Der Tod ist ein unbeliebter Geselle. Er beendet Leben viel zu früh und bedient sich dazu auch noch grausamer Methoden. Er mäht Menschen von der Wiese des Lebens, an deren Blühen man sich gern länger erfreut hätte. Der Tod vereint Ungewissheit (wann, wie?) und Gewissheit (denn er ist unausweichlich) in sich. Mit dem Tod kann man nicht rechnen, muss es aber.
Vor einem Eingriff unter Vollnarkose, bei dem die Gefahr, den letzten Atemzug zu tun, verschwindend gering war, fragte ich den Arzt, wie er damit umgeht, wenn ihm ein Patient stirbt. Er schaute mich seltsam verdattert an. Sein „Hier stirbt niemand!“ klang trotzig. Und nach Realitätsverweigerung. Wenn es einen Ort zum Sterben gibt, dann doch wohl das Krankenhaus. Aber er sah das anders.
Tod im Hotel: Wie wir den Umgang mit dem Sterben verdrängen
Während eines großen Filmfestivals starb ein Gast des Hotels, das als Festivalzentrum diente. Und die Art, wie betont wurde, dass dieser Gast nicht im Hotel gestorben war, nährte genau diesen Verdacht. Der Tod ist nicht gut für die Stimmung und für den Umsatz an der Hotelbar. Man mag ja auch keinen Trend setzen. Sonst mieten sich die Siechen eine Suite und kommen zum Sterben. Das stört doch die anderen Gäste.

Warum eigentlich? Wann hat der Tod angefangen, uns zu stören? Vielleicht, als er uns an die eigene Vergänglichkeit erinnerte – zu direkt, fast schon unhöflich. Früher war er ein Nachbar. Man kannte ihn. Man sah ihn kommen. Tote wurden damals noch nicht vor den Kindern versteckt, man sprach über sie, man trug Tage, Wochen oder sogar Monate Schwarz und ließ das Leben für eine Weile stillstehen. Heute vermeiden wir schon das Wort. In Krankenhäusern „gehen“ Menschen, sie „verlassen uns“ – als würden sie mit dem Koffer in Richtung Urlaubsort verschwinden. Der Tod soll bitte diskret erscheinen, vorzugsweise durch den Hintereingang.
Der Tod wird versteckt, bleibt aber allgegenwärtig
In Altenheimen riecht man ihn manchmal, noch bevor man ihm ins Gesicht sieht. Doch auch dort bemüht man sich, ihn wegzudekorieren. Zimmer werden rasch geräumt, Betten neu bezogen, Gardinen gewaschen. Der Tod hinterlässt keine Spur; er wird übermalt, wie ein Wasserfleck an der Wand.
Dabei hat er, nüchtern betrachtet, einfach nur seine Arbeit getan. Kein Beruf, für den man Applaus bekommt, aber einer, dem noch niemand entkam. Man könnte fast Mitleid haben mit ihm – so ungeliebt, so verkannt. Dabei braucht das Leben ihn wie das Ende einer Melodie, damit das Lied nicht end- und sinnlos weiterdudelt.
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„Dann machst Du nicht mehr lange“
Es gibt Kulturen, die das verstanden haben. In Mexiko feiert man den „Día de los Muertos“, einen Tag, an dem Totenköpfe bunt sind und man auf Friedhöfen picknickt. Kinder schlecken Zuckertotenschädel, man lacht, man erinnert sich, man tanzt. Der Tod wird eingeladen, an den Tisch, bekommt einen Platz, eine Kerze, etwas Süßes. Er gehört dazu, als alter Bekannter, nicht als Mörder hinter der Tür.
Tod bleibt tabu: Warum wir das Lebensende aus unserem Alltag verbannen
In unserer Welt hat der Tod ein PR‑Problem. Braucht er ein neues Image? Als „Ihr persönlicher Lebensabschlussberater“? Mit eigenem Instagram‑Account, auf dem er poetische Sonnenuntergänge postet und dazu schreibt: „Bis bald – aber nicht eilig.“
Wir haben den Tod aus den Wohnzimmern verbannt, aber er findet immer einen Weg hinein – über das Telefon, den Fernsehschirm. Und jedes Mal überrascht er uns, als hätte er sich nicht längst angekündigt. Weil wir ihn verdrängt haben. Wir planen alles – Urlaube, Karrieren, sogar den Ruhestand –, aber den letzten Übergang überlassen wir dem Zufall, als würde er dadurch weniger real werden.
Wir sollten ihn wieder lernen, den Tod. Ihn benennen, anschauen, ihm ab und zu zuwinken. Dann erschreckt er uns nicht so, wenn er tatsächlich hereinkommt. Vielleicht wäre er milder, wenn man ihn nicht als Feind behandelt, sondern als den, der dem Leben Bedeutung gibt, indem er es begrenzt.
Dem Tod mit Gelassenheit und Humor begegnen
Der Tod gehört zum Leben. Er gibt ihm Sinn und Rahmen. Erst durch die Endlichkeit gewinnt ein Moment Bedeutung. Wir sollten versuchen, dem Tod freundlicher zu begegnen. Selbstverständlicher. Weniger ängstlich. Mit der ihm gebührenden Sympathie und Dankbarkeit. Wenn wir ihm zugestehen, dass er einen wichtigen Job erledigt, geht er ja vielleicht mit uns ein wenig gnädiger um.
Was nicht bedeutet, dass er uns auslässt. Aber vielleicht gönnt er uns ja, dass der letzte Arzt, der uns jemals untersuchen wird, in die ärztliche Todesbescheinigung (umgangssprachlich als „Totenschein“ bekannt) unter „unmittelbare Todesursache“ schreibt: Lachanfall. Und jeder, der unsere selig grinsende Leiche sieht, denkt bewundernd und ein bisschen neidisch: Was für ein schöner Tod!


