Vor knapp zwei Jahren gab es bei den Wiederholungswahlen fürs Abgeordnetenhaus einen denkwürdigen Moment. Die damalige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) sollte in Friedrichshain ihre Stimmen abgeben, doch die versammelte Hauptstadtpresse musste zehn Minuten warten.
Denn als Giffey im Wahllokal ankam, wartete dort eine dunkelgraue, verplombte Mülltonne mit einem Zettel „Wahlurne“. Das ist in Berlin durchaus üblich. Fürs Foto mit der Bürgermeisterin wurde die Tonne jedoch gegen eine graue Wahlurne ausgetauscht, die den Organisatoren offenbar fotogener erschien. Die Wiederholungswahl sollte auf keinen Fall in die Tonne gehen. Nicht einmal auf dem Foto.

Der große Aufschrei in Sachen Wahl-Tonnen blieb damals zwar aus. Die missratenen Wahlen 2021 waren ja an sich Skandal genug. Dennoch versucht es nun eine Hamburger Hochschule nochmal. Mit einem hochoffiziellen Wahlurnen-Designwettbewerb, gefördert von der Volkswagen-Stiftung samt Preis für die schönste Urne. Begründung: Wenn, wie in Berlin, „die Bürger*innen ihre Wahlzettel in eine umfunktionierte Mülltonne werfen“, sei das dem „grundlegenden demokratischen Akt“ des Wählens gestalterisch keinesfalls angemessen. So heißt es in dem gemeinsamen Aufruf der Professoren Friedrich von Borries von der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HBFK) und Sven Siefken, Politikwissenschaftler an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung.
„Wie könnten die Wahlurnen der Zukunft aussehen?“, fragen die Wissenschaftler. „Wie kann sich die performative Handlung ,Wählen` weiterentwickeln, und in welchen – auch virtuellen Räumen – wird Wählen zukünftig stattfinden?“ Der Wettbewerb findet im Rahmen eines fünfjährigen Forschungsprojektes statt mit dem klingenden Namen „Redesigning Democratic Representation (Re·De·Re)“.
Wow, denkt man da erstmal. Wählen als performativer Akt? Re-Design? Wenn eine Stadt die Verschwurbelung, Pardon, die sprachliche „Performation“ ihres Alltags quasi in der DNA trägt, dann ja wohl Berlin! Oder?
Wer in Berlin etwas wegwirft, schmeißt es nicht einfach in eine Tonne
Berlin ist nicht nur die Stadt der lustigen Mülltonnen-Sprüche (“Gibs mir!“, „Reinlichendorf“), mit denen die Berliner Stadtreinigung (BSR) seit 2010 die Menschen amüsiert. Das übrigens auch im Rahmen regelmäßiger Witz-Wettbewerbe. Allerdings ohne Stiftung, sondern schlicht über soziale Medien.
Ungekrönter Weltmeister dürfte die Hauptstadt auch in Sachen kreativer Müllvermeidung sein. Wer in Berlin etwas wegwirft, schmeißt es ja nicht einfach in eine Tonne. Sondern deklariert es, ebenso „woke“ wie großmütig, als gute Tat („zu verschenken“) – und lässt es erst dann öffentlich irgendwo liegen. Wer bei dieser Art des „Re-Usings“ kreativ vorgeht, hat gute Chancen, damit sogar berühmt zu werden. Selbst die Berliner Verkehrsbetriebe teilen mittlerweile (BVG) „lustige“ Müllfotos aus ihren Bussen und Bahnen.

Wenn in Berlin also Mülltonnen zu Wahlurnen werden, ist das nicht nur einigermaßen preiswert, was angesichts der aktuellen Spardebatte ja auch ein Argument ist – die „platzsparende Großvolumen-Wahlurne 120 L mit Verschlussvorrichtung + Rollen“ gibt‘s im Versandhandel schon ab 79,90 Euro.
Die BSR könnte man um Sprüche für Berliner Wahlurnen bitten
Vor allem, liebe Hamburger, sind Mülltonnen längst „so berlin“. Also angesagt, wie es inzwischen nicht mehr nur unter Hipstern heißt. 2015 zum Beispiel wurden orangefarbene Berliner Mülltonnen im Riesenformat an Bahnhöfen und anderen touristischen Orten aufgehängt, Aufschrift: „Welcome to Berlin“. Offiziell sollte die Aktion dazu animieren, Müll ordnungsgemäß zu entsorgen. Aber, Sie wissen schon. Auch die Riesenmülltonnen kamen schnell in die Schlagzeilen. Bis ins Ausland berichteten Medien regelmäßig über Berlins berühmte Tonnen.
Was soll da also bei dem Wettbewerb noch groß kommen? Allenfalls könnte man die BSR noch um ein paar lustige Sprüche für die Berliner Wahlurnen bitten. Oder ausnahmsweise vielleicht um eine vollkommen ernstgemeinte Ansage, den „grundlegenden demokratischen Akt“ des Wählens nicht auf Äußerlichkeiten zu reduzieren. Denn, um es im Ton der BSR-Kampagne zu sagen: „Der Inhalt zählt“. Das gilt auch für Wahlen.
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