Mit Zeit hat es zu tun, auch Fantasie und Geld spielen eine Rolle, aber nur bedingt. Denn es müssen im Dezember nicht zwangsläufig Erdbeeren sein. Essen hat aber nicht nur mit mit der Zufuhr von Kalorien zu tun, kann auch Ausdruck von Lebenslust sein, manchmal sogar von Liebe. Und es ist dabei nicht schädlich, wenn wir uns verwöhnen, unsere Kinder, Enkelkinder, unsere liebsten Menschen und manchmal auch uns selbst.

Mein Berufsleben war manchmal recht eng getaktet. Oft stand ich früh um fünf auf, für Frühstück war selten Zeit, Kaffee und vielleicht ein frisch gepresster Saft, das war‘s. Die erste Mahlzeit war dann oft gegen elf Uhr ein Brötchen aus dem Kiosk, manchmal war es ein Stück Kuchen. Richtig gegessen hatte ich dann am Abend. Immerhin, dick wurde ich davon nicht.

Dieter Puhl hat mehr als 30 Jahre in der Wohnungslosenhilfe in Berlin gearbeitet. Neben sozialen Themen widmet er sich in seiner Kolumne dem Älterwerden.
Dieter Puhl hat mehr als 30 Jahre in der Wohnungslosenhilfe in Berlin gearbeitet. Neben sozialen Themen widmet er sich in seiner Kolumne dem Älterwerden.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Zeit habe ich nun als Rentner reichlich und ich genieße es nun sehr, (fast) jeden Tag einkaufen zu gehen. Da kommt nun einfach mehr Vielfalt auf den Tisch. Und ich koche wieder gerne regelmäßig, für meine Freundin und für mich. Und meiner Freundin, die gerade eine Umschulung macht, mache ich nun jeden Morgen ein Frühstückspaket für die Schule. Siehe Einkaufen: Es gibt so eine Vielfalt an gutem Brot, leckerem Käse, mal auch Wurst, ein kleiner Joghurt, ein Getränk. Bei Obst und Gemüse kann es ruhig jeden Tag etwas Abwechslung sein. Manchmal ein paar Nüsse, gelegentlich ein Riegel, ab und an hübsche Kleinigkeiten vom Markt … Sich gesund zu ernähren, ist doch keinesfalls schädlich.

Langeweile auf dem Tisch fand ich immer furchtbar

Marias Pausenbrote sollen ihr doch auch Spaß machen und überraschen, ich gönne ihr die tägliche, kleine Auszeit. Pausenbrote können aber auch zeigen: Ich hab‘ dich lieb! Und oft schreibt mir Maria dann übrigens aus der Schule eine SMS und freut sich über kleine Leckereien. Das wiederum freut mich und macht mir gute Laune. Ein prima Kreislauf!

Langeweile auf dem Tisch finde und fand ich immer furchtbar. Vieles von dem, was ich nun recht regelmäßig esse, war mir als Kind fremd. Brokkoli kannte ich nicht, Zucchini waren ein Fremdwort, Auberginen auch unbekannt, Oliven, selbst Knoblauch aß man 1965 in Altenholz bei Kiel noch nicht. Orangen aber waren manchmal in den Weihnachtspaketen, die mein Vater von seinem Arbeitgeber erhielt. Das war übrigens neben dem Weihnachtsgeld eine sehr hübsche Tradition und hatte auch mit Wertschätzung zu tun. Ich bin sehr dafür, das wieder einzuführen. Getrocknete Datteln und Feigen, mal sogar eine Ananas … wir lernten über die Pakete ein Stück der Welt kennen.

Meine Eltern versorgten uns als Familie prima

Nichts gegen Kohl im Winter oder Äpfel und Birnen, aber es ist schön, wenn der Tisch reich gedeckt ist. Gelegentlich aber pflegen Maria und ich eine kleine Tradition, die aus unseren Elternhäusern kennen: Schnittchen! Wir wechseln uns ab. Schnittchen mit allem Drum und Dran, kleinen Tomaten, Radieschen, einer Gewürzgurke. Es kommt halt auch auf die Verzierung an. Und auf die Erinnerung. Schnittchen hat immer Mutti gemacht, bei Schnittchen dürfen wir wieder Kinder sein. Und es ist gut, wenn diese heutzutage auch der Papa macht. Oder der Großvater, oder der Freund halt. Dann sitzen alle auf dem Sofa und es ist sogar die Glotze erlaubt. Früher „Hans-Joachim Kulenkampff“, heute eher „Killing Eve“. Die Schnittchen aber bleiben.

Ich habe seit langem kein Auto mehr, eine teure Einbauküche habe ich auch nicht, bin beim Konsum zurückhaltend. Denn alles kann ich nicht bezahlen, gutes Essen aber war mir immer wichtig. Schuld daran ist meine Mutter, sind meine Eltern – Danke dafür. Beide versorgten uns als Familie nämlich prima. Ein riesiger Garten, „Nebenerwerbssiedlung“ nannte sich das, die Lagerräume voll bis zur Decke, dazu Enten, Gänse, Hühner, Kaninchen, Schweine, ein angelnder Onkel … Essen war immer da und die Qualität umwerfend. Ist der liebe Gott weiterhin fürsorglich zu mir, möchte ich das auch künftig nie missen.

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