Leben wollte ich dort nie, ich fühle mich ausgesprochen wohl in Berlin. Für ein paar Tage oder sogar Wochen auszusteigen, das wird mir das in meinem Alltag doch zu heftig. Möchte ich meine Ruhe haben, ist seit über 30 Jahren die kleine Pension in Pitsidia auf Kreta mein Sehnsuchtsort. Tasche in die Ecke werfen und los geht der Urlaub. Halt, schnell noch Katzenfutter einkaufen, die Tiere sind hungrig, auch etwas verwöhnt, etliche mit sogar vertraut. Ich kannte ja bereits die „Großeltern“.

Was bin ich reich! Bin ich in Berlin, träume ich mehrfach in der Woche von diesem Ort auf der griechischen Insel. Das hat auch mit der Vermieterin zu tun. Georgia ist nun alt, und krank ist sie seit ein paar Jahren auch. Das war nicht immer so, in jungen Jahren war sie auch eine „Tanzmaus“, später Ehefrau, sehr glücklich zu der Zeit, schließlich leider früh Witwe und auf sich allein gestellt. Als solche wurde sie zur Geschäftsfrau, konnte durchaus auch resolut sein, auch sie brauchte Geld zum Leben.

Schön waren die Abende, wenn sie für alle Gäste der Pension kochte; die Tische bogen sich. Als ich das erste Mal vor Jahren auf den Hof kam, war sie etwa so alt wie ich jetzt. Die Pension hat im letzten Herbst geschlossen, Georgia schaffte es schon lange nicht mehr. Nun wird sie in ihrem Haus gepflegt, lebt in ihren Erinnerungen, wird mich wohl gar nicht mehr erkennen.

Auch andere verloren ihren „Ankerplatz“ auf Kreta

Am 23. März liege ich wieder hin, recht früh in diesem Jahr, ich bleibe 16 Tage, das wird vermutlich reichen. Länger wollte ich gar nicht. Wie so oft im Frühjahr ist es auch eine kleine Flucht vor dem Berliner Winter. Etwas Sonne also, bitte. Meine Seele will um diese Zeit gestreichelt werden. Oft flog dafür nach La Palma in den letzten Jahren, manchmal nach Mallorca, Kreta war dann eher im Mai dran. Ich erinnere mich noch an die Osterferien, kalt kann‘s dort nachts sein, manchmal heizten wir den Kamin in der Gemeinschaftsküche. Nach dem Essen spielten die Eltern Doppelkopf, die Kinder schliefen längst dicht beieinander auf den Bänken. Am nächsten Morgen rochen wir alle wie Räuchermännchen.

Auch andere verloren ihren „Ankerplatz“ auf Kreta, wir Stammgäste sind nun alle verstreut. Diesmal habe auch ich eine andere Pension habe auch ich gebucht, das wird … na ja, es wird sicher anders. Hoch gelegen ist diese, auf einem kleinen Berg am Rand des Dorfes, man hat einen prima Überblick, rechts die Berge, links das Meer. Man muss zum Duschen nicht über den Hof und die Toiletten sind in den kleinen Appartements. Es gibt frische Bettwäsche und man muss die Zimmer nicht selbst reinigen, weil die „Mietefrau“ alt und gebrechlich ist. Tschuldigung, Sch… drauf, ich würde gerne darauf verzichten.

Dieter Puhl
Auch Katzen gehören zum Kreta-Urlaub von Kolumnist Dieter Puhl dazu.  © BM | Dieter Puhl

Ich freue mich auf die Menschen, das Grün der Insel, Blumen auf Kreta, etwas Kultur in homöopathischen Dosen, den Strand, Spaziergänge, gutes Essen, Dialoge mit Gott (ich kann dort einfach prima beten) und werde mal schauen, was es so zu entdecken gibt. Die erste Woche mache ich allein Urlaub und dann, Stand jetzt, kommt Maria nach. Ich hoffe sehr, dass das klappt, ihre Praktikumsstelle muss nur noch zusagen.

Ein prima Ort zu Nachdenken. Aber erst wird noch tüchtig gelebt

Der Hof bei Georgia wird verwaist sein. Hübsch und behaglich wird er nicht sein. Niemand pflegt ihn mehr, niemand gießt die Blumen, pflanzt neue nach. Das Haus verfällt langsam. Mit einem Kaffee oder einer Büchse Bier werde ich mich unter den riesigen alten Gummibaum setzen, den pflanzten Georgia und ihr Mann vor 70 Jahren. Mit einer riesigen Tüte Katzenfutter.

Georgia hat vor ihrer Tür eine kleine Treppe, eigentlich standen dort immer wunderschöne kleine Töpfe mit Pflanzen. Ein paar kann ich ja auswechseln, ich fahre gerne in die Gärtnerei, mopse aber auch Ableger in anderen Gärten. Ich habe auf dem Hof sehr viel erlebt, habe geliebt und gelebt, bin 30 Jahre älter geworden. Meine Tochter tollte hier herum, später meine Enkeltöchter. Und von Jahr zu Jahr spüre ich auch meine Endlichkeit, Vergänglichkeit.

So hat diese Reise auch nicht nur mit dem Abschied vom Hof zu tun, jedes Jahr entferne ich mich auch ein kleines Stück aus meinem Leben. Ein prima Ort zu Nachdenken. Aber erst wird noch tüchtig gelebt. Mensch, bin ich reich …