Ich lebe sehr gerne in Berlin. 1975 zog ich in das Evangelische Johannesstift in Spandau, 17 Jahre alt war ich damals, wenige Tage später wurde ich 18. Geplant wollte ich fünf Jahre bleiben, eine Diakon- und Erzieherausbildung machen und dann schnell nach Schleswig-Holstein zurück. Es kam anders. Das fühlte und fühlt sich aber richtig an, ich blieb über 50 Jahre und vermutlich werde ich eines Tages auch in Berlin beerdigt werden.
Berlin ist meine Partnerin, Kreta ist die Geliebte, Altenholz bei Kiel aber ist die Mutter. Und Strande an der Ostsee bleibt Heimathafen. Das hat mit Bildern zu tun, mit Vergangenheit, mit Wurzeln. Eine Nordnase in Berlin, ich bin sehr zufrieden, wenn ich zurückschaue.
Mein Vater, der jeden Abend vor seinem Bett kniet und betet. Seine durch die Arbeit gezeichneten Hände, er war Schlosser, wusch die Hände jeden Abend gefühlte Stunden. Öl, Dreck und Staub, richtig sauber wurden sie nie. Ein sehr einfacher Mensch, vier Jahre durfte er zur Schule gehen, die kleine Landwirtschaft der Eltern in Posen und seine frühe Mitarbeit gingen vor.
Es gibt vieles wiederzuentdecken, Geschichten gehören dazu
Haus, Hof, Garten, Ställe, der Heuboden (und die Felder und Wälder), genug Raum, um jeden Tag zu spielen, genügend Ecken, geheime Welten, in denen meine Schwester und ich jeden Tag kramen konnten. Beim Spielen im Schuppen entdeckte meine Schwester dabei eines Tages eine Schachtel mit vielen Geldscheinen. „Papa war darüber nicht erfreut, das sollte unser Geheimnis bleiben.“
Meine Eltern waren sparsam, 10 DM Taschengeld erhielt mein Vater pro Woche, er war Nichtraucher, bescheiden wie er war, wollte er gar nicht mehr und kam damit auch klar. Und meine Mutter, sie nahm sich gar kein Taschengeld. So war das damals. Verwaltete aber das Geld, auch das war in vielen Haushalten so.
Ein Armband zum 60. Geburtstag meiner Mutter sollte es damals sein
Jahrzehnte ist das her: „Hast du bitte etwas Zeit und kannst mit mir zum Juwelier nach Kiel fahren?“ Mein Schwager war überrascht über die Bitte seines Schwiegervaters und beide steuerten etwas später den Juwelier Mahlberg in der Holstenstrasse an. Das war und ist die erste Adresse für Schmuck im Norden. „Wir schätzen das direkte Gespräch mit unseren Kunden“, so wirbt man auch heute noch auf der Homepage. Umgezogen hatte sich beide aber nicht und der Seniorchef dort staunte wohl nicht schlecht über die beiden Menschen in Blaumännern vor seinem Tresen.
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Gartenerde an den Schuhen, ein Sonntagsanzug sieht anders aus, ein Spontanbesuch war das halt. Ein Armband zum 60. Geburtstag meiner Mutter sollte es damals sein. „Und das erste Armband für wohl 100 DM gefiel deinem Vater gar nicht“, erzählte mein Schwager lachend. „Das durfte ruhig schöner sein, auch teurer.“ 500 DM, 1000 und 2000 DM waren die nächsten, zögerlichen Offerten; zufrieden sei mein Vater mit ihnen nicht gewesen. So richtig aber vertraute der Juwelier den Wünschen nicht. Das zog sich hin. Beim Angebot für 4000 DM aber hätten Augen des sonderbaren Kunden sogleich gestrahlt. „Bitte einpacken.“
Reichtum ist oftmals mehr als der Kontostand
Erstaunt blieb der Juwelier und war vermutlich auch verwundert, als mein Vater dann aber in seine Jackentasche griff, um mit einer recht großen Rolle zum Teil etwas abgewetzter, kleiner Geldscheine zu bezahlen. Solche Kunden hatte er selten. Papa war also sehr zufrieden und die Freude meiner Mutter beim Geburtstag war dann später groß. Zur Goldenen Hochzeit, einige Jahre später, gab‘s dann einen schönen Ring.
„Wie hat er das nur mit 10 DM Taschengeld hinbekommen?“ Wir wissen‘s nicht. Was Liebe, Fürsorge und Geborgenheit sind, das aber durften wir erfahren. Ich freue mich auf unseren Urlaub und das Ausbuddeln längst vergessener, kleiner Geschichten. Und das Auffrischen einfacher Erkenntnisse: Reichtum ist oftmals mehr als der Kontostand. Und arm ist man, hat man niemanden, für den man sorgen kann.



