Vollendeter und versuchter Totschlag lautet der Vorwurf, für den sich Aleksandr T. seit Dienstag vor dem Landgericht Moabit verantworten muss. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 48-jährige Deutsch-Russe im Sommer vergangenen Jahres zwei Obdachlose mit Benzin übergoss und anzündete. Ein 62-Jähriger trug zum Glück nur leichte Verletzungen davon, das zweite Opfer, ein 47-Jähriger erlag dagegen vier Monate nach der Tat seinen schweren Brandverletzungen.

Ausgangspunkt der Tat am späten Abend des 22. Juli 2018 war den Ermittlungen zufolge ein Streit, wie er im Obdachlosenmilieu geradezu typisch ist. Es ging um Alkohol. Oliver V. (47) und Hans Jürgen D. (62) fristeten ihr trauriges Dasein auf einem Lagerplatz vor dem Bahnhof Schöneweide. Mit Decken, Bauholz und diversem Sperrmüll hatten sich die Männer in einer Ecke des Bahnhofsvorplatzes eine provisorische Behausung errichtet.

Obdachlose in Schöneweide angezündet

In Berlin-Schöneweide sind zwei Obdachlose bei einer Brandstiftung lebensgefährlich verletzt worden. Nun wurde Haftbefehl gegen einen  47 Jahre alten Tatverdächtigen erlassen.
In Berlin-Schöneweide sind zwei Obdachlose bei einer Brandstiftung lebensgefährlich verletzt worden. Nun wurde Haftbefehl gegen einen 47 Jahre alten Tatverdächtigen erlassen.© DAVIDS/Sven Darmer | DAVIDS/Sven Darmer
Die Obdachlosen sollen mit einer leicht entzündlichen Flüssigkeit übergossen worden sein.
Die Obdachlosen sollen mit einer leicht entzündlichen Flüssigkeit übergossen worden sein.© Morris Pudwell
Brandspuren sind nach dem Angriff auf die beiden Männer am Cajamarcaplatz am S-Bahnhof Schöneweide noch am Tag danach zu sehen.
Brandspuren sind nach dem Angriff auf die beiden Männer am Cajamarcaplatz am S-Bahnhof Schöneweide noch am Tag danach zu sehen.© dpa | Britta Pedersen
Die beiden Obdachlosen erlitten schwerste Brandverletzungen.
Die beiden Obdachlosen erlitten schwerste Brandverletzungen.© dpa | Britta Pedersen
Passanten haben zwei Kerzen aufgestellt. Am Abend fand eine Mahnwache statt.
Passanten haben zwei Kerzen aufgestellt. Am Abend fand eine Mahnwache statt.© dpa | Britta Pedersen
Der Tatort am Bahnhof am Morgen nach der Brandattacke.
Der Tatort am Bahnhof am Morgen nach der Brandattacke.© dpa | Britta Pedersen
Absperrband und zwei Kerzen zum Gedenken an die Opfer.
Absperrband und zwei Kerzen zum Gedenken an die Opfer.© dpa | Britta Pedersen
Teilnehmer der Mahnwache stehen mit Plakaten am Cajamarca-Platz am S-Bahnhof Schöneweide.
Teilnehmer der Mahnwache stehen mit Plakaten am Cajamarca-Platz am S-Bahnhof Schöneweide. © dpa | Jens Kalaene

Dort kam es am Tattag zu dem Streit, der den Angeklagten den Ermittlungen zufolge veranlasste, an einer nahe gelegenen Tankstelle Benzin zu besorgen, die beiden Männer damit zu übergießen und schließlich anzuzünden. Anschließend soll der aus Kasachstan stammende Mann geflüchtet sein, während Zeugen die Flammen schnell ersticken konnten. Rettungskräfte brachten die Opfer ins Unfallkrankenhaus. Während D. nach vier Tagen wieder entlassen werden konnte, musste V. in ein künstliches Koma versetzt werden. Aus dem erwachte er nicht wieder, eine Folge seiner zu 30 Prozent verbrannten Haut und seinem durch das Laben auf der Straße geschwächten Körper.

Angeklagter durfte nicht am Trinkgelage teilnehmen

Das Leben auf der Straße hat auch den Überlebenden Hans Jürgen D. sichtbar gezeichnet. Der 62-Jährige musste am Dienstag als erster Zeuge aussagen. Seine Befragung durch den Vorsitzenden der Schwurgerichtskammer gestaltete sich schwierig, mal verstand der Zeuge den Richter nicht, mal der Richter den Zeugen nicht. Dennoch gelang es, aus den teilweise unzusammenhängenden Angaben des 62-Jährigen ein Bild des Tatgeschehens zu erstellen.

O. und H. hatten sich gerade, mit Bier und Schnaps versorgt, in ihre Behausung zurückgezogen, als der Angeklagte erschien und offenbar wie so oft mittrinken wollte. Doch diesmal wurde ihm das verwehrt, laut Anklage der Auslöser zu der grausamen Tat. „Du kriegst auch noch was ab“, soll der 48-Jährige dem Zeugen gesagt haben, als er dessen Freund mit Benzin übergoss. „Und als er das Benzin anzündete, führte er einen regelrechten Freudentanz auf“, erklärte der Überlebende.

Aleksandr T., ein hagerer Mann mit Stirnglatze, die verbliebenden Haare hinten zum Zopf zusammengebunden, kauerte eher auf der Anklagebank als dass er saß. Regungslos und schweigend folgte er den von einer Dolmetscherin übersetzten Ausführungen am ersten Prozesstag. Zu den Vorwürfen äußerte er sich nicht. Gleich zu Verhandlungsbeginn musste ihm der Vorsitzende erst einmal klarmachen, dass es vor einem deutschen Gericht anders zugeht, als auf dem Kasernenhof. Wann immer sein Name fiel, sprang T. auf und nahm Haltung an. Der Prozess wird am 1. Februar fortgesetzt.

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