Freunde aus München und Bremen stellten wir neulich eine Frage. Sie waren in Berlin zu Besuch und hatten die Pfaueninsel als Treffpunkt vorgeschlagen. Ihr Interesse galt der skurrilen Geschichte des Eilands, jenem künstlichen Paradies, wo es schon seit dem 18. Jahrhundert um die Sehnsucht nach Exotik und wilden Tieren ging und die Liebschaften eines Königs – und um große Gartenkunst. Es war ein sonniger Ferientag, die Menschen waren gut gelaunt, und der Wannsee mit seinen Segelbooten bot eine Traumkulisse. Doch noch bevor wir die Fähre betraten, kam die Frage auf: Wie es denn um Berlins Grünflächen und Parks bestellt sei? Man habe da Übles gelesen.
Ich beeilte mich zu versichern, dass die Pfaueninsel nartürlich der pure Gegenentwurf des Görlitzer Parks ist. Weit weg von all diesen Berliner Orten, die tagtäglich mit Spritzenbäumen und Elend Schlagzeilen machen. In Berlin, meinten die Gäste, sei das Elend schon ziemlich sichtba. In praktisch jeder S-Bahn treffe man auf Menschen, denen es ganz offenbar schlecht geht. „Bettler, Drogen, und es liegt auch wirklich viel Müll überall an den Straßen.“ Ich widersprach nicht. Auf der Hinfahrt hatte ich tatsächlich am hinterm Rathaus Steglitz gerade eine ganze Ansammlung elender Zelte auf einer verwilderten Grünfläche entdeckt.
Wie hat München dieses Wunder vollbracht?
Doch München, das erfuhr ich von den Freunden, während wir durch das Paradies namens Pfaueninsel schlenderten, hat inzwischen ähnliche Probleme wie Berlin. Bremen sowieso, berichteten die anderen. Es klang ziemlich hoffnungslos. Fast verwundert erzählten die Münchner davon, wie bei ihnen immerhin ein berüchtigter Park binnen kürzester Zeit vom Ort für Drogenkonsum, Verwahrlosung und Kriminalität zurückverwandelt wurde in eine Erholungsfläche für alle. „Es ist wieder wie früher“, meine ein Freund. Wir Berliner und Bremer staunten.

Wie hat München dieses Wunder vollbracht? Ich recherchierte im Archiv der „Süddeutschen Zeitung“. Und stieß auf eine Schilderung, die mich staunen ließ. Auch München, verstand ich, hat zwar seine eigenen Begriffe, die Probleme zwar adressieren, doch ohne sie wirklich zu benennen. Die „Wohnungsflüchter-Szene“ zum Beispiel. Gemeint sind Menschen, die es in ihren Wohnungen nicht aushalten und die sich tagsüber auf der Straße aufhalten, las ich. Offenbar meist trinkend und lärmend, weswegen sie stören. Früher hätte man solche Menschen deshalb wohl „Trinker“ genannt. In Berlin würde sie man eher „stadtarm“ oder „einsam“ nennen. Oder pauschal „Obdachlose“.
„Alter Botanischer, was haben sie mir dir gemacht?“

Während ich mir durchlas, wie der Alte Botanische Garten von seinem schwierigen Publikum „befreit“ wurde, gingen mir zwei Dinge durch den Kopf. Zum einen die Maßnahmen: Mehr Polizeikontrollen, mehr Licht, Gebüsche zurückschneiden und radikale Verbote, hieß es, hatten geholfen, den Park von der „No-go-Area“ zurückzuverwandeln in ein Naherholungsgebiet. Das schrieb die Süddeutsche Zeitung verwundert: „Alter Botanischer, was haben sie mit dir gemacht?“

Die Mittel der Wahl waren Überwachungskameras, „futuristische Laternen“ und die Brigaden des „Kommunalen Außendiensts“, kurz KAD. Ich versuchte, mir auch diese Vokabel zu merken. Mit sogenannten „Konzepteinsätzen“ seien KAD und Polizei den „Stammgästen“ so auf die Nerven gegangen, dass sie freiwillig den Park verließen. Geholfen habe dabei nicht nur ein Messerverbot ähnlich wie in Berlin. Auch der Konsum von Drogen und sogar Alkohol wurde untersagt. Kiffen ist in Münchener Parks ohnehin vollständig verboten. Lediglich Bier gab es in einem abgegrenzten Bereich des Alten Botanischen Gartens noch – per Sondergenehmigung in einem sogenannten „Kulturbiergarten“. Auch der hat inzwischen zu – wegen Saisonende.
Okay, aber. Das würde in Berlin, der Stadt ohne Polizeistunde und ohne Regeln nie funktionieren. Niemals! Oder? Und würden es die Berlin überhaupt wollen? Angesichts all der Spätis, Party-Brücken und bunten Parks erscheinen mir saisonale „Kulturbiergärten“ und Kiffverbote fast noch exotischer als die Pfaueninsel.



