Natürlich wollte ich demonstrieren, nötig ist das unverändert, geschenkt wird im Berufsleben wenig. Ziele, für die es sich einzusetzen lohnt, gibt es etliche. Vermutlich wäre es die Kundgebung des DGB geworden und danach hätte ich mich langsam auf den Weg nach Kreuzberg gemacht, mit anderen gemeinsam zu feiern, auch das gehört für mich zum 1. Mai dazu. Stattdessen lag ich mit einer prächtigen Erkältung auf dem Sofa, eine heiße Zitrone mit Rum trösteten mich. Ich stehe auf Hausmittel.

Und da ich nicht halbtot, sondern nur erkältet war und mir dann auch noch langweilig wurde, griff ich nicht zur Feder, aber zum Laptop. „So, wie sie sich im Leben für andere eingesetzt haben, haben sie wohl immer sehr gerne gearbeitet,“ vermuten die einen. „Ohne Arbeit geht‘s bei ihnen sicher auch als Rentner nicht“, die anderen.

Beide Einschätzungen möchte ich korrigieren: Hätte mir mit 18 Jahren jemand regelmäßig monatlich 1500 D-Mark überwiesen, ich wäre bis zum heutigen Tag sehr gut ohne Arbeit klargekommen. Und Zeit als Rentner zu haben, ist etwas Tolles und immer wieder fällt mir etwas ein, was ich mit ihr anfangen kann.

Prost auf die Gewerkschaften!

Ich musste also arbeiten, weil mir ja damals leider niemand das Geld schenkte. Ich habe Wildschweine vertrieben: Sechs Monate bewachte ich als junger Mann eine Kiesgrube in Berlin-Spandau, das war ja noch okay. Sechs Monate Treppen im Krankenhaus zu putzen, fand ich aber nicht prickelnd, im Krankenhaus dann in der Pathologie wurde es richtig unheimlich. Hooke, also Helfer auf dem Bau zu sein, war furchtbar. Den Herausforderungen war ich einfach nicht körperlich gewachsen.

Acht Jahre war ich dann Heimerzieher, das war mehr als eine Episode. Die anschließenden Jahre in der Häuslichen Krankenpflege fand ich gut. Damals, 40 Jahre ist das her, gab es noch Zeit für ältere Menschen. Es gab viel über das Leben zu reden. Spaziergänge, Geschichten, tolle Biografien, ich lernte von älteren Damen Spargelsuppe zu kochen und Tafelspitz und Königsberger Klopse zuzubereiten. Wohl 1000 Toiletten zu putzen, das war die andere Seite der Medaille. 6,78 Mark pro Stunde aber waren mies. Da bereite ich mir gleich noch einen heißen Rum zu: Prost auf die Gewerkschaften! Mit der Bezahlung bekamen Menschen damals keine Familie satt.

Dann, in der Betreuung obdachloser Menschen, war es über 30 Jahre richtig okay. Wenn schon Arbeit, dann etwas Vernünftiges … Das hat oft sogar Spaß gemacht. Ein paar Tage mit 16 Stunden Arbeit am Tag waren auch dabei. Arbeitet man mit Menschen, haben sie es aber verdient, dass man Grenzen auslotet.

Später war ich als Chef leider aber auch nicht immer eine Granate

Vorgesetzte hatte ich eigentlich immer, manchmal hatten sie einen hübschen Dienstwagen, manchmal tolle Häuser oder Eigentumswohnungen. Das Dreifache meines Gehaltes aber hatten sie immer. Mindestens. Und waren manchmal fleißiger als ich. Manchmal. Freundlich waren viele, aber nicht alle. Gerecht wenige. Später war ich als Chef leider aber auch nicht immer eine Granate.

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Ich war recht fleißig, an Gespräche aber, wie ich noch mehr arbeiten könne, meine Leistung steigern, kann ich mich durchaus erinnern. Ein paar davon waren frech. Ob ich denn mehr verdienen möchte, ob Überstunden bezahlt werden, diese Unterredungen sind mir dagegen entfallen. Und ich merke es heute an der Höhe der Rente. Aber dennoch: Mein Kühlschrank ist voll und für zweimal Kreta jährlich reicht es allemal. Bei anderen Dingen wird‘s aber auch bei mir eng.

Und manchmal habe ich sogar von der Arbeit geträumt, vieles begleitet in den Schlaf. Gelegentlich habe ich von unfairen Geschäftsführerinnen und Geschäftsführern geträumt und ab und an lag ich nachts dann über Stunden wach.

Und nun, seit knapp drei Jahren, bin ich Rentner und mache überwiegend nichts. Das ist sehr oft eine ganze Menge. Und ich habe Zeit. Neben Liebe und Gottvertrauen mein wichtigstes Geschenk. Rechtfertigen muss ich mich nur noch vor mir selbst, vielleicht noch vor meiner Freundin Maria, wenn das gekochte Ei zu weich ist. Finde ich gut! Nächstes Jahr zum 1. Mai aber, da bin ich wieder mit dabei, versprochen. Denn geschenkt wird wenig im Berufsleben.

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