Eine Woche vor Beginn des Lollapalooza-Festivals sieht der Treptower Park aus wie ein Labyrinth. Viele Kilometer Bauzaun zerschneiden das Grün. Am Sonnabend gibt es noch sehr viele Lücken, man könnte also die Wiesenstücke dazwischen für ein Sonnenbad nutzen. Aber Spaß macht das nicht. Es wirkt alles andere als einladend. Und man sieht ratlose Gesichter. Offenbar hat sich noch nicht bei allen Parkbesuchern herumgesprochen, dass hier die Vorbereitungen für ein großes Musikfestival laufen.

140.000 Besucher werden hier am kommenden Wochenende erwartet. Doch wenige Tage zuvor spaltet die Veranstaltung noch immer den Bezirk. Unmittelbar betroffene Anwohner wehren sich gegen die Veranstaltung, sie fürchten angesichts des Ansturms um den Park und sie fürchten vor allem wegen des zu erwartenden Lärms um ihre Gesundheit. Zusagen, für die Zeit des Festivals Ersatzwohnungen zu bekommen, seien laut den Anwohnern nicht eingelöst worden. Beim Verwaltungsgericht läuft eine Klage. Die Entscheidung wird in den kommenden Tagen erwartet, womöglich kippt sie die Veranstaltung noch.

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Video: Aufgebrachte Bürger stemmen sich gegen Lollapalooza

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    Bei Besuchern des Parks aus anderen Bezirken oder anderen Städten sind die Meinungen geteilt: „Ist doch nur ein Wochenende“, sagen etwa die einen. Dagmar Weiss aus Mitte zum Beispiel ist gelassen. „Der Park ist ja zugänglich“, sagt Weiss. „Ich habe nichts gegen die Veranstaltung und finde diese Störung hier nicht so schlimm. Das geht vorüber.“ Ihr Begleiter sieht das anders. „Das wurde gegen den Willen der Anwohner durchgedrückt. Ich bin gegen diese Absperrungen. Man muss den Leuten Freiräume geben.“

    Einige Parkbesucher lassen ihren Ärger auch am Sicherheitspersonal aus. Es informiert, wo es wann welche Sperrungen gibt. „Ab und zu werden wir beleidigt“, sagt ein Mann um die 30 in Signalweste. Er selbst ist freundlich und weist den Weg zum Figurentheater „Grashüpfer“. Das liegt idyllisch unter Bäumen. Nur ist der Weg dorthin jetzt von Absperrbändern verengt, ab und zu dröhnt ein Gabelstapler vorbei. Ausgerechnet an diesem Wochenende und in der kommenden Woche findet hier das 19. Figurentheaterfestival statt, erzählt Theaterchefin Sigrid Schubert. „Dass wir kommendes Wochenende schließen müssen, war klar. Aber dass wir schon davor so eingeschränkt sind, wurde uns nicht gesagt. Bei fünf Nachmittagsveranstaltungen kamen statt der erwarteten 100 Besucher nur 16.“

    Martina Grünewald, Dirk Schlömer und Maria Ledwoch sind eigentlich Musikfans. Doch die Dimension dieser Veranstaltung stört sie sehr. Schlömer, selbst Musiker und Mitglied der Berliner Band Ton, Steine, Scherben, meint, dass man solche Konzerte doch besser draußen vor der Stadt planen sollte: „So wie Rock am Ring. Hier ist das eine Katastrophe.“

    Eine Katastrophe könnte es vor allem für die Anwohner werden, die Musik ertragen müssen von Lautstärken, die fast an Presslufthämmergetöse heranreichen. Anwohnern wurde zwar die Überlassung von 1600 Ersatzwohnungen zugesagt, doch die Vergabe klappt überhaupt nicht, wie Odo Lapps berichtet, der „nur einen Steinwurf von der Hauptbühne“ entfernt wohnt. Bei einer Bürgerversammlung am Donnerstagabend im Treptower Rathaus – unter anderem mit Vertretern des Bezirks – habe es keine verwertbaren Informationen dazu gegeben. Lapps hatte sich um eine Ersatzwohnung bemüht, war aber gescheitert: „Ich habe immer wieder gehört, dass man nicht zuständig sei“, sagt Lapps am Sonnabend der Berliner Morgenpost. Der Treptower hat sich dann auf eigene Faust ein Ausweichquartier besorgt. Er habe nun erfahren, dass der Veranstalter regresspflichtig sei. Demnach können Anwohner wie er entstehende Kosten beim Lollapalooza-Veranstalter wieder einfordern.

    Anwohner kritisieren das Sicherheitskonzept

    Auf der Bürgerversammlung hatten Anwohner ihrem Ärger Luft gemacht. „Es war sehr emotional und einige Teilnehmer haben regelrecht die Fassung verloren“, sagt Lapps. Es seien Fragen nach dem Zustand der Demokratie und den Rechten der Berliner Bürger gestellt worden. „Es wurde gefragt, ob die Stadt nur noch für Besucher da ist, ob Berlin auf Kosten seiner Bürger zur Spaßstadt wird, und die Berliner nur noch Staffage sind.“

    Besonders stark betroffen sind vermutlich alte Menschen. Lapps glaubt, dass ältere Nachbarn ohne Ersatzwohnung unter der Lärmbelastung gesundheitlich ernsthaft leiden könnten. Auch gebe es Anwohner, die auf Pflegedienste angewiesen sind. Die kämen an den Konzerttagen aber gar nicht durch – oder müssten weite Strecken zu Fuß zurücklegen. Was vermutlich nicht zu bewältigen ist, weil Pflegedienste sehr knapp getaktet sind.

    Anwohner bemängeln zudem das Sicherheitskonzept. Es gebe nur zwei Zugänge zum Gelände an den S-Bahnstationen Treptower Park und Plänterwald. 90 Prozent würden wohl über den innen­stadtnäheren S-Bahnhof Treptower Park kommen, glaubt Lapps. Dort sei es aber sehr eng, der Zugang stark begrenzt.