Es ist genau 30 Jahre her, dass ein Freund mich überredete, den Taxischein zu machen. Die Mauer war gefallen, Berlin außer Rand und Band, alle wollten unbedingt alles sehen und waren in Spendierlaune. Neben den guten Einkünften und flexiblen Arbeitszeiten lockte mich das Abenteuer. Wie lässt sich eine fremde Stadt besser erkunden als im Taxi? Heute würde ich es als verrückt bezeichnen, als Studentin, nach zwei Jahren in West-Berlin, Taxi-Fahrgästen meine Dienste anzubieten. Außer dem U-Bahnnetz und der FU in Dahlem kannte ich fast nichts von der Stadt. In Ost-Berlin war ich nie weiter als bis zur Universitätsbuchhandlung am Alex gekommen.

1990 lernte ich einfach den Stadtplan auswendig – noch war es ja nur die halbe Stadt, weil es für den Ostteil keine vergleichbare Prüfung gab. Ich bestand mit Ach und Krach. Und tauchte ein in eine Welt, die ich mir so nie hätte träumen lassen. Da war zum einen die spezielle Schönheit der plötzlich so riesigen Stadt. Bei Sonnenaufgang aus den Außenbezirken in die Stadtmitte zurückzufahren, allein auf den Magistralen, beleuchtet nur von Tankstellen, dem Mond und der Sonne, der Fernsehturm stand wie eine Stecknadel am Horizont. Das war tatsächlich großstadtromantisch. Ich lernte das Eigenleben der Eckkneipe kennen, in Neukölln oder Wedding meist vier pro Kreuzung. Und die Lyrik des Taxifunks, der einen wie schräger Subtext durch die Nacht begleitete. Ein Knacken im Funkgerät, dann eine kratzige Stimme: „Neukölln, Tell Ecke Weser, das Stübchen? Flughafen die Sonne zum Zweiten?“

Der Berliner an sich erklärt gern anderen den Weg

Das eigentliche Abenteuer aber waren die Menschen. Ich gebe zu, dass mich vor der ersten Tour der Mut verließ und ich beschloss, einfach gleich die Wahrheit zu sagen. Ich merkte schnell, dass es nicht nötig war tiefzustapeln. Der Berliner an sich erklärt gern anderen den Weg. Zumal jungen Frauen tief in der Nacht.

Meist überwog ohnehin die Neugier. Fast jeder Fahrgast wollte wissen, ob ich mich nicht fürchtete, so allein im Auto? Meine Antwort: Ob ich einen Grund hätte, mich vor den Fragenden zu fürchten? Dann hörte ich viele Geschichten. Vom Leben, von der Einsamkeit, der Sehnsucht nach Liebe und, ja, auch nach Sex. Auch diese Adressen kannte ich, man fuhr ja auch die dort arbeitenden Frauen und auch Männer zur Schicht. Sie waren übrigens die Großzügigsten beim Trinkgeld.

Ja, es gab auch schlimme Dinge. Gewalt gegen Frauen, immer wieder. Zu Hause, auf der Straße, in Kneipen, auf dem Strich. Einmal fiel ein Mann sogar in meinem Taxi über seine Begleitung her. Schwierig. Ein anders Mal verzweifelte ich bei dem Versuch, einen Krankenwagen für einen Junkie im Koma zu bekommen. Berlin konnte rau sein.

Vier Heiligabend im Taxi - mit viel Mitleid und Remmidemmi

Und dann war Weihnachten. Heiligabend, hatten Kollegen gewarnt, sei eine maue Schicht. Ich fuhr sie trotzdem. Ab 18 Uhr stiegen Eltern mit aufgeregten Kindern ein, manchmal auch die Kinder ohne ihre Eltern. Ab 20 Uhr folgten Touren zu Tankstellen für den Last-Minute-Biereinkauf. Ich bekam viel Mitleid, dass ich nicht zu Hause feiern konnte – was ich aber ja gar nicht wollte.

Es gab Unmengen gute Wünsche, Schoko-Nikoläuse und sogar Einladungen, mit wildfremden Familien zu feiern. Immer wieder Trinkgeld von Menschen, die noch weniger Geld hatten als ich. Und ja, eine zweistündige Pause am Abend, in der Berlin so leise wie sonst nie im Jahr war: Bescherung. Danach ging es weiter mit Betrunkenen, Streit, Remmidemmi wie immer. Trotzdem habe ich vier Heiligabende in Berlin im Taxi verbracht. Danach wusste ich, dass man Berlin und die Berliner tatsächlich lieben kann.