„Wo willste denn hin!“ Ein älteres Paar steuert genervt auf den Biergarten der Wannseeterrassen zu. „Na unter de Schirme, guck mal nach oben!“ Dann, während sie auf den Kaffee warten, lassen die beiden einen Moment stumm den Blick schweifen. Das Gartenrestaurant liegt auf einem Steilufer. Zu Füßen der Gäste breitet sich bis zum Horizont schimmernd der Wannsee aus.
Auf der Wasseroberfläche treiben Jachten und Stehpaddler, ein Ausflugsdampfer kreuzt. Eine Etage tiefer lachen und kreischen die Kinder im Strandbad. Birken und Kiefern umrahmen die Szene wie auf einem Liebermannschen Gemälde. Die Luft ist erfüllt vom Duft von Sonnencreme und trockenen Gräsern. Dann bricht sie das Schweigen: „Also, der Kaffee ist hier doch sehr gut.“ Dann lachen sie beide. Die Wolke am Himmel ist weg.
Beim Baden waren alle gleich
Wenn es einen Ort gibt in Berlin, an dem Berlin seine Seele offenbart, dann ist es der Große Wannsee in Zehlendorf. Eigentlich eine zweieinhalb Kilometer lange Havelbucht im Südwesten Berlins, steht er für jene Welt, in der sich Stadt und Land aufs Schönste begegnen. Am Wannsee bauten Berlins Wirtschafts- und Geistesgrößen ihre Villen und erhoben das Landvergnügen zum gesellschaftlichen Anlass. Nach dem Krieg und erst recht nach dem Mauerbau 1961 wurde das Strandbad Wannsee zum „Lido für alle“, beim Baden im Wannsee waren alle gleich. So ist es bis heute. Von den Wannseeterrassen lässt sich das alles sehr schön beobachten.
Das Restaurant stammt aus den 30er-Jahren, nach mehreren Bränden wurde es immer wieder aufgebaut. Zuletzt eröffnete es im April 2015 mit großem Publikum neu. „Da kam auch Uli Zelle“, erinnert sich das Ehepaar beim Kaffee. Die Anwesenheit des bekannten RBB-Moderators gilt sozusagen als Gütesiegel für das authentische Berlin.
Strandbad Wannsee ist die erste Adresse
Zu Füßen der Terrassengäste schippert das echte Berlin an diesem Tag in teuren Yachten über den Wannsee oder es kreuzt im Schlauchboot. Es kommt mit dem Rolls-Royce oder auch mit dem Bollerwagen mit Sack und Pack zum Tagesausflug ins Strandbad, wo der weiße Sandstrand nicht nur aussieht wie an der Ostsee, sondern tatsächlich von dort stammt. Er ist aufgeschüttet. Das ganz, ganz echte Berlin präsentiert sich so, wie es ist, am FKK-Badesteg direkt unterhalb der eleganten Terrassen. Die Distanz ist genau so bemessen, dass Details niemanden irritieren.

Berlin, das ist auch diese Mischung aus Offenheit und Distanz, aus Unzugänglichkeit und Charme, an die man sich als Außenstehender erst herantasten muss. Das gilt auch für den Zugang zum See. Sicher, wer es sich einfach machen will, fährt zum S-Bahnhof Wannsee, dort gibt es eine schöne Uferpromenade, Dampfer und Fähren, und auch vom Biergarten „Loretta“ ist der Wasserblick schön. Aber um direkt mal einzutauchen in Berlins berühmtesten See und dieses Gefühl zu haben, gleichzeitig tief abzutauchen in die Seele Berlins, ist die erste Adresse das Strandbad Wannsee.
Neues Berlin am Sehnsuchtsort des Alten
Strandbad und Terrassen liegen am Wannseebadweg etwas versteckt im Wald. Wer klug ist, kommt zu Fuß oder mit dem Rad, Parken ist im Hochsommer schwierig. Bei 30 Grad plus stehen am Eingang auch spätnachmittags noch Badegäste Schlange, während andere in endlosem Strom zurück zum S-Bahnhof Nikolassee ziehen.
Auf halber Strecke sitzen Chad (27) und Melinda (22) an einem kleinen Kiosk und trinken eine Berliner Weiße. „Voll, aber wunderschön“ sei es im Strandbad gewesen, sagen sie. „Wir sind zuvor mit dem Rad durch den Grunewald und am Wasser entlang gefahren, eine wirklich schöne Tour.“ Chad ist Australier, Melinda kommt aus Ungarn, kennengelernt haben sie sich in Spanien. Er arbeitet in Berlin, sie ist Studentin, sie wohnen in Friedrichshain, „natürlich“. Sie lachen. Sie sind sich bewusst, was sie repräsentieren: Das neue Berlin, zu Besuch am Sehnsuchtsort des Alten. Dann schwingen sich die beiden auf ihre Mountainbikes und radeln zurück in ihre Welt.
Wer abends aber am Wannsee bleiben möchte, hat es schwer. Das Strandbad schließt um 20 Uhr und ein Hotel direkt am Traumstrand gibt es nicht. So bleibt nur, weiter wegzufahren. Oder im „Motel Grunewald“ einzuchecken, an der Autobahn-Raststätte an der Ausfahrt Spanische Allee. Von hier sind es nur zehn Minuten zu Fuß bis zum Standbad.

Um es vorweg zu sagen: Hier ist richtig, wer einfach und preiswert übernachten möchte. Die Zimmer sind sauber und sogar ruhig, sie liegen in Richtung Wald. Ein Ferienquartier aber ist das Motel nicht und will es auch nicht sein.
Berlin bietet gegenwärtig 138.000 Betten in 777 Übernachtungsbetrieben. Wer wählt da eine Autobahn-Raststätte? Offenbar viele. Jedenfalls hat die Rezeption gut zu tun. Ein paar junge Leute lassen sich Berlin-Stadtpläne geben, Männer im Blaumann laufen mit einem Gruß am Tresen vorbei, sie sind für länger hier untergebracht. Ein Ehepaar aus Schweden diskutiert, ob man mit dem Wohnmobil in die Innenstadt fahren soll. „Wir haben uns für das Motel entschieden, weil es am Wannsee und an der Autobahn liegt und es ausreichend Parkplätze gibt“, sagen sie.
Forellenbassin und eigene Hausschlachtung
Das Hotelgebäude selbst interessiert die beiden eher wenig. Dabei lohnt das braun gekachelte Haus durchaus einen Blick – als besondere Location. Eröffnet wurde es 1969 als „Rasthof Grunewald“. Die asymmetrische Architektur erinnert an die Zweckbauten der alten Bundesrepublik. Viel Beton, viel Braun, zweckmäßiges Design. Andere Bauten diesen Stils stehen unter Denkmalschutz, dieses nicht. Drinnen erzählen nur noch Details vom Gestaltungswillen der 60er, etwa die Geländer und Kugellampen in den Fluren. Oder das neonbeleuchtete Eingangsschild.
Bis in die 80er-Jahre galt der Rasthof auch kulinarisch als Besonderheit. Es gab ein Forellenbassin und eigene Hausschlachtung. Zuletzt machte das Haus Schlagzeilen als schlechteste Autobahn-Raststätte Deutschlands. Seit etwa 2000 gehört es zur Kette Tank & Rast.
Warum bekam Berlin 1969 überhaupt eine Autobahn-Raststätte mit Motel? 1973 kam eine weitere am damaligen Grenzkontrollpunkt Dreilinden dazu, 1977 die Avus-Raststätte mit Hotel, die es bis heute gibt. Drei Raststätten auf wenigen Kilometern – für wen? Berlin lag und liegt nicht an den großen Routen des Fernreiseverkehrs. Zu Mauerzeiten machte man mit dem Auto nur Urlaub, wenn es nicht anders ging. In den Sommerferien standen die Berliner stundenlang im Stau an den Grenzkontrollen. Vielleicht haben deshalb Reisen und Reisefreiheit besondere Bedeutung.
Woher die „Spinner-Brücke“ ihren Namen hat
Ein Relikt dieser Zeiten ist der Bikertreff „Spinner-Brücke“ gegenüber des Motels. Jeden Abend treffen sich hier an Sommerwochenenden oft Hunderte Motorradfahrer auf ein Bier und einen Schnack. Zu den Stammgästen gehört Kussi, 54 Jahre alt, Harley-Besitzer. Er trifft sich hier mal mit Kollegen, mal mit den Brüdern seines Clubs, sagt er, und: „Wir sind kein reiner Motorradclub, wir treffen uns auch zu anderen Anlässen.“ Soll wohl heißen: Biker sind harmlose Menschen, auch wenn manche einen anderen Ruf haben. Wie die „Spinner“ , die der Legende nach namensgebend für die „Spinner-Brücke“ waren, die eigentlich gar nicht so heißt. In der Zeit vor 1989, als auf der Avus noch kein Tempolimit galt, sollen sie abends mit ihren Motorrädern in Höchstgeschwindigkeit zur Spanischen Allee geheizt sein. „Sie wurden dann wohl Spinner genannt“, meint Kussi.
Wie auch immer: Ort und Legende gehören längst auch zum „echten“ Berlin.
Adressen am Wannsee
Motel und Rasthof Grunewald: Kronprinzessinnenweg 120, 14129 Berlin, Zehlendorf. Telefon: 030 - 80 30 40, E-Mail: reservierung-hotel@ssp-ce.de. DZ inkl. Frühstück ab 79 Euro. Anfahrt: Mit dem Auto über A115, Ausfahrt Spanische Allee. Bahn: S1, S7 bis Bhf. Nikolassee, Fußweg über die Spanische Allee.
Strandbad Wannsee: Wannseebadweg 25, 12129 Berlin, Zehlendorf; Anfahrt: S1, S7 bis S-Bhf. Nikolassee, etwa 10 Minuten Fußweg, wenige Parkplätze. In den Sommerferien verkehrt zudem der Bäderbus 312.Telefon: 030 - 803 54 50. Öffnungszeiten: täglich 9–20 Uhr, ab 5. September 2016 bis 18 Uhr. Kassenschluss eine Stunde vor Betriebsende. Eintritt: 5,50 Euro, ermäßigt 3,50 Euro.
Wannseeterrassen: Wannseebadweg 35, 14129 Berlin, Zehlendorf, Telefon: 030 - 80 90 82 18, www.wannseeterrassen.berlin. Ganzjährig geöffnet, Torten und Gebäck vom Konditor, warme Küche täglich 12–21.30 Uhr.
Schiffsausflug nach Kladow: Vom Wasser aus ist der Wannsee am schönsten. Eine Stippvisite ist mit der BVG-Fähre F10 möglich, die ab Ronnebypromenade in 20 Minuten nach Kladow fährt. Anfahrt: S1, S7 bis Bhf. Wannsee. Fahrräder können auf der Fähre mitgenommen werden. Wer will, kehrt in Kladow ein oder radelt bis zum romantischen Kirchlein Sacrow weiter. Fähre F10: stündlich, im Sommer werktags 6–19 Uhr , Sbd. 7–19 Uhr, So. 10–19. Einzelticket 2,70 Euro, ermäßigt 1,70 Euro.





