In Berlin zu wohnen bedeutet, mit einem Alltag zu leben, den niemand so richtig versteht. Was hier ist Trend, was gaga, was stilistisch herausragend, was kann definitiv auf den Müll? Man kann nie sicher sein. Außer, dass es fast nichts gibt, das nicht nachgeahmt wird. Warum diese Trends ziemlich daneben sind:
Kochen unter Lebensgefahr: Omelett aus der S-Bahn, Hummer vom Kran
„Da kocht einer! Einfach geisteskrank! Geh‘ mal facetime, sofort oder komm Voltastraße U-Bahnhof, sofort!“ Die Frau mit dem Handy umkreist aufgeregt einen Mann, der am Bahnsteig oben auf einem Snackautomaten sitzt – und auf der Gasflamme eines Campinggrills einen Cheeseburger brät. Das Video vom Video hat eine dritte Person gedreht. Denn natürlich ist dieser Koch nicht „geisteskrank“, sondern auf Follower aus. Wir sind in Berlin, alles hier ist Film. Und auch ein bisschen krank.

Mit seinen Guerilla-Kochvideos hat der „Gostchef“, so nennt er sich, auf Instagram mittlerweile rund 55.000 Follower gesammelt. Mal gibt‘s Burger im Bahnhof, mal wird wildfremden S-Bahn-Fahrgästen ein Omelett bereitet, kurz ist ein Hummer auf einem Baukran zu sehen. Die gefährliche Schnitzeljagd vom Armaturenbrett im Paketauto bis zum Alexanderplatz goutierten fast 80.000 Besucher. Das Storytelling: Ein Bro aus dem Kiez mit offenbar exzellenter Kochausbildung will endlich was für die echten Menschen tun. Für die „real people“ auf der Straße, im Bahnhof, Leute im Park oder Obdachlose. Erzählt wird das als Gangsta-Rap zu aufregenden Wackelbildern wie vom U-Bahnsurfen. Der gefährliche Kochzirkus im fahrenden Auto oder mit offenem Feuer im Bahnhof: eher daneben. Der Teil mit dem Kochen für andere: geht voll in Ordnung.
Peinliche Pilger auf Rapper Pashanims Spuren

Sechs Jahre ist es her, dass der heute berühmte Berliner Rapper Pashanim in Kreuzberg einen Hauseingang als Location auswählte, um dort einen Song mit dem sinnigen Titel „Hauseingang“ aufzuzeichnen. Im Video hängt er mit Freunden jenem Hauseingang ab - der in echt gar nicht seiner ist. Er rechnete wohl selbst nicht damit, dass Jahre später Fans das Video für bare Münze nehmen und zur Pilgerstätte machen würden. Über und über ist der Eingang zur denkmalgeschützten Anlage „Riehmers Hofgarten“ bekritzelt und beschmiert. Immer wieder kämen Fans mit Filzstiften und Spraydosen, sie „hinterlassen Müll und Dreck, machen Lärm“, sagte der Geschäftsführer der Hausverwaltung jetzt dem RBB. Inzwischen reagierte der Rapper persönlich und bat seine Fans, den Hauseingang zu respektieren, wie der RBB berichtet. In einer Story habe er geschrieben: „Die Leute da haben seit 3/4 Jahren kein normales Leben mehr.“
Pipi und Panikattacken: Hört auf, uns vollzuzetteln
Selbst die unendlichen Weiten der Sozialen Medien haben dem Kreuzberger Mitteilungsbedürfnis kein Ende bereitet, das sich Zetteln, Aufklebern oder auch Transparenten an Laternen, Zäunen Elektrokästen und Hauswänden Bahn bricht. So erfährt man aktuell nicht nur, dass die Welt „bereit sei für einen neuen Papst“, in diesem Falle ein Nachkomme des Propheten Mohammed, dass jemand „Keinen Bock mehr auf Nazis“ hat und anderer Trainings gegen Panikattacken anbietet. Daneben hat jemand ein laminiertes Riesenschilds an einem Hosengummi an Kastanie gehängt: „Ich bin 120 Jahre alt und die älteste Rosskastanie in der Hasenheide“, wird darauf behauptet, „ich leide, meine Kräfte schwinden, denn Mensch und Tier pinkeln mich an, Zigarettenkippen verseuchen mein Trinkwasser, Müll wird in meine Baumscheibe gekippt.“ Klar, Berliner sind für ihre Baumliebe berühmt. Und sie werfen ihren Müll überall hin. Aber, ganz sicher: Sie werden es auch trotz dieses Schilds weiter tun. Ebenso, wie die Kreuzberger weiterhin ihre Nachbarschaft vollzetteln werden. Leider.
Nuckelbecher für Erwachsene statt Wegebier
Zu den Getränke-Trends, die wider Erwarten nun doch verschwinden, gehört ja das Wegebier, das vielen Hipstern quasi an der Hand festgewachsen zu sein schien. Abgelöst wurde es von unförmigen Riesen-Nuckelbechern für Erwachsene: Thermosbecher, aus denen ein fest installierter Trinkhalm ragt. Den Stanley Cup, benannt nach dem Eishockey-Pokal, gibt es inzwischen in jedem Ramschmarkt. Wenn das als Argument nicht ausreicht: Der Trend kommt von Tiktok. Von 2023.





