Ich habe Post! Neulich hatte ich dazu aufgerufen, doch mal Postkarten von zu Hause zu verschicken. Eigentlich war es mehr ein Spaß. Andererseits glaube ich wirklich, dass so eine Postkarten-Kampagne ein großer Erfolg werden könnte, um für die vielen unbekannten schönen Orte Berlins zu werben.
Was mich wirklich sehr gefreut hat: Ich habe tatsächlich Postkarten bekommen! Mein Top-Favorit war eine Postkarte aus Schöneberg, gestaltet mit Fotos aus dem Frankenwald. „Ich bin 89 Jahre alt und mache oft Karten selber“, hat Leserin Edith D. dazu geschrieben. Ludwigsstadt sei ihr Ferienort gewesen. Und, ja: Die Postkarte hat die Dame offensichtich digital erstellt. Chapeau!
Auch Leserin Marina G. hat meine Idee aufgenommen. „Da ich seit 25 Jahren nicht verreist bin, gibt es nur noch Fotos aus dem eigenen Garten“, hat sie geschrieben. Von wegen „nur noch“: In diesem Garten leben Waschbären samt Waschbärkindern, Marder, Füchse – und Igel mit Lockenwicklern. Schreibt die Leserin. Umseitig auf ihrer Karte ist tatsächlich einer zu sehen. Kleiner Scherz.
Ich mag, wie Touristen die Berliner Innenstadt entschleunigen
In einer weiteren Zuschrift geht es um eine preisgekrönte Kurzgeschichte, in der eine Postkarte eine Hauptrolle spielt, schreibt Helga F.. Die Idee fände ich umgekehrt auch schön. Warum nicht die Postkarte zur literarischen Form adeln? Ich sehe den Erfolg förmlich vor mir. Vom Postkartenstand auf der Buchmesse über den Postkartenlyrikpreis bis zur Postkartentexterstellungs-KI.

Ein Thema, das jederzeit eine Postkarte aus Berlin wert wäre, ist ja aktuell die wunderbare Stille der Stadt. Andere Menschen fahren ans Meer, um das Wellenrauschen zu genießen, sie wandern schweigend durch Wälder, meditieren im Nichts auf dem Land. Warum? Dieser Tage konnte man sogar in Kreuzberg rund um die Uhr die Fenster geöffnet lassen, weil die Protzfahrer (bis auf zwei) woanders rumlärmen. Auch aus meinem Edeka könnte ich mal eine Karte schreiben. „Schauen Sie mal, volle Regale am Abend!“ Meine Nachbarschaft, die sonst bis nachts um Lebensmittel in dem kleinen Geschäft Schlange steht, ist kollektiv verreist. Samt der Schülerschaft zweier Schulen, die gern im Takt ihrer Hofpausen kreischend in den Laden einfallen.

Parkplätze sind wie von Zauberhand plötzlich überall frei. Auf Radwegen kann man entspannt fahren, ohne aus dem Weg gedrängt oder von trödelenden Telefonierern ausgebremst zu werden. Ich mag auch, wie Touristen die Berliner Innenstadt entschleunigen. Ich warte gern, während sich Familien wirklich alles zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz genauestens anschauen und sich davor fotografieren. Alle einzeln. Nur um kurz danach wieder auf Bürgersteig stehenzubleiben, um zu googeln, was sie da fotografiert haben und sich das Ergebnis gegenseitig zu zeigen.
So schön Berlin sein kann, die Hauptstadt hat auch hässliche Seiten
Ich weiß nicht genau, ob die Gattung Anti-Postkarte schon erfunden wurde. Wenn nein, sei es hiermit geschehen. So schön Berlin sein kann – die Hauptstadt hat auch hässliche Seiten. Ein Beispiel ist der sogenannte Europaplatz am Hauptbahnhof, ein Nicht-Ort, an dem sich der Mensch seit Jahren im Überlebenskampf zwischen Baustellen, Bussen und Stau befindet. Die gleichnamige Bushaltestelle empfängt die Passagiere mit einem widerlichen Haufen Müll. Textvorschlag für die Anti-Postkarte: „Bitte gucken Sie da nicht hin!“
Weitere Motive könnten Baustellen sein. Vielleicht wäre eine rotweiße Baustellenumrandung als Postkartendeko denkbar. Ach ja, und als Kuriosität unter den schrecklichen Orten empfehle ich eine Postkartenserie aus der öffentlichen Großsauna Berlins, der U-Bahn. So leer die Stadt ist, auf eins kann man sich verlassen: Auf überfüllte, ungelüftete, verspätete U-Bahnen. Als Text empfehle ich den aktuellen BVG-Refrain: „Derzeit fahren wir nicht im gewohnten Takt...“
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