Tut der Hals weh, nehmen wir eine Lutschtablette, wird es schlimmer, gehen wir zum Hausarzt. Schmerzt der Rücken, können Bewegung und Gymnastik helfen, sonst geht‘s zum Orthopäden. Was aber machen wir, wenn die Seele nicht nur zwickt, sondern richtig verknotet ist?
Es gibt so viele Gründe, warum es uns manchmal schlecht geht. Manchmal sind wir lediglich mit dem falschen Fuß aufgestanden und der ganz Tage kommt uns richtig quer. Keine Sorge, das geht vorbei. Manchmal aber hat sich etwas um unsere Seele gelegt, lässt kein Licht mehr durch, uns die Sonne nicht mehr sehen. Und das dauert und dauert... Nicht nur ein paar Tage, eher Jahre. Sonnenlicht hilft hier übrigens wirklich, auch Bewegung, Freunde können helfen, eine vertrauensvolle Beziehung. Und manchmal eine Therapie.
Oft hatte ich den lieben Gott selbst an meiner Seite
Von meinem 16. Lebensjahr bis Mitte 30 war ich spielabhängig. Automatenspieler. Es waren insgesamt um die 360.000 D-Mark, die ich gegen die Wand fuhr. Und mich zunehmend selbst. Dieser lange Lebensabschnitt war durchaus nicht nur übel, immerhin absolvierte ich in der Zeit drei Ausbildungen, arbeitete viel, hatte auch Spaß und Freude. Freunde hatte ich auch, Eltern, die mir beistanden, oft hatte ich den lieben Gott selbst an meiner Seite und ich wurde Vater. Und doch waren da diese unendlichen Tiefen. Abgründe ist wohl richtiger. Und nicht nur einmal wünschte ich mir den Tod herbei. Das Spielen selbst, diese Sucht und Ablenkung waren der Umweg, nur nicht richtig hinzuschauen und das Traurige in mir zu spüren.
„Rien ne va plus“, dann ging wirklich nichts mehr. Freunde aber halfen und „trugen“ mich in das Café Beispiellos in Kreuzberg. Hier gab es Beratungsangebote für spielabhängige Menschen; die angeleitete Selbsthilfegruppe rettete mir wohl den Allerwertesten. Ich ging dort zwei Jahre hin, einmal wöchentlich, mit Fieber sogar, ließ gar meinen Urlaub ausfallen.
Lothar K. leitete als Therapeut seit Jahren die Gruppe an, manchmal war er auch Dompteur in der Manege. So ganz ohne waren wir doch alle nicht. Und die Trauer war dann bei uns allen groß, als unser Gruppenleiter uns eines Tages mitteilte, er würde seine Tätigkeit dort beenden. Er machte sich selbstständig, für beides fehlte die Zeit.
Eines der größten Abenteuer in meinem Leben
„Spielfrei“ war ich damals schon, Ursachen für die Abhängigkeit erahnte ich ich, genau hinschauen aber wollte ich nicht. Noch immer waren mir Umwege vertrauter. Es gibt diese lichten Momente in unserem Leben, das war einer bei mir: Nach der Sitzung fragte ich, ob es noch einen freien Platz in der Praxis für mich gäbe. „Ja, und das macht wohl Sinn“, war seine eher wortkarge Antwort.
Eines der größten Abenteuer in meinem Leben begann also kurze Zeit später. Eine spannende, anstrengende und mühselige Arbeit. Gelacht wurde auch, aber selten, und manchmal dachte ich, mich würde ein Lkw überollen, so taten mir während der Sitzungen die Knochen weh. Das dauerte Jahre und oft kam ich mir dabei selbst auf die Schliche. Lothar K. blieb dabei eher wortkarg, „ein harter Hund“ in seiner Zurückhaltung, dachte ich oft und entschuldige mich im Nachhinein dafür. Mein persönlicher Anwalt, das wäre eine treffendere Beschreibung. Arbeit mit sich selbst ist eben nicht immer Vergnügen.
Es war keine kurzfristige Heilung
Für mich kam das keinem „Crashkurs“ gleich. Es war keine kurzfristige Heilung, sondern lange Wege waren zurückzulegen. 800 Therapiestunden, das dauert Jahre. Ein Mensch mit zuvor üblen Depressionen hat nun nur noch dreimal im Jahr Verstimmungen. Diese nicht über Monate, nur für wenige Tage. Und zu lieben, das traue ich mich nun auch. Und habe keine Lust auf „Spielereien“.
Keine schlechte Sache, solch eine Therapie. Glauben Sie das ruhig und kommen ruhig aus dem Knick, wenn’s bei Ihnen nötig ist. Und das ist nun sehr ernst gemeint: Herzlichen Dank an gute Freunde, meine Familie, das Café Beispiellos, auch die AOK und vornehmlich aber Lothar K.
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