Elke, Peter, Andreas, Robert und ich treffen uns alle paar Monate auf eine Brause und um eine Kleinigkeit zu futtern. Es wird dann viel geklönt, Themen gibt es zur Genüge. Wir alle haben etwas mit obdachlosen Menschen und Flüchtlingen zu tun, arbeiten in den Bereichen, gestalten, versuchen, die Lebenssituationen zu verbessern. Das hat viel mit Politik zu tun, aber auch damit, praktisch mit Hand anzulegen. Und befreundet sind wir ja auch noch.
Gegen Ende des Abends saßen wir noch auf ein Kaltgetränk vor der „Dicken Wirtin“ in Charlottenburg. West-Berlin pur, ein tolles Lokal, gehen Sie ruhig mal (wieder) hin. Bezahlbares Essen, urige Atmosphäre, kauzige, sehr freundliche Menschen. Fast wie vor 30 Jahren.
Menschen verkaufen in Berlin Zeitungen auf der Straße, in Parks und Cafés, verdienen ihren Lebensunterhalt damit oder das oft nötige Zubrot. Meist sind es obdachlose Menschen. Auch hier kam nach wenigen Minuten ein Mann, nennen wir ihn Simon. Eine Obdachlosenzeitung wollte niemand, gerne aber gaben wir ihm eine kleine Spende. Ein guter Schnitt für Simon, zumindest an diesem Abend und an diesem Tisch. Er freute sich echt. Ein kleiner Trost. Ich gönnte ihm das sehr.
„Wir sind überwiegend zu Wegschauern geworden“
„Den jungen Mann kenne ich doch“, sagte Simon strahlend, als er mich erkannte. Unzählige Gespräche haben wir in den letzten Jahren geführt, meist im Bootshaus am Lietzensee, meist gegen Abend. Simon ist nämlich fleißig, dreht seine Runden, ist aber auch auf das Geld angewiesen. Drogen kosten, und das Leben sonst ja auch. Es ist anstrengend und es ist Arbeit. Seine Psyche spielt oft nicht mit. Und oft hat er einfach die Schnauze voll. Sein Leben ist oft eher ein langsames Sterben. Aber auch Simon hat noch Träume.
Vor Beginn seiner Runde durch die Cafés sucht Simon sich am Lietzensee oft einen Platz etwas abseits, setzt sich und weint. Weint lange. Manchmal 20 Minuten. Die wenigsten schauen hin, zwingen sich vermutlich sogar wegzuschauen. Wir sind doch überwiegend zu Wegschauern geworden. Denn dieser Anblick ist kaum auszuhalten! Simon weint und bringt dabei eigentlich Steine zum Schmelzen. Wenn sie denn hinschauen würden.
Dort am Lietzensee sprechen wir meist etwas, umkreisen uns dabei, man lernt sich ja langsam kennen und mit dem Vertrauen ist das ja auch so eine Sache. Es wächst eben langsam, und bei Simon wohl noch langsamer. Und ich bin fast sicher, er hat seine Gründe dafür. Bevor Sie fragen: Über Einrichtungen, die ihm helfen könnten, muss ich ihn übrigens nicht informieren. Er kennt sie sicher alle, er ist doch der Fachmann.
Als Simon weg war, stritten wir über die Lücken im Hilfenetz
Simon liegt mir auf der Seele. Ich hoffe, wir haben noch etwas vor. Der rechte Zeitpunkt zur richtigen Stelle, dann geht oft etwas in Sachen Hilfe. Im Umgang mit Menschen ist Geduld gefragt.
An jenem Abend musste Simon dann weiter, er wollte noch das Geld für eine Unterkunft zusammenbringen, ein Schlafplatz wenigstens für eine Nacht. Den Verdienstausfall, wenn er zu lange bei uns geblieben wäre, hätte ihm niemand bezahlt. Meist schläft Simon draußen. Zu voll seien die Einrichtungen, sagt er, oft auch dreckig, Gewalt und Diebstähle seien unerträglich. Das sagen obdachlose Menschen oft. Wir wollten Siman als unserer „Qualitätskontrolle“ ruhig glauben.
Als Simon weg war, stritten wir noch etwas über die Lücken im Hilfenetz, über nötige Kontrollen bei einigen Einrichtungen, über Hilfestellungen und konkrete Vorschläge, um Dinge zu verbessern. Auch über die Überwindung der Obdachlosigkeit bis 2030 in Berlin, Deutschland und Europa. Zum hundertsten Mal mahnte ich die fehlenden Fachärzte für die verwirrten Seele auf der Straße an. Ein kafkaesker Abend. Rechte Stimmung kam nicht mehr auf und nicht nur ich trank mein Hefe nicht mehr aus. Es war schal geworden.


