Frisch gebackenes Brot, am besten noch warm, bestrichen mit Butter und anschließend mit Zucker bestreut, mich machte das als kleiner Junge glücklich. War das Brot dann älter, wurde es mit Butter und Zwiebeln von meiner Großmutter knusprig in der Pfanne gebraten; auf dem offenen Herd und gegessen wurde es dann kuschelig zugedeckt in ihrem Bett. Auch das ist eine sehr schöne Erinnerung. Noch besser aber ist das Bild meines Vaters, wenn er später, ich war da wohl bereits 14 Jahre alt, mit zwei Pfannen in der Küche hantierte.
Nicht nur die Küche roch danach, der Duft breitete sich im gesamten Haus aus. Und mein Vater hatte echt zu tun. Entsprechende Küchenmaschinen gab es damals wohl noch gar nicht, zumindest nicht bei uns und meine Eltern waren sparsam. Eine Maschine für mehrere hundert Mark hatte meine Mutter auch in späteren Jahren nicht. Handarbeit war also angesagt und zunächst mussten Berge an Kartoffeln geschält werden, dann gerieben, da konnten meine Freunde und ich dann mithelfen und ich erinnere mich an manch blutigen Finger. Jeder Sitzplatz in der Küche war belegt. Zu solchen „Sessions“ kamen manchmal bis zu sechs Freunde von mir. Hungrig waren wir in dem Alter immer. Das nur zu den Mengen, der Rest der Familie war aber auch hungrig.
In Püree kann ich mich legen, Pommes sind verdammt lecker
Reis ist für mich okay, ist nicht meine Lieblingsbeilage, Nudeln in vielen Varianten schätze ich schon mehr, Kartoffeln dagegen stehen schon immer hoch im Kurs: Schlichte Salz-, mehr aber Pell- und Bratkartoffeln, in Püree kann ich mich legen, Pommes sind verdammt lecker, gefüllt, als Gemüse, das ist mehr als eine Sättigungsbeilage.
Nicht nur die Küche riecht heute, gut 50 Jahre später, danach, auch jetzt ist es die gesamte Wohnung. Meine Freundin Maria macht Kartoffelpuffer .Und gleich geht’s los. Einige esse ich mit Kräuterquark, den habe ich gemacht, und dann vielleicht noch einen mit Apfelmus. An Musik läuft „Archive“ und das Hefewezzen schmeckt schon mal lecker.
Maria macht den trockenen, weißen Landwein auf, ich bleibe beim Hefe, eine unschlagbare Variante aber ist normaler Apfelsaft. Festkochende, geriebene Kartoffeln, Mehl, Ei, eine Prise Salz sind die Grundzutaten, wer mag nimmt etwas Pfeffer, auch Muskatnuss und eine geriebene Zwiebel, gebraten in Öl (manchmal nehme ich Butterschmalz) – die Zutatenliste ist recht überschaubar.
Mit kaum einen Gericht verbinden wir wohl so viele Kindheitserinnerungen
Auch interessant
Bis das Essen fertig ist, noch schnell im Internet nachgeschaut: Kartoffelpuffer, Reibekuchen, Reibedatschi, Baggers, Kartoffelküchle, Keulchen, Detscher, die Liste der unterschiedlichen Namen ist lang, weist auf regionale Zugehörigkeiten. Hash Browns in den USA, Latkes in der jüdischen Küche, die Schweden essen Raggmunk (mit Preiselbeeren und Bacon), die Türkei (hier mit Zucchini und Schafskäse), Polen, viele andere Länder, die Puffer sind eine recht internationale Angelegenheit. Böhmen und Österreich werden im Netz überwiegend als Ursprung angesehen, andere beheimaten das deutlich östlicher. Das kann uns egal sein, mit kaum einen Gericht verbinden wir gemeinsam wohl so viele Kindheitserinnerungen. Oft waren es die Großeltern, die sie zubereiteten, wunderschöne Bilder haben viele dazu.
Wer keine Zeit hat, greift schon mal zu den recht preiswerten Teilen aus der Tiefkühltruhe, ich rate aber zu echt guten Kartoffeln und der frischen Zubereitung. Dann werden Kartoffelpuffer fast zur kleinen Erlebnisküche. Und es kommt auf die Gesellschaft an! Frisch und heiß und kross aus der Pfanne und ist mal kein anderer Belag zur Hand, Zucker geht wunderbar.
Auch interessant
Traditionen sind uns wichtig, „alte Geschichten“ darüber zu erzählen, gehört dazu
Wir futterten und futterten damals als Jugendliche, für meinen Vater war’s Schwerstarbeit, die er aber sehr gerne machte, man sah es ihm an. Manchmal geht die Liebe zu den Vätern durch den Magen. Kommen meine Enkeltöchter das nächste Mal zu Besuch, ich nehme mir das fest vor, es gibt Kartoffelpuffer.
Traditionen sind uns wichtig, „alte Geschichten“ darüber zu erzählen, das gehört dazu. Ich freue mich, lebe in einer prima Gegenwart, gehe aber auch gerne den Erinnerungen nach. Danke für das tolle Essen, Maria (und danke auch Dir, Papa, selbst mehr als 50 Jahre danach).





