Liebe Leserinnen und Leser: Danke! Im Dezember hatten wir unseren redaktionellen „Adventskalender“ einem meiner liebsten Berlin-Phänomene gewidmet, den Merkwürdigkeiten der Hauptstadt. Es gibt ja viele Dinge im Alltag, die ebenso rätselhaft wie bemerkenswert sind, sodass sich das Nachfragen lohnt: Berlin, warum?

Womit ich nicht gerechnet hatte: wie viele von Ihnen sich melden würden. Um mitzurätseln – oder weil Sie Antworten kannten, die wir trotz Recherche nicht gefunden hatten. Denn bei weitem nicht alle Berliner Seltsamkeiten erklären sich von selbst. Im Gegenteil. Erstaunlich oft helfen weder Recherche, Internet noch vermeintliche Experten weiter. Aber da kamen Sie ins Spiel! Viele von Ihnen sind in Berlin geboren oder leben schon lange hier. Sie haben Ihr Wissen über die seltsamen und schrägen Seiten unserer Lieblingsstadt mit uns geteilt. Vielen Dank! Hier sind drei Beispiele.

Neukölln: „Wo Marx ist, müssen ooch Engels sein!“

In Neukölln zum Beispiel gibt es an der Karl-Marx-Straße ein Stuckporträt des Straßen-Namensgebers an einer Fassade. Auch wenn sich der Zusammenhang klar ist: Weder vor Ort noch im Museum Neukölln fand sich ein konkreter Hinweis auf den Anlass, warum das Porträt ausgerechnet hier angebracht wurde. Auch an der Fassade findet sich keine Erläuterung. Dass der Kapitalismuskritiker über den riesigen Schriftzug eines „Schnäppchenmarkts“ blickt, ist vielleicht diese berlinstypische Ironie, die viele so mögen. Aber was, bitteschön, soll der kleine Putto etwas weiter rechts?

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Ein Leser, 86 Jahre alt und von Beruf Stuckateur, meldete sich: Die Erklärung sei doch ganz einfach. „Wo Marx ist, müssen ooch Engels sein!“ Der Namenswitz bezog sich auf Friedrich Engels, der mit Marx in vielen Marx-Engels-Denkmalen auch in Berlin verewigt ist. Es sei ein Spaß seines einstigen Chefs gewesen. „Er gehörte zu den führenden Restaurateuren Berlins und arbeitete viel in Kirchen und an Barockfassaden.“ So sei es kein Problem gewesen, neben Marx auch eine Engelsfigur an der Fassade anzubringen – wenn auch ohne offiziellen Auftrag und auf eigene Rechnung. Ob der Witz Folgen hatte, sich etwa jemand nicht ernst genommen fühlte, ist nicht überliefert – immerhin stand der Marxismus in der Zeit vor dem Mauerfall auch in West-Berlin bei so manchem hoch im Kurs.

Karl-Marx-Porträt Neukölln
Karl-Marx-Porträt mit „Engels“ (einem Putto) an der Fassade Karl-Marx-Straße 1 (Ecke Hermannplatz) in Berlin-Neukölln. © Berlin | Uta Keseling

Wedding: In diesem Haus stand der „Gesundbrunnen“

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Auch in Gesundbrunnen (Berlin-Mitte)stand ich bei einer Recherche vor einem Rätsel: Wo genau lag die Quelle des namensgebenden Heilwassers? Ich hatte sogar direkt vor der Antwort gestanden – nur leider nicht nach oben geschaut. Das „Luisenhaus“, erbaut Anfang des 20. Jahrhunderts an der Badstraße, trägt den Tempel der einstigen Quelle ganz oben als Stuck-Bild in der Fassade, samt lateinischer Inschrift: „In Fonte Salus“ („In der Quelle das Heil“). Im Keller des Gebäudes soll sich bis nach dem Krieg der Brunnen befunden haben, aus dem die Quelle einst sprudelte, die aber irgendwann versiegte. An den Brunnen erinnert sich unter anderem der Stuckateur, der in Gesundbrunnen aufgewachsen ist. Das Brunnenhäuschen selbst war 1908 für den Straßenbau abgerissen worden. In den 1960er-Jahren wurde auch der Brunnen zubetoniert.

Wohn- und Geschaeftsgebaeude Luisenhaus in der Badstrasse , Wedding, Berlin
Das Luisenhaus an der Badstraße in Berlin-Gesundbrunnen: Am Giebel ist das Brunnenhäuschen verewigt. © picture alliance / Global Travel Images | Global Travel Images

Pankow: Tram hielt 25 Jahre lang an einem Platz, den es nie gab

Und noch ein Rätsel konnte mithilfe eines aufmerksamen Lesers gelöst werden: „Navarraplatz, wo bist du?“ Selbst bei einer Vor-Ort-Recherche im Pankower Ortsteil Französisch Buchholz hatte ich außer einer Tramhaltestelle dieses Namens keinen Hinweis auf diesen Platz gefunden. Lars Bocian, CDU-Abgeordneter und Vorsitzender des Bürgervereins Französisch Buchholz, kannte die Lösung: Der Platz war eine Idee von Stadtplanern in den 1990er-Jahren, die aber nie umgesetzt wurde. Warum es dennoch 25 Jahre lang eine Tramhaltestelle dieses Namens gab (am 14. Dezember wurde sie umbenannt), gehört zu den besonderen Rätseln Berlins.

Diese wiederum machen, wenn man so will, einen Teil unserer Stadt aus. Sie erzählen sie vom besonderen Berliner Humor, manchmal leider auch von Schlendrian und Gedankenlosigkeit. Jedenfalls sollten wir hinschauen und nachfragen. Wenn Sie mehr Berliner Merkwürdigkeiten kennen, gelöste wie ungelöste, mailen Sie mir gern: stadtflucht@funkemedien.de.

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