Die Inflation setzt uns allen zu, alles wird teurer. Lohnerhöhungen gleichen das selten aus, wir müssen mehr als noch vor einigen Jahren auf unser Geld achten. Das merkt unter anderem auch der Handel, unser Auto fahren wir einfach ein paar Jahre länger, bevor wir uns ein neues zulegen. Wer kann, spart beim Urlaub oder lässt ihn gar ausfallen. Die Gastronomie klagt auch, leisten wir uns aktuell noch einen Restaurantbesuch, fällt das zweite Getränk beim Essen weg, die Nachspeise und der Kaffee auch, wir knausern sogar am Trinkgeld.

Jeder ist sich zunehmend doch der Nächste, da kann man seine Spende für obdachlose Menschen doch auch kürzen oder ganz wegfallen lassen. Dabei vergessen wir dabei jedoch: Auch für Menschen ohne Wohnung wird alles teurer.

„Muss ich überhaupt etwas geben? Dafür ist doch der Staat zuständig!“ Oder auch: „Das haben sie doch selbst verbockt, sie vertrinken das Geld doch sowieso nur!“ Das sind die Argumente, um unsere Portemonnaies verschlossen zu halten. Nach Gegenargumenten, um großzügiger zu geben, suchen die wenigsten.

Die Begegnung auf Auhenhöhe hat schlicht mit Anstand zu tun

„Vor einigen Jahren habe ich noch um die zwölf Euro am Tag durchs Betteln zusammenbekommen, jetzt sind es mit viel Mühe vielleicht noch acht“, erzählte mir letzte Woche Tim, den ich häufig bei seinem Broterwerb, dem Betteln, im Café am Lietzensee treffe. Wir sehen uns dort häufiger. Neben meinen Münzen, die ich ihm gebe, plaudern wir häufiger ein paar Minuten miteinander. Auch das ist eine Form des Respektes, die Begegnung auf Augenhöhe hat schlicht mit Anstand zu tun.

Außerdem mag ich Tim. Und vielleicht lässt er sich eines Tages doch noch nachhaltig helfen. Und ein Drittel weniger Einnahmen, bei manchmal einem Viertel mehr Ausgaben, das ist dann nicht nur Bruchrechnung, sondern mies und bittere Realität. Diese Rechnung ist zwar nicht statistisch belegt, Sie können es ja aber nachprüfen, indem Sie sich selbst mit den Menschen unterhalten. Redet miteinander! Das wäre ein Anfang.

Tim kommt ganz sympathisch rüber, wie man so sagt, sieht gepflegt aus, ist im Gespräch ein sehr freundlicher Mensch. Und hierin liegt auch schon eine Gefahr. Weiß Gott nicht für ihn, eher für mich. Denn natürlich gebe ich meinen Obolus auch nach Sympathie. Der grantig wirkende, vielleicht einurinierte und müffelnde Mensch mit den offenen Beinen und der zerschlissenen Kleidung hat abends doch nur drei Euro in seinem Becher oder noch weniger. Und manchmal muss ich doch eben auch meine Willkür, Reserviertheit oder gar Ablehnung überwinden. Also bitte: Fünf Euro für die, an denen ich schnell vorbeigehen möchte! Ich habe mir da einen täglichen Betrag festgelegt, das ist Herzenssache.

Leider hat unser Hilfesystem aber Lücken

„Der Puhl muss es aber dicke haben“, denken nun vielleicht einige. Na ja, ich verhungere nicht und solange es bei mir noch für den Urlaub oder den Gin Tonic reicht, möchte ich mir das auch noch leisten können: anderen zu helfen. Mein Einkommen als Rentner ist aber durchaus nicht mit meinem vorherigen Verdienst als Berufstätiger zu vergleichen.

Dass sich ein suchtmittelabhängiger Mensch Schnaps und Bier oder Drogen kauft, damit kann ich leben. Schlecht zwar, das ist aber besser, als wenn er mein Autoradio klaut oder der Prostitution nachgeht oder Leuten auf die Mütze haut. Das alles fände ich dann eher mies und natürlich gönne ich ihm gute und liebevolle Beratungen, die besten Ärzte und Therapien. Natürlich ist dafür auch der Staat zuständig, leider hat unser Hilfesystem aber Lücken.

Anspruch auf Hilfe haben übrigens auch Menschen, wenn sie wieder und wieder rückfällig werden. Denn wenn Gott keinen Menschen aufgibt, steht uns das auch nicht zu. Menschen persönlich zu helfen: Für Christen ist das Pflicht, finde ich. Punkt. „Investieren Sie also in Aktien für Barmherzigkeit“, möchte ich Sie bitten. Denn nicht das neue Auto oder die Schuhe für 300 Euro machen uns zum Menschen. Solidarität hat nichts mit Sozialismus und Nächstenliebe nichts mit Spinnerei zu tun. Die Verzinsung ihres Tuns ist dann übrigens deutlich höher als der Euro auf dem Tagesgeldkonto.

Mehr Kolumnen von Dieter Puhl