Ich habe noch alle Tassen im Schrank. Hoffe ich doch. Jede hat dort ihren Platz, anderes als in meiner Wohnung. Marmeladen stehen oben im Kühlschrank, Wurst und Käse im Fach darunter, der Haustürschlüssel liegt immer auf der Ablage im Flur. „Das spart mir das Suchen“, denke ich oft; vieles ist aber im Laufe der Jahre längst mit einem Hauch von Zwanghaftigkeit versehen. Sind Sachen nicht sortiert, macht mich das nervös. Ein paar Jahre lang lebte ich allein, hatte mir nicht nur mein Leben eingeteilt, sondern auch meine Umgebung. Nach Kreta zu fahren gehört dazu, mehrfach berichtete ich hier davon. Dieses Jahr aber geht es im Oktober das erste Mal in meinem Leben nach Portugal, an die Algarve. Schuld ist Maria.
Einige der Leserinnen und Leser dieser Kolumne habe ich im Laufe der letzten Jahre ja kennengelernt, viele sind älter als ich, etliche sind verheiratet oder leben in Beziehungen. Da hat man sich seit Jahren auf sein Gegenüber eingelassen, kennt Eigenarten, Schrullen und Stärken und weiß aber auch, wo man im Alltag mal ein Auge zudrücken muss. Das Leben ist geordnet, Liebe und Wertschätzung sind doch hoffentlich noch vorhanden, Vertrautheit und Loyalität sind vorhanden. Im Idealfall! Trott gibt es wohl auch – mit etwas Glück hat man sich damit aber arrangiert.
Andere leben allein, sind auch mehr oder weniger glücklich damit, werden vielleicht immer kauziger und verschrobener. Träumt man gelegentlich aber von Liebe und Partnerschaft, ist man mit der Zeit schon skeptisch, ob man für eine Beziehung überhaupt noch kompatibel ist. „Auf jeden Topf passt doch ein Deckel“, das ist Theorie, Wunsch und Traum. Wirklichkeit sieht manchmal anders aus.
Für mich begann ein lang ersehntes, spätes und wunderschönes Glück
Maria habe ich vor zweieinhalb Jahren kennengelernt. Bei getrennten Wohnungen leben wir nun seit einem Jahr zusammen. In meiner Wohnung, sie ist größer, mein Kiez ist der eindeutig der Schönere. Das findet auch Maria. Lieber Gott, ich danke dir: Für für mich begann nicht nur ein lang ersehntes, spätes und wunderschönes Glück, ich war immer zuversichtlich, dass du für mich sorgst. Maria danke ich auch. Ich bin in meinen Verschrobenheiten und Eigenarten wohl auch ein Blödmann. Und Gewohnheiten aufzugeben gehört sicher nicht zu meinen Stärken.
Es ist nicht immer leicht mit mir. Wieviel Platz räume ich meiner Liebsten ein? Nicht täglich, aber diese Frage steht doch immer wieder auf der Tagesordnung. Maria hat da gute Chancen (ich auch), denn ich liebe und wertschätze sie sehr. Und einiges, was mir zunächst als Kompromiss erscheint, als schwierige Angleichung, entpuppt sich schnell sogar als Zugewinn. Den Haustürschlüssel zu suchen, den sie woanders hinlegt, das kann auch Reichtum für mich bedeuten.
Meine Wehmut liegt dem Jammern auf allerhöchstem Niveau sehr nahe
Zweimal waren Maria und ich bereits gemeinsam auf Kreta. Nun also Portugal: Was für mich Kreta ist, das ist für Maria nämlich Portugal. Sie hat dort sogar kurz gelebt, spricht im Gegensatz zu mir die Sprache, ich war da leider immer faul, wohl auch unbegabt bei Sprachen. Im Oktober geht es los. Wir freuen uns darauf. Zehn Tage werden es nur, aber immerhin.
So groß die Vorfreude auch ist, etwas Wehmut ist auch dabei. Ich habe manchmal Angst, ich gebe da etwas auf. Meine betagte Vermieterin Georgia, den Traumstrand, die Katzen, das Treffen mit Freunden. Was werde ich an der Algarve entdecken?
Sicherlich Gegenwart mit Maria! Ein Traumstrand für mich allein, das hatte nämlich manchmal auch etwas Trauriges. Glück mag sehr gerne geteilt werden. Ich gebe zu: Meine Wehmut liegt dem Jammern auf allerhöchstem Niveau sehr nahe.
Trivial ist das, da wünsche ich lange so einen nahen Menschen, hatte Lust auf die Liebe, Sehnsucht und ist er dann da, nörgele ich auch noch rum. Schluss damit, jetzt freue ich mich erst einmal auf den Sommer in Berlin, denn auch der Lietzen- und der Plötzensee sind zu zweit sehr viel schöner.
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