Oberschöneweide

Künstler-Areal: Die Reinbeckhallen sind belegt

Wenn der Großkünstler Ende des Jahres die 1800 Quadratmeter große Produktionshalle bezieht, ist das Kulturzentrum erst einmal komplett.

Raue Idylle: Blick auf das Areal der Reinbeckhallen. Die Ateliers (l.) sind an Künstler verkauft. Am Stadtplatz (r.) könnte künftig ein Eingangsgebäude entstehen.

Raue Idylle: Blick auf das Areal der Reinbeckhallen. Die Ateliers (l.) sind an Künstler verkauft. Am Stadtplatz (r.) könnte künftig ein Eingangsgebäude entstehen.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Oberschöneweide. Seit die Künstler da sind, geht ordentlich Kaffee raus, Cappuccino, Milchkaffee, Espresso. Mittags gibt es Süppchen. „Hier hat sich einiges entwickelt“, sagt Nele Jonca, die Chefin des originellen Cafés „Schoeneweile“ im alten Pförtnerhaus auf dem Areal des früheren AEG-Transformatorenwerks. Draußen, dort, wo im Sommer die Besucher sitzen, stehen drei junge Männer, unterhalten sich auf Englisch. Der Name „Olafur Eliasson“ fällt.

Gegenüber hat der Topkünstler die 1800 Quadratmeter große, schlichte Produktionshalle gekauft und ausbauen lassen. Offenbar reichte ihm der Platz im Studio am Pfefferberg nicht mehr. Die erste Kunst von ihm ist schon da: sein „Birkenwald“, vor zwei Jahren im Hamburger Bahnhof zu sehen, wurde zwischen seinem Studio und den Reinbeckhallen eingepflanzt.

„Wenn Olafur Eliasson und sein Team Ende des Jahres einziehen, sind wir erst einmal fertig auf dem Areal“, sagt der Jurist, Investor und Sammler Sven Herrmann. Nach einem mißglückten Start gelang es ihm in den letzten Jahren das Grundstück zum Kunst- und Kulturzentrum zu entwickeln. Mittlerweile hat er die Stiftung Reinbeckhallen gegründet, die auch seine eigene Kollektion verwaltet. Herzstück des Grundstücks sind die Reinbeckhallen, die sich im Berliner Kunstkalender zur Ausstellungsadresse gemausert haben. Behutsam saniert künden Knöpfe und Schaltwerke an den Wänden von fernen Industriezeiten.

Oberschöneweide liegt "kurz vor dem Ural"

4,6 Millionen Euro hat Herrmann investiert. Das Gebäude steht nicht unter Denkmalschutz, daher war der Umbau einfacher. Die erste Weihe erhielten die Reinbeckhallen 2017 mit der Schau der 2010 verstorbenen Ostkreuz-Fotografin Sibylle Bergemann. 5000 Besucher kamen und entdeckten das einst marode Industrieareal neu. Nicht wenige fühlen sich hier an die Aufbruchsstimmung der 90er-Jahre in Mitte erinnert. Schwierig sei, gibt Herrmann zu, die Entfernung zur City. Für „manchen Zehlendorfer liegt Oberschöneweide so kurz vor dem Ural“, hat er festgestellt.

„I love OSW“ – die Abkürzung für Oberschöneweide – steht an der Fassade des Studios von Olafur Eliasson gesprüht. Eine späte Liebeserklärung. Es ist nicht allzu lange her, da wurde der Stadtteil als „Schweineöde“ abgespeichert. Nach der Wende brachen rund 25.000 Arbeitsplätze im ehemals größten zusammenhängenden Industrieareal in Europa weg. Zurück blieben zahlreiche Arbeitslose und fahle Ruinen, die sich wie hohle Zähne an der Wilhelminenhofstraße entlangzogen. Doch nun ist der Aufschwung da.

Prominente Künstler reihen sich aneinander

„Ohne engagierte lokale Akteure und Pioniere wie Sven Herrmann, wäre eine über Jahre hinweg positive Entwicklung Schöneweides sicherlich kaum möglich gewesen“, sagt Gregor Keck vom Regionalmanagment. „Er ist maßgeblich daran beteiligt, die besondere Industriekultur Schöneweides zu retten.“ Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang Susanne Reumschüssel, die Gründerin des „Industriesalons“, schräg gegenüber der Reinbeckhallen gelegen.

„Herrmann hat aus der Brache etwas gemacht, hier war doch nichts“, erzählt sie. Sie weiß, dass es Kritiker gibt, die in den Künstlern Vorboten der Gentrifizierung sehen. Sie selbst kennt den Bezirk aus dem Efffeff, plant ein multimediales Kabelmuseum in der früheren, denkmalgeschützten AEG-Kantine an der Wilhelminenhofstraße. Erst muss der Bezirk grünes Licht geben, dann kann es mit der Machbarkeitsstudie losgehen.

Der kanadische Rocksänger und Fotograf Bryan Adamas war der erste, der sich zwischen Reinbeckstraße und Spree ein Studio ausbauen ließ. Heute herrscht fast Promidichte. Im hinteren Teil des Komplexes ist die Künstlerin Alicia Kwade eingezogen, zwei Assistenten wuchten gerade Kartons aufeinander. Gegenüber im Studio mit direktem Spreeblick wummern Technobässe.

Auf der Südseite sind noch Studios frei

Die angesagte Künstlerin Jorinde Voigt hockt auf dem Boden und zeichnet schwungvoll auf farbigen Blättern. Über 500 Quadratmeter gehören zu ihrem Refugium. Nebenan ist Christian Jankowski eingezogen. Allesamt große Spieler der Gegenwartskunst, die auf dem Markt angekommen sind, in einer Preisklasse verkaufen, die nur wenige Künstler je erreichen. Der Glamourfaktor wird auf die Gegend wirken.

Auch die Studios an der Nordseite sind bezogen, in einem arbeitet der Bildhauer Thomas von Stokar aus Dachau: „Gegenüber München sind das hier humane Preise.“ Für eine gesunde Durchmischung sorgt Herrmann, indem er zwei Ateliers für „Artists in residence“ frei hält. Und an der Südseite gibt es noch freie Einheiten, damit „Raum für Entwicklung, Projekte und spannende Künstler“ bleibt.

Hermann hat neue Ideen. Schließlich braucht ein Kulturzentrum ein ordentliches Eingangsgebäude, mit Garderobe und Ticketcounter. Es könnte sich zum unwirtlichen Stadtplatz mit dem Kaisersteg hin öffnen. Das würde für Belebung sorgen. Zuerst muss er das mit dem Bezirk verhandeln. „Schöneweide“, sagt Herrmann, „hat eine Chance, wenn es sein Profil schärft.“

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