Stadtmission

Hilfe für Obdachlose: Eine Nacht unterwegs mit dem Kältebus

Immer mehr Menschen rufen den Kältebus – wem kann er helfen? Eine Nacht im Winter draußen auf der Straße.

Yannick (l.) bringt Schlafsäcke und Tee für Menschen wie Marcel, hier auf der Warschauer Straße

Yannick (l.) bringt Schlafsäcke und Tee für Menschen wie Marcel, hier auf der Warschauer Straße

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Ein junger Mann wühlt sich aus einem Berg Decken und Tüten und streckt den zwei Helfern gut gelaunt die Hand hin. „Ah, ihr kommt genau im richtigen Moment!“ Marcel, 32 Jahre alt, hat sein Lager mit Hund Ronja und seiner Freundin vor der Sparkasse an der Warschauer Straße aufgeschlagen. Yannick (22) und Artur (54) sind die Fahrer des Kältebusses der Stadtmission, der im Winter obdachlose Menschen mit Tee und Schlafsäcken versorgt und der sie, wenn nötig, in Notunterkünfte bringt.

Einen Moment sieht es aus wie ein Treffen unter Freunden im Gewühl. Es ist Mitternacht, Club-Zeit in Friedrichshain. Doch dann lösen sich aus dem Gedrängel zwei junge Männer, es gibt ein Gerangel, es geht um Drogen, ein Messer blitzt – dann rennt einer der beiden davon. Marcel schaut dem Mann hinterher. „Bin ich froh, dass ich diese Probleme nicht mehr habe“, sagt er. Er komme aus Suhl. „Crystal Meth“, so fasst er knapp sein Schicksal zusammen, „aber ich bin weg davon“. Marcel bekommt einen Schlafsack und Tee, so wird er die Nacht draußen gut überstehen, urteilen die Helfer – zumindest in Sachen Kälte.

„Wir können uns nur um die dringendsten Fälle kümmern“

Seit 1994 gibt es den Kältebus in Berlin, Anlass war ein Mann, der damals auf offener Straße erfroren ist. Mittlerweile sind mindestens drei solcher Hilfe-Busse in der Stadt unterwegs, zwei der Stadtmission, dazu der Wärmebus des DRK. Trotzdem, sagt Helfer Yannick, „können wir uns nur um die dringendsten Notfälle kümmern“. Mittlerweile sind bis zu 6000 Menschen in Berlin ohne Obdach, schätzen Hilfsorganisationen. Auch in diesem Winter ist schon ein Mann auf der Straße gestorben. Er wurde Anfang Februar am Hackeschen Markt in Mitte gefunden. Neben ihm stand ein Rollstuhl, er hatte auch Decken, nur benutzt hatte er sie nicht. Den Kältebus hatte niemand für ihn gerufen. Auch deshalb ist es den Fahrern wichtig, dass Menschen, die anderen helfen wollen, auch erkennen, welcher Mensch welche Hilfe braucht.

Um 21 Uhr ist der Kältebus an der Notübernachtung an der Lehrter Straße gestartet, seitdem klingelt das Telefon. Ein Obdachloser liegt am Kurfürstendamm, eine Frau sitzt an einer Straße in Kreuzberg. Die Polizei meldet eine Obdachlose in einem Hauseingang in Hellerdorf. „Hat die Person einen Schlafsack?“, fragt Yannick alle, „ist sie bei Bewusstsein?“ Und „Haben Sie die Person schon angesprochen? Möchte sie überhaupt Hilfe haben?“ Immer öfter rufen Menschen Hilfe für Obdachlose, was einerseits ein gutes Zeichen für das steigende Verantwortungsgefühl ist. Bis zu 70 Anrufe pro Nacht bekam allein der Kältebus vergangene Woche. Andererseits merken die Helfer, was oft fehlt: Der Mut, Obdachlose einfach selbst anzusprechen.

So stellt sich heraus, dass die hilflose Frau in Kreuzberg gar keine Hilfe will, auch wenn sie diese augenscheinlich dringend bräuchte. Vom Kältebus aus ist sie erst gar nicht zu sehen. Wie ein kleiner Vogel hockt sie zusammengefaltet in einem viel zu großen Anorak. Als Yannick mit dem Korb voller Gebäck und Tee auf sie zugeht, ruft sie von Weitem: „Weitergehen! Geht weg!“

Dass Menschen Hilfe brauchen, sie aber ablehnen, ist nicht nur für Unbeteiligte oft schwer zu verstehen. Artur, der schon seit 2009 ehrenamtlich Kältebus fährt und tagsüber in einer Einrichtung für Menschen mit psychischen und Suchterkrankungen arbeitet, versucht es zu erklären. „Wenn jemand eine schwere Psychose hat, lebt er in einer anderen Welt, er hat vielleicht große Angst.“ Yannick hört interessiert zu. Artur war viele Jahre selbst drogenabhängig und lebte auf der Straße, Yannick studiert nach einem freiwilligen sozialen Jahr bei der Stadtmission Business Administration. Dem einen hilft seine Vergangenheit beim Zugang zu den hilfebedürftigen Menschen. Yannick ist sicher, dass ihm die Erfahrungen aus dem Kältebus später im Job helfen werden. Beide sagen, dass sie das Ehrenamt im Kältebus besonders gern machen.

Sie besuchen nun einen Mann, der sich in einem Berg aus Decken, Essen und Müll versteckt. Seit vielen Jahren lebe er so, sagt Artur. „Er spricht fast nie und hat panische Angst vor Menschen“. Artur legt dem Schweigsamen eine Tüte Zimtsterne hin, vor Berührung zuckt er zurück. „Süßes mag er, glaube ich.“ Er nimmt es als positives Zeichen, dass der Mann zum Abschied wortlos wirkt.

Obdachlos In Berlin - Spielball der Politik

Am Bahnhof Lichtenberg wird der Kältebus dagegen lautstark empfangen. „Endlich kommt ihr mal wieder!“ Zwei Männer und eine Frau haben sich neben dem Eingang ein Lager eingerichtet. Sie schlafen auf Feldbetten, es gibt einen Stuhl und einen Couchtisch. Daneben steht ein Rollator. Manuela (49) ist schwer krank. Artur schenkt den drei Tee ein. „Wir dürfen hierbleiben, weil alles so schön aufgeräumt ist“, sagt Manuela. Die Feldbetten hätten ihnen Polizisten gegeben, die regelmäßig kämen, um nach dem Rechten zu schauen. Der Bahnhof bleibt, wie auch am Südstern in Kreuzberg, im Winter nachts geöffnet, damit Obdachlose hier Zuflucht vor der Kälte finden können. So friedlich wie hier und an diesem Abend ist es nicht immer. Am Ostbahnhof seien sie rüde vertrieben worden, sagen die drei.

Auf dem Weg nach Hellersdorf wird am Telefon mit den Kollegen des Wärmebusses ein unlösbares Problem diskutiert: Ein Rollstuhlfahrer muss untergebracht werden. „In ganz Berlin gibt es nur vier barrierefreie Plätze in Notübernachtungen“, sagt Yannick, doch immer mehr Obdachlose sitzen im Rollstuhl. Dann ruft jemand von einem Bahnhof in Spandau an. „Kann er in die S-Bahn einzusteigen? Dort ist es wärmer, er kann selbst zum Hauptbahnhof fahren“, rät Yannick und, wiederum: „Sprechen Sie ihn einfach an.“ Um drei Uhr kehrt der Kältebus zur Notübernachtung an der Lehrter Straße zurück. An anderen Tagen war sie mit bis zu 177 Gästen komplett überbelegt, heute ist es ruhiger. Yannick wundert es nicht: „Viele Obdachlose sind am Wochenende nachts unterwegs, um Flaschen zu sammeln. Es ist ihr Hauptgeschäft.“

Hier gibt es Hilfe:

Wer hilft wem? Der Kältebus hilft Obdachlosen, die erkennbar zu dünn gekleidet sind, nicht über Decken, Schlafsäcke und Matten verfügen. Für Menschen, die nicht ansprechbar sind, die große gesundheitliche Probleme haben, zum Beispiel nicht mehr laufen können, sollte besser der Notruf 112 gewählt werden.

Angebote: Kältebus der Stadtmission: tgl. 21–3 Uhr, Tel. 0178 523 58 38. Wärmebus des DRK: tgl. 18–24 Uhr, Tel. 0170 910 00 42. Nachts für obdachlose Menschen geöffnet sind der U-Bhf. Südstern (U7, Kreuzberg) und der Bahnhof Lichtenberg (U5, S-Bahn). Alle Angebote der Kältehilfe, Wegweiser in anderen Sprachen und mehr: www.kaeltehilfe-berlin.de

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