Es klingt nach Sinnsprüchen, wie Ur-Oma sie in Kissen gestickt hat: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Und: Es bringt nichts, der reichste Mensch auf dem Friedhof zu sein. Nicht jeder würde da zustimmen, wovon Grabmale künden, die mit viel Geld, Marmor und Gestaltungsdrang von Menschen künden, die große Industrielle oder sonst wie wichtig waren. Und jetzt etwa zwei Meter tief liegen, weil sie keine bedeutsamen Mitglieder der Gesellschaft mehr sind, sondern nur noch tote Körper. Der Tod ist ein großer Gleichmacher.

Es gibt noch etwas zwischen den Extremen Mausoleum und Reihengrabstelle. Die Vorfahren von Tini Gräfin Rothkirch haben ein Familiengrab. In Hessen, zwischen Kassel und Marburg, in der Nähe des früheren Schlosses ihres Großvaters. Man könnte so ein abgezäuntes Familiengrab für acht bis zehn Särge als Abgrenzung zu den umliegenden Grabstellen der früheren Landarbeiter betrachten. Aber das wäre zu abgehoben, das gehört sich nicht. Und es geht ja auch weniger um Abgrenzung als um die Demonstration von Zusammenhalt. Die im abgezäunten Bereich gehörten zur Familie.

Tini Gräfin Rothkirch mag die Berliner Friedhöfe

Ob von ihr auch erwartet wird, dass sie sich später mal dazulegt? Tini Gräfin Rothkirch, die Vorsitzende vom Renn-Klub Hoppegarten, verneint mit einer ganz praktischen Begründung: „Ich bin ja in Berlin.“ Hier geht sie gern auf Friedhöfen spazieren. „Friedhöfe ziehen mich an. Berlin hat wunderschöne. Ich bin bloß immer erschüttert, wenn ich vor verwilderten Gräbern stehe. Da frage ich mich, was passiert ist. Ob ich mich um ein Grab kümmern will und kann, weiß ich doch vorher.“

Auf einem der Berliner Friedhöfe, auf denen Tini Gräfin Rothkirch gern mitten in der Stadt Ruhe sucht, könnte sie irgendwann auch mal landen. Ganz genau weiß sie das noch nicht, aber sicher ist sie sich in der Ablehnung einer Seebestattung: „Meine Mutter wollte unbedingt in die See und diesen Wunsch habe ich ihr natürlich erfüllt. Im holsteinischen Neustadt. Ich hätte allerdings lieber ein Grab, an dem ich sie besuchen und mit ihr kommunizieren kann. Sie fehlt mir immer noch jeden Tag sehr. Mutter ist eben Mutter.“

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Die Mutter war erst 66 und die Tochter 39, als 1993 der endgültige Abschied nötig wurde. „Vorher hatte sie immer wieder vom Sterben gesprochen und davon, dass sie genau aufgeschrieben hätte, was dann passieren soll. Als es so weit war, habe ich keine Notizen, keine Vorbereitungen gefunden. Und war auf meine Erinnerungen an die Gespräche angewiesen.“

Die Suche nach den eigenen Wurzeln führte nach Schlesien

Der Wunsch nach einer Seebestattung oder nach einer im Begräbniswald entsteht oft aus dem freundlichen Gedanken heraus, den Hinterbliebenen nicht zur Last fallen zu wollen. So war das auch bei Tini Gräfin Rothkirchs Mutter: „Sie sagte: ‚Wer weiß, wo du in einigen Jahren bist? Und dann ärgerst du dich über die Rechnungen vom Friedhof und darüber, dass du dich nicht selbst kümmern kannst. Stell dir ein Bild von mir hin und daneben eine Rose.‘ So habe ich es tatsächlich gemacht.“

Eine Reise nach Schlesien, wo ihre Familie ursprünglich herkommt, hat Tini Gräfin Rothkirch allerdings gezeigt, dass auf der Suche nach den eigenen Wurzeln ein Foto mit einer Rose auf dem Kamin mit einem richtigen Friedhof nicht zu vergleichen ist. „Der alte Friedhof ist längst aufgegeben, aber in der Kapelle, wo die Urnen in Nischen standen, flackern immer noch Kerzen. Man erinnert sich eben gern an solchen Orten an die Vorfahren.“

Kolumnist und Trauerredner Andreas Kurtz
Kolumnist und Trauerredner Andreas Kurtz© Christian Schulz | .

Tini Gräfin Rothkirch kann sich eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin vorstellen

Als es vor drei Jahrzehnten für die Mutter Richtung Ende ging, war die Tochter auf einer Geschäftsreise. Und sagte am Telefon ganz konkret, wann ihr Flugzeug geht und dass sie vom Flughafen direkt in die Klinik fahren würde. Dort traf sie die Mutter beim Lösen von Kreuzworträtseln an. Sie hatte auf die Tochter gewartet: „Mein Bruder war da und als ich auch eintraf, dachte sich meine Mutter wohl ‚Jetzt kann ich gehen.‘ Drei Stunden später fiel sie ins Koma.“

Zur Zeitungslektüre am Wochenende gehört für Tini Gräfin Rothkirch auch immer die Seite mit den Todesanzeigen. Inzwischen tauchen darauf immer wieder Menschen auf, die nach ihr geboren wurden. Vor Jahren stand sie einer Freundin bei, deren Sohn im Sterben lag. „Als er dann gestorben war, saß die Freundin da und sagte immer wieder: ‚Er ist nicht tot.‘ Das war so herzzerreißend.“ Inzwischen kann Tini Gräfin Rothkirch sich gut vorstellen, eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin zu absolvieren. „Wenn ich sehe, was für eine großartige Arbeit in Hospizen und auf Palliativstationen geleistet wird, möchte ich das gern unterstützen.“

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