Um es vorweg zu sagen: Diesen Job habe ich geliebt. Die Nächte in jenem magischen Jahr 1990, als ich in einem – nach meinen Maßstäben – riesigen Mercedes nachts über Berlins damals noch ebenso leere wie riesige Straßen rollte. Mit angetrunkenen Theater- und Clubgästen, Paradiesvögeln oder auch typischen Eckkneipengängern als Gesellschaft pendelte ich zwischen den Welten. Zwischen Tag und Nacht, Ost und West, durch eine Stadt, die für einige Monate aus der Zeit und all ihren Zusammenhängen gefallen zu sein schien. Es war wie im Kino. Nur in echt.

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von Instagram, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Für den Job als Taxifahrerin hatte ich mich nach allerlei öden Aushilfsjobs aus Neugier und Geldgier entschieden. Berlin war 1990 nach dem Mauerfall ein Abenteuer, für alle. Und es war voller Touristen. Aushilfsfahrer wurden dringend gesucht. Ein Freund erzählte, im Taxi sei das Doppelte und Dreifache zu verdienen. Einige Wochen verbrachte ich damit, den West-Berliner Stadtplan auswendig zu lernen (für Ost-Berlin gab es noch keine Prüfungsfragen). Dann, an einem heißen, hellen Juniabend 1990 ging es los.

Sicherheitsmaßnahmen im Taxi: Notknopf und Codewort

Erst, als ich an der Taxihalte stand, bekam ich Bedenken. Das Funkgerät knackte, um mich herum brüllte der Verkehr am Hermannplatz. Würde ich die Adressen finden? Als sich der erste Fahrgast auf die Rückbank fallen ließ, gestand ich: Ich hatte alles vergessen. Er lotste mich höflich zum Ernst-Reuter-Platz. Und stellte zwei Fragen, die ich vier Jahre nicht wieder los wurde: Ob ich keine Angst hätte? Doch, natürlich!, räumte ich ein. Immerhin kannte ich große Teile Berlins nur vom Stadtplan, Navis gab es nicht. Und der Verkehr! Nein, das meinte er nicht. Aber so ganz allein mit fremden Männern im Taxi..., war das nicht unheimlich? Als ich verneinte, kam Frage zwei: „Warum nicht?“

Praktisch gesehen war der Grund einfach. Es gab eigentlich selten richtigen Ärger. Messer, Macheten, Pistolen waren damals Ausnahmen, nicht Alltag wie heute. Nachdem ein Betrunkener versucht hatte, mir ins Lenkrad zu greifen, saßen meine Fahrgäste hinten. Meine Kollegen hatten mir dafür den Spruch beigebracht: „Beim Kutscha sitzense ooch nich uffm Bock.“ Ich lernte schnell, ausreichend zu berlinern und merkte mir Sprüche für alle Fälle. Wenn jemand zudringlich wurde, eröffnete ich ihm die Alternative, zu Fuß weiterzulaufen. Wurde der Ärger zu wüst, fuhr ich an den Straßenrand und stieg meinerseits aus. Es gab einen Notknopf und ein Codewort im Taxifunk, einige Male half mir das. Einmal wurde ich beklaut, von einer drogensüchtigen Frau, die mich ablenkte und meine Kasse mitnahm. Ansonsten hatte ich Glück.

Gewalt gegen Frauen gab es allerdings schon. Männer, die Frauen auf der Rückbank bedrängten, beschimpften und schlugen. Ich versuchte, Hilfe anzubieten, was meist misslang, oft aus sprachlichen Gründen. Einmal fuhr ich drei blutende, weinende, sehr junge Mädchen vom Stadtrand zurück an den Strich an der Kurfürstenstraße. Ohne Taxameter. Mehr Hilfe wollten sie nicht.

Warum ich Frauen-Taxis eine gute Idee finde

Dabei waren auch die schönsten Fahrten oft die mit Frauen. Kneipenpersonal, Krankenschwestern, oft auch Prostituierte bestellten gezielt Taxis mit Fahrerin. Eine zog sich auf dem Weg zum Job um. Sie stieg im Wedding als normale Alltagsfrau ein und am Hackeschen Markt als aufgetakelte Blondine wieder aus. Dort gab es eine Art Luxus-Strich.

Angst hatte ich damals als Taxifahrerin nie, umgekehrt, als Kundin, ist es mir oft unangenehm, im Taxi zu fahren. Dann fühle ich mich tatsächlich ausgeliefert. Im besseren Fall geht es nur um mir unbekannte Route oder dummes Geschwätz über Politik, das ich nicht hören will. Oft wurde ich gefragt, ob ich nicht noch einen „Kaffee“ trinken wolle oder bekam ungefragt Telefonnummern überreicht. Als Fahrerin komplimentierte ich solche Gäste aus dem Auto. Als Kundin gebe ich Fahrern bis heute nie meine konkrete Adresse. Richtig übergriffig ist zwar nie jemand geworden. Aber die Idee eines Taxidienstes für Frauen, bei dem eine Fahrerin kein Sonderwunsch ist, sondern die Regel, finde ich gut. Was meinen Sie? Mailen Sie mir gern: stadtflucht@funkemedien.de

Mehr zum Thema