"In Berliner Betten"

Müggelsee – Die Ruhe in der Stadt

| Lesedauer: 14 Minuten
Thomas Fülling
Auf zur Müggelsee-Rundfahrt: Ein Ausflugsschiff legt an der Anlegestelle „Rübezahl“ am Müggelheimer Damm ab

Auf zur Müggelsee-Rundfahrt: Ein Ausflugsschiff legt an der Anlegestelle „Rübezahl“ am Müggelheimer Damm ab

Foto: dpa Picture-Alliance / Manfred Krause / picture alliance / Berlin - Köpe

Sommerserie: Bade-Paradies und riesiges Trinkwasserreservoir - der Müggelsee zieht im Sommer Zehntausende Berliner und Besucher an.

Also gut. Mit der Ostsee oder gar der Nordsee kann der Müggelsee leider nicht mithalten. Dafür fehlt dem Wasser die Prise Salz, sind die Wellen sind zu klein und der Sand nicht hell genug. Aber am Ende eines heißen Tages langsam in das samtig-warme Wasser zu steigen und dann prustend ein paar Meter raus zu schwimmen, das kann wirklich ein Vergnügen sein. Vor allem, weil das Wasser, umso weiter man sich beim Schwimmen vom Ufer entfernt, die Temperatur merklich ändert. Aus der Tiefe des Sees strömt erfrischende Kühle nach oben. Eine Wohltat.

Der Große Müggelsee im Südosten der Stadt ist zwar nicht ganz so bekannt wie der Wannsee, dafür aber mit fast 7,5 Quadratkilometern Fläche deutlich größer als sein Rivale im Südwesten (2,7 Quadratkilometer). Und längst kein Geheimtipp mehr. Zehntausende Badelustige zieht es jeden Sommer hinaus in die Strandbäder nach Friedrichshagen und Rahnsdorf.

Größtes Trinkwasserreservoir für Berlin

Weniger bekannt ist jedoch, dass man am Müggelsee auch wahre Erholung und Ruhe finden kann. Am besten geht das am faktisch unbewohnten Südufer des Sees. Dort entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Berliner das grüne Umland entdeckten, zwar ein paar Ausflugslokale mit solch idyllischen Namen wie „Rübezahl“ und „Müggelsee-Perle“. Eine Wohnbebauung wurde jedoch nicht zugelassen. Auch, weil der Müggelsee das größte Trinkwasserreservoir für Berlin ist. Doch dazu später.

Eine Ausnahme sollte es bei der Bebauung dann aber doch geben. Anfang der 80er-Jahre ließen die DDR-Oberen an der Stelle der „Müggelsee-Perle“ ein Hotel mit Restaurant errichten. Vor allem zahlungskräftige West-Urlauber sollten angelockt werden. Der damalige Küchenchef schaffte es 1982 gar in eine Spiegel-Reportage. Der Restaurantkritiker und Sachbuchautor Wilhelm R. Frieling hatte bei seiner Test-Reise durch die DDR auch die Ausflugsgaststätte am Müggelsee besucht und die Küche mit immerhin sechs von zehn möglichen Punkten bedacht.

Vorzügliche Linsensuppe

Die Köpenicker Linsensuppe mit Würstchen habe vorzüglich geschmeckt; das Eisbein auf Apfel-Zwiebel-Salat mit Meerrettich, extra scharf, war ein Gedicht, zitierte der Spiegel damals den Speise-Tester. Erst der Nachtisch habe dem Gourmet Tränen in die Augen getrieben: Die verlockenden Zuckerkugeln auf dem Ananasparfait seien steinhart „wie Schrotkugeln“ gewesen. „Küche und Service“, so vermerkte der Tester dennoch, würden weit über dem Landesdurchschnitt stehen.

Hotel und Restaurant haben die DDR überdauert. Das Gästehaus heißt inzwischen „Hotel am Müggelsee Berlin“. Von außen präsentiert sich das Vier-Sterne-Haus noch immer in DDR-typischer Plattenbau-Architektur, mit Farbe etwas aufgehübscht. Die 176 Zimmer haben um die Jahrtausendwende herum jedoch eine gründliche Renovierung erfahren und präsentieren sich durchaus zeitgemäß mit Marmorbad und Klimaanlage.

Vor allem Familienurlauber kommen

Gegessen wird im „Seerestaurant“, beim Abendbuffet für die Gäste mit Halbpension gibt es am Abend des Reporter-Besuchs gedünsteten Fisch. Und wer den nicht mag, lässt sich auf der Terrasse mit Seeblick das Hähnchen-Curry schmecken. Während im Frühjahr und Herbst vor allem das Konferenz-Geschäft für die Belegung des Hotels sorgt, kommen gerade jetzt auch viele Familienurlauber.

Sie kommen vor allem aus Sachsen und Thüringen, immer öfter aber auch Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. „Sie suchen einerseits Ruhe und Erholung, andererseits wollen sie auch etwas von der Großstadt Berlin sehen. Wie können Ihnen beides bieten“, sagt Hoteldirektor Steffen Brückner.

Kombination aus Natur und Großstadt ist ideal

Im Angebot hat er für seine Gäste eine Sauna-Landschaft, am Abend kann (nach vorheriger Anmeldung) auch eine ruhige Kugel geschoben werden. Die Hotelgäste können sich auch auf einem Beach-Volleyballfeld austoben und ab und an sich im Bogenschießen versuchen. „Nur für kleinere Kinder haben wir im Moment nicht so richtig was parat“, räumt Hotelchef Brückner ein.

Was Barbara Prescher mit ihren Kindern überhaupt nicht störte. „Wir waren drei Tage hier – und es war ganz top hier. In den Müggelsee geht es schön flach ins Wasser rein, das ist für kleinere Kinder ideal“, sagt die Besucherin aus Dresden. Auf ihrem Programm stand aber auch ein Besuch im Berliner Naturkundemuseum. „Die Kinder wollten unbedingt die Saurier sehen.“ Für sie ist die Kombination aus Natur und Großstadt ideal. Sie ist sich sicher: „Wir kommen bestimmt noch einmal her.“

Wilde Badestelle vor dem Hotel

Direkt vor dem Hotel gibt es allerdings nur eine schmale wilde Badestelle. Zumindest ein Rettungsring hängt für Notfälle bereit. Bauliche Veränderungen im Uferbereich sind zum Bedauern des Hotelchefs nicht erlaubt. „Wir befinden uns mitten in einem Naturschutz- und zudem einem Wasserschutzgebiet. Für jeden Spatenstich brauchen wir eine Ausnahmegenehmigung“, sagt Brückner.

Immerhin wurde vor einiger Zeit der Schiffsanleger erneuert. Den Steg haben gerade Luisa Anacker und Vanessa Braun für ein kleines privates Foto-Shooting entdeckt. „Wir wohnen in Kreuzberg und wollten einfach mal für einen Tag raus: Die Sonne und das Wasser genießen“, sagt die Philosophie-Studentin Luisa. Für Freundin Vanessa ist der Müggelsee eine Entdeckung. „Den kennen viele meiner Freunde und Bekannten gar nicht“. Dabei sei man in wenigen Minuten raus aus der Stadt. „Und der Weg am Ufer ist super. Man kann ewig weit am See entlangfahren.“

Ein Radweg führt durch die Wälder

Vorzugsweise mit dem Fahrrad. Ein europäischer Radwanderweg führt am Müggelsee entlang. Dicke Baumwurzeln sorgen zwar für etliche Holperstellen, doch wer ein wenig achtgibt, kann stundenlang durch die Wälder rings um die Müggelberge fahren.

Auf deren höchsten Punkt thront der Müggelturm. Auch so ein interessantes Stück Geschichte. Ursprünglich stand hier einmal ein hölzerner Aussichtsturm, errichtet im chinesischen Pagodenstil. Mitte der 50er-Jahre stand er jedoch in Flammen, von Brandstiftung war die Rede. Die Ostberliner sammelten damals 130.000 Mark und leisteten tausende Arbeitsstunden, damit an gleicher Stelle wieder ein Turm aufgebaut werden konnte. Dieses Mal nun in viereckiger Form, in Stahlbetonbauweise, mit einem angebauten HO-Großrestaurant. Eröffnet wurde er 1961, im Jahr des Mauerbaus.

Nach der Wiedervereinigung waren am Müggelturm nicht nur die Besucher ausgeblieben, auch der staatliche Gaststätten-Betreiber ging verloren. Während der Turm Mitte der 90er-Jahre mit Hilfe von EU-Fördermitteln saniert wurde, verfielen die umliegenden Gebäude immer mehr. Der Bezirk Treptow-Köpenick startete mehrere Verkaufsversuche, erst vor einigen Jahren schien sich mit einem Berliner Bauunternehmer ein ernsthafter Interessent gefunden zu haben. Wer jetzt den Müggelturm besucht, sieht die Bauleute bereits kräftig am Arbeiten.

126 Stufen bis zur Aussichtsplattform

Auf Bauschildern ist die Zukunftsvision zu sehen: Ein moderner Hotel- und Restaurantkomplex mit dem unter Denkmalschutz stehenden Aussichtsturm. Der kann trotz der Bauarbeiten weiter besucht werden. Wer die 126 Stufen bis zur Aussichtsplattform erklimmt, dem bietet sich ein toller Ausblick auf die üppige Wald- und Seenlandschaft des Berliner Südosten. Bei guter Sicht sind der Fernsehturm ebenso zu sehen wie die riesige Luftschiffhalle in Brand, die heute ein tropisches Badeparadies beherbergt. Gar nicht weit ist hingegen die Regattastrecke von Grünau, die vor 80 Jahren für die Olympischen Spiele in Berlin gebaut wurde und bis heute in Betrieb ist.

Doch wer am Müggelsee ist, der will natürlich vor allem auch das Wasser erleben. Da passt es gut, dass es auch direkt vor dem Hotel einen Schiffsanleger gibt. Dort macht im Sommer beinahe jede Stunde ein Schiff der Reederei Kutzker fest, der Käpt‘n lädt zu einer Müggelsee-Rundfahrt. Die rund einstündige Tour führt zu den benachbarten Ausflugslokalen nach Müggelhort, Neu-Helgoland oder Rübezahl oder eben auf die andere Seeseite nach Friedrichshagen.

Spinner aus Böhmen und Mähren

Das war lange Zeit ein kleines Fischerdorf, bis Preußen-König Friedrich II. dort 1753 Spinner aus Böhmen und Mähren ansiedeln ließ. Um sich von teuren Importen unabhängig zu machen, sollten die ihm Seide spinnen.

Damit die Seidenraupen etwas zu fressen hatten, wurden dann hunderte Maulbeerbäume gepflanzt. Der Plan schlug allerdings weitgehend fehl, geblieben sind bis heute einige der geduckten Kolonisten-Häuser aus Lehm. Wirkliche Berühmtheit erlangte Friedrichshagen erst rund 150 Jahre später, als Schriftsteller auf der Suche nach Natur und Freiheit den kleinen, damals noch selbstständigen Ort für sich entdeckten. Die lose Künstler-Vereinigung um Wilhelm Bölsche, Bruno Wille, zeitweise auch August Strindberg, wurde später als „Friedrichshagener Dichterkreis“ weltbekannt. Ein kleines Museum im Antiquariat Kathrin Brandel an der Scharnweberstraße 59 bietet interessante Einblicke nicht nur in diesen Teil der Friedrichshagener Geschichte.

Dazu gehört auch das Wasserwerk von Friedrichshagen. Denn am Nordufer des Sees wird auch ein Großteil des Trinkwassers für die Millionenstadt Berlin gewonnen. Schon vor mehr als hundert Jahren machten sich die Wasserwerker die natürliche Filterfunktion des Bodens zunutze. Das 1893 eröffnete Wasserwerk war seinerzeit das größte und modernste in ganz Europa. Riesige Dampfmaschine pumpten das wertvolle Nass an die Oberfläche. Über den dadurch entstehenden Unterdruck wurde die Grundwasserschichten aus dem See stets neu gespeist. Wie das genau alles genau funktioniert und welche Technik dabei zum Einsatz kam, dass alles kann sich in den kühlen Backsteinhallen des Museums Altes Wasserwerk am Müggelseedamm 307 angeschaut werden.

Von Museum ist es gar nicht mehr weit bis zum Strandbad Rahnsdorf. Das bietet dann doch so etwas wie Ostsee-Feeling. Es hat gut 500 Meter Sandstrand zu bieten und jede Menge Sportmöglichkeiten. Mit der Sanierung der in die Jahre gekommenen Anlagen wurde inzwischen auch begonnen. Nur die Ruhe, die findet man an heißen Sommertagen dort eher nicht.

Adressen am Müggelsee

Hotel und Restaurant: Hotel Müggelsee Berlin, Müggelheimer Damm 145, 12559 Berlin-Köpenick. DZ ab 59 Euro (Frühstücksbüfett zusätzlich 16 Euro pro Person), das „Seerestaurant“ hat täglich von 7 bis 23 Uhr geöffnet. Tel.: 030-65 88 25 00, www.hotel-mueggelsee-berlin.com/de

Anreise: Mit dem Auto von der Altstadt Köpenick aus über den Müggelheimer Damm in Richtung Müggelheim; mit der S-Bahn (Linie S3) bis Köpenick, weiter mit dem Bus X69 in Richtung Müggelheim bis Müggelseeperle, etwa zehn Minuten Fußweg bis zum Hotel. Mit dem Schiff: mit der S-Bahn (Linie S3) bis Friedrichshagen, weiter mit der Straßenbahn (Linien 60 oder 61) bis Müggelseedamm/Bölschestraße, von dort 10 Minuten bis zum Schiffsanleger neben dem Spreetunnel, Überfahrt bis Hotel Müggelsee ca. 40 Minuten (Teil der Müggelsee-Rundfahrt)

Müggelturm: Der Müggelturm in den Müggelbergen stellt mit 114,7 Metern die höchste natürliche Erhebung des Stadtgebietes dar. Der Turm selbst ist 30 Meter hoch, entsprechend gut ist die Sicht auf die ausgedehnte Wald- und Seenlandschaft zwischen Dahme und Müggelsee. Geöffnet: täglich von 10 bis 16 Uhr, Eintritt: 2 Euro (ermäßigt 1 Euro). Neben dem Turm gibt es einen kleinen Imbiss-Stand. www.mueggelturm.berlin

Rübezahl: Etwa eine halbe Gehstunde von der Müggelseeperle entfernt befindet sich das Ausflugslokal Rübezahl (Müggelheimer Damm 143). Café und Biergarten liegen direkt am Wald, von der Terrasse aus bietet sich ein herrlicher Ausblick über den Müggelsee. Geöffnet: mittwochs bis sonntags von 11.30 bis 23 Uhr. Für die Kinder gibt es einen kleinen Abenteuerspielplatz. Zudem können dort Ruderboote ausgeliehen werden. Vermietet werden 22 Ferienhäuser (teilweise mit Whirlpool und Sauna), die jedoch für diesen Sommer bereits weitgehend ausgebucht sind. www.ruebezahl-berlin.de

Schwimmen Strandbad Rahnsdorf, Fürstenwalder Damm 838. Geöffnet: 9 Uhr bis Einbruch der Dunkelheit. Der Eintritt ist kostenlos. Seebad Friedrichshagen, Müggelseedamm 216. 10–19 Uhr. Eintritt: fünf Euro (erm. 2,80 Euro), Familienpass (zwei Erwachsene und zwei Kinder, 12,80 Euro)

Friedrichshagen: Auf der anderen Seite des Müggelsees liegt der Köpenicker Ortsteil Friedrichshagen mit seiner bekannten Bölschestraße. Direkt am Müggelsee befindet sich das Museum am alten Wasserwerk (Müggelseedamm 307). Geöffnet (April bis Oktober): Freitag und Sonnabend von 10 bis 17 Uhr, Sonntag von 10 bis 16 Uhr. Eintrittspreise: Erwachsene 5 Euro, ermäßigt 3,50 Euro, Kinder von 7–13 Jahren 2,50 Euro, Kinder unter 7 Jahren frei.

Dichterkreis: Ende des 19. Jahrhunderts ließen sich auf der Suche nach Ruhe und Natur zahlreiche Schriftsteller und Künstler am Müggelsee nieder. An den Friedrichshagener Dichterkreis erinnert ein kleines Museum im Antiquariat Brandel, Scharnweberstraße 59, 12587 Berlin-Friedrichshagen. Geöffnet: Mi-Fr 12-18 Uhr, Sbd., 9.20-12 Uhr.

Schiffsfahrten: Müggelsee-Rundfahrten (ca eine Stunde) bis 9. Oktober täglich. Abfahrten ab Hotel Müggelsee um 11.10, 12.25, 13.40, 14.55, 16.10 und 17.25 Uhr. Weitere Fahrten ab Friedrichshagen unter anderem nach Köpenick, Woltersdorf/Grünheide und nach Rüdersdorf (Museumspark). Reederei Kutzker, Tel. 03362-62 51, www.reederei-kutzker.de