Sie drängen sich frierend und traurig in den kalten Gängen trister Bahnhöfe. Sie zittern unter Zellophan in kalten Supermärkten. Oder leuchten so kitschig-bunt wie unreal von Werbeplakaten: Schnittblumen im Winter. 

Angeblich verschenkt man sie am Valentinstag, um anderen Menschen seine Liebe zu versichern. Aber was soll das für eine Liebe sein, zu deren Anlass man getötete Lebewesen verschenkt? Das ist doch seltsam. Zumal in einer dermaßen umweltbewussten und achtsamen Hauptstadt wie Berlin. Wo man vollkommen selbstverständlich das salzarme (Über-)Leben der Straßenbäume über die Gesundheit der Fußgänger stellt, die seit Wochen aufs Glatteis geführt werden. Was sagen die Naturschützer, die Grünen, die Aktivisten und Klimakleber dieser Stadt eigentlich zu diesem alljährlichen Trend zu toten Tulpen? Ganz zu schweigen von den meist unwürdigen Bedingungen, unter denen Schnittblumen mitten im Winter vorzeitig zur Welt gebracht und nach Berlin geflogen werden.

Natürlich mag ich selbst auch Blumen. Aber um diese Jahreszeit? Selbst wenn es nicht so kalt wäre, hätten aktuell in meinem Garten allenfalls Krokusse oder ein paar vorwitzige Osterglocken die ersten grünen Blätter aus der Erde geschoben. Wie kleine grüne Hände, die einem vorsichtig einen Gruß aus der Zukunft zuwinken: Hallo? Nein, es ist nicht Frühling! 

Tulpen im Winter sind wie Lebkuchen im August

Warum muss eigentlich in Berlin alles immer vor der Zeit passieren? Lebkuchen im August, Tulpen mitten im Winter? Klar, frisch gekauft und möglichst schnell in die Vase gestellt, wirken Tulpen anfangs tatsächlich wie die klischeehaften „Frühlingsboten“, mit denen überall geworben wird. Aber achten Sie mal darauf: Schon nach wenigen Stunden hängen die ersten Blüten über den Rand. Und dann wachsen Tulpen wie die Verrückten los. Wie Schnittlauch im Frühling. Nur dass es bei Tulpen eine Panikreaktion ist: Sie wollen einfach möglichst schnell ans Licht.

Haselblüte Februar Brandenburg
Trotz des harten Frosts im Januar blühen im Norden Brandenburgs schon die ersten Haselsträucher.© BM | Uta Keseling

Wenn ich jetzt unbedingt schon in Frühlingsstimmung sein will, finde ich die Zeichen in der realen Natur viel hoffnungsfroher. Dazu reicht ein Besuch im Park. Oder im Vorgarten. Bei genauer Betrachtung laufen dort nämlich tatsächlich längst die Frühlingsvorbereitungen. Und das sogar schon seit dem Herbst. Kein Ast, kein Gebüsch, an dem die Knospen nicht längst dick und teilweise sogar schon grün oder rot ausgebildet sind. Mutmaßlich unbemerkt und trotz des bitteren Frosts blühen auch die Haselsträucher.

Und wenn Sie gern richtig bunte, lebende Blumen sehen möchten, mit Wurzeln und Blättern: Dann besuchen Sie doch den Botanischen Garten. Dort blühen aktuell zum Beispiel die Kamelien, Lavendel und vieles mehr. Kamelien wachsen zu großen Büschen und sogar zu Bäumen – und haben wunderschöne, bunte Blüten. Ähnlich wie Rosen.

Wobei ich persönlich ja Mandelbäume oder Ginster vorziehen würde, die in warmen Regionen aktuell tatsächlich schon blühen. Ich finde, es gibt kein vollkommeneres Sommeraroma. Wie lange wird es noch dauern, bis bei uns wenigstens Kirschen und Äpfel so weit sind? Ach, Sommer ... ! Okay, vielleicht kaufe ich mir nachher doch noch einen Strauß Tulpen. Vielleicht gibt es welche aus Holland, die wenigstens nicht geflogen sind. Aber sagen Sie es nicht weiter.

Auch interessant

Sie brauchen den Frost als Startsignal

Es ist übrigens faszinierend, wie die Natur es schafft, sich gleichzeitig auf den Frühling vorzubereiten und dennoch den Winter klaglos zu überstehen. Echte Blumen, also aktuell noch Zwiebeln, Knollen oder Samen, sind uns nämlich in einer Sache voraus: Sie sind vollkommen sicher, dass es tatsächlich früher oder später Frühling wird. Und fassen sich deswegen in Geduld.

Für manche Pflanzen haben Schnee und Frost sogar eine wichtige Funktion. Sie brauchen den Winter als Startsignal, dass es demnächst wieder losgeht mit der nächsten Saison. Dazu gehören übrigens Tulpen und Narzissen, aber auch Pfingstrosen und Schlüsselblumen. Vielleicht sollten wir uns an ihnen ein Beispiel nehmen. Nach dem Motto: Wer nicht gefroren hat, wird auch den Frühling nicht wirklich genießen können.

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.

Auch interessant

Auch interessant

Auch interessant