Es ist Frühling, was im Garten bedeutet: Menschen sind unerwünscht. Klar, der Flieder duftet betörend und da sind all diese Beete, die endlich bestellt werden wollen. In meinem Gewächshaus randalieren derzeit die Gemüsenbabys, indem sie kreuz und quer aus den Töpfen wachsen, und fordern ihr Recht auf freie Entfaltung im Beet. Allerdings habe ich es angesichts des späten Frosts nur noch geschafft, die Bohnen nach draußen zu setzen. Selbst das musste schnell gehen. Dann kamen die Meisen.
Meisen sind winzige Vögel. Sie wiegen nicht mehr als 20 Gramm, was aber keinen Einfluss auf ihr Ego hat, da sind Meisen wie Menschen. Stimmgewaltig informierten mich also Herr und Frau Meise über ihren gewählten Standort zur Familiengründung: Den Nistkasten, den wir unvorsichtigerweise am Gartenschuppen befestigt hatten. Die lauthals gezwitscherte Nachricht war unmissverständlich: „Privatbesitz! Betreten Verboten! Kreisch!“
Der Schuppen gehört also nun den Meisen. Also, zwei ganz bestimmten Meisen. Nämlich den angehenden Vogeleltern. Alle anderen Gartenbewohner, egal ob Spatzen, Katzen, andere Meisen oder Menschen, werden schrill und zur Not im Tiefflug verscheucht. Mittlerweile wächst eine reichhaltige Meisenkinderschar im Nistkasten heran, die von den Meiseneltern ununterbrochen gefüttert wird. Meisen sind die Lieferhelden des Gartens. Aber wehe, man steht im Weg.
Elstern sind Meister im Meckern
Nun droht weiteres Ungemach. Ein Elsterpaar richtet sich oben in unserer Eiche ein. Leider direkt über dem Gartentisch, was dem Wort Fallhöhe höchst prosaische Bedeutung verleiht. Denn nicht nur Elstern sind groß, etwa zehnmal so schwer wie Meisen, sondern auch das, was sie runterplatschen lassen. Puh.
Bei den Elstern sind die Meisen zu recht misstrauisch. Wie Menschen haben Elstern gern ein Ei zum Frühstück, nur dass diese sich ihre Frühstückseier bei kleineren Vögeln klauen. Vor allem aber sind Elstern Meister im Meckern. Das Gekrächze der Elstereltern übertönt selbst die Meisen – und auch das Gewieher der Nachbarspferde, wenn diese wieder aufgeregt festellen, dass ein Pferd weg ist, weil es, wie jeden Tag, spazierengeführt wird. Wie-ha!
Es ist erstaunlich, wie viel in der Natur protestiert wird. Fast wie in Berlin. Auch in meinem Garten gibt es nichts, über das man sich als Tier oder auch Pflanze nicht empören könnte. So hatte ich neulich im Gewächshaus eine Diskussion mit mehreren Tausend Ameisen. Sie hatten die gerade gekeimten Studentenblumen aus ihren Töpfen geworfen, um darin selbst Nachwuchs zu züchten.
Die Kürbisse fanden die Atmosphäre toxisch
Die Ameisen fanden es im Gewächshaus vielleicht „zum Eierlegen kuschelig“ – oder wie auch immer häusliche Gemütlichkeit bei Ameisen definiert wird. Etwas Essig in einer Schale klärte die Lage (Ameisen hassen diesen Trick!). Allerdings waren danach auch die Kürbissetzlinge sauer. Im Wortsinn. Sie fanden die Atmosphäre toxisch und ließen beleidigt die Blätter hängen.
Tiere und Pflanzen zu verstehen, ist nicht einfach. Darüber sollten auch die neuen Handy-Apps nicht hinwegtäuschen, die versprechen, Tierstimmen zu erkennen. Danach weiß man zwar immerhin, welcher Vogel einen da gerade anzwitschert. Aber was, bitte, will er einem konkret sagen? Was fehlt, sind wirkliche Übersetzungs-Apps zwischen Tier und Mensch. Ich sehe da einen Riesenbedarf, der allenfalls für Katzen schon umgesetzt wurde. Wer sich allerdings die Nutzer-Kommentare zu der Katzen-Übersetzungs-App anschaut, stellt schnell fest, dass die Besitzer offenbar vor allem das heraushören, was sie hören wollen: „Miau!“ Und ganz viele Herzchen.
Bräuchte man Übersetzungs-Apps auch für Pflanzen? „Die geheimen Dialoge der Regenwürmer“ oder „Das Geschwätz der Erbsen“? Nun ja. So schön das Vogelgezwitscher, Pferdegeschnaufe und Fröschequaken momentan bei uns ist – im Garten bin ich auch dankbar für das umfassende Schweigen, das man mit seinen Pflanzen teilt.



