlimm, ungesund oder vielleicht ja sogar klimafeindlich Taschentücher sind?

Als ich googelte, stellte ich fest: Den Trend zum Nicht-Schnäuzen gibt es tatsächlich. Angeblich ist es ungesund. Nase hochziehen dagegen nicht. Oder doch? Das Thema scheint viele Menschen sehr zu bewegen, gemessen an der Vielfalt der Beratung im Netz. Von der „Apotheken-Umschau“ bis zum Tiktok-Video des ZDF: „Darum solltest du deine Nase nicht mehr schnäuzen“. Ob es ein medizinisch sinnvoller Rat ist, kann ich nicht sagen. Im Alltag ist es, sagen wir, gewöhnungsbedürftig. Schnüff! Hoffentlich kann ich bald wieder aufs Rad.

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