Tegel – wo? Das Reiseziel stellt selbst manche Berliner vor ein Rätsel. Tegelort, das könnte irgendwie beim Flughafen Tegel sein? Oder gehört es zu Alt-Tegel, dem Ortsteil am gleichnamigen See, wo auch das Humboldt-Schloss steht? Was hat es genau mit dem geheimnisvollen Tegelort auf sich? Gibt es ihn überhaupt? Ja? Die BVG-Buslinie 222 hat als Endstation Tegelort. Der Doppeldecker braucht vom U-Bahnhof Alt-Tegel nur 14 Minuten, um seine Fahrgäste aus der hektischen Großstadt direkt in eine Idylle zu bringen. Die Fahrt führt erst durch tiefen, grünen Wald, dann durch das Dörfchen Konradshöhe. Zuletzt sieht man Wasser glitzern. Dann ist man da. Und steigt als letzter übrig gebliebener Fahrgast aus.
Einfamilienhäuser stehen schweigend in großen Gärten. Tegelort ist eine stille Welt hinter Hecken und Jägerzäunen. Kaum Villen, eher bescheidene Bungalows. Vögel singen, Wassersprenger sirren. Dann hört man vom Ufer Stimmen und Gelächter – und muss zweimal hingucken. Auf einer großen Terrasse sitzen da Scharen von Gästen unter Schirmen an weißen Tischen und Bänken. Hinter ihnen glitzert die Havel türkis-rosa im Sonnenlicht. Liegt Tegelort vielleicht doch an der Ostsee?
Damals kamen alle "jwd"
Nein. Das Restaurant mit dem international klingenden Namen Eagle Lodge ist ein traditionelles Berliner Ausflugslokal. Auf der Karte stehen aktuell Pfifferlinge, außerdem traditionelle Berliner Hausmannskost bis hin zur Blutwurst, Salate, Wild und Fisch. Doch wegen des Essens allein kommen die Gäste nicht hierher, das wird beim Anblick des Sonnuntergangs klar. Mehr Romantik geht kaum.
Das haben auch frühere Generationen schon gewusst. Die Geschichte des Lokals reicht zurück ins 20. Jahrhundert. Damals kamen die Berliner in Scharen an den Wochenenden, um sich „jwd“, also „janz weit draußen“, zu erholen. Im Grunde waren es ganz ähnliche Motive wie die der heutigen Ostseereisenden, nur dass die Anfahrt viel kürzer war als bis ans Meer. Wasser und Ufer gibt es hier wie dort im Überfluss. Doch während an der Ostsee im Sommer Quartiere belegt sein wollen, geht das Leben in Tegelort auch in der Hochsaison seinen gemächlichen Gang.
Wer hier wohnt, hat ein Boot, arbeitet mit, an oder auf Booten. Links neben der Terrasse des Eagle Lodge kann man Tretboote mieten, rechts liegt das malerische Reetdach-Bootshaus der Freiwilligen Feuerwehr, bewacht von ein paar zutraulichen Schwänen. Ein Rundgang am Abend führt vorbei an Bootsstegen und Fähranlegern, an Segelschulen und Badestellen. Aus den Gärten dringen Stimmen und Gelächter, ebenso vom Wasser. Als es dunkel wird, glimmen auf vielen Segel- und Motorbooten auf dem Wasser Lichter auf und beleben das schwarze Wasser mit funkelnden Inseln.
Mehr Inselgefühl kann man kaum haben
Viele Tegelorter Familien leben seit Generationen hier. Günter Merkert, dessen Großeltern einst aus Wedding herkamen. Merkert, heute selbst 76 Jahre alt, erzählt, dass sein Großvater Ende des 19. Jahrhunderts Land auf der Halbinsel kaufte, die damals noch schwer erreichbar war. „Um das Bauholz für sein Haus zu transportieren, lief mein Großvater freitags zu Fuß mit einem Leiterwagen nach Tegel und kam am nächsten Tag zurück“. In Konradshöhe und Tegelort entstanden immer mehr Ausflugslokale, gleichzeitig gab es immer mehr Siedler. 1905 bekam Tegelort eine Schule, 1913 sogar Straßenbahnanschluss nach Tegel.
Die größten Ausflugszeiten erlebte der kleine Ort in den 20er- und 30er-Jahren. Mit dem Krieg war der Spaß vorbei. An die großen Zeiten von einst erinnert heute nur noch wenig. Von der Straßenbahn sind heute nur noch die zweigeteilten Straßen übrig. „Bis Ende der 50er-Jahre fuhr die Bahn auf der einen Seite, die Autos auf der anderen“, erinnert sich Merkert. Und auch von den historischen Lokalen gibt es nicht mehr viele. Die „Terrassen am See“ erleben gerade eine vorsichtige Renaissance. Sie berufen sich auf 136 Jahre Geschichte, doch Betrieb ist nur bei schönem Wetter.
Die Eagle Lodge hat ganzjährig und bei jedem Wetter geöffnet. Die Traditionsgaststätte stammt aus dem Jahr 1919, hatte schon früh auch einfache Zimmer für Wanderer, vor einigen Jahrzehnten kam ein Hotelbau dazu. Bekannt ist das Restaurant bei Einheimischen bis heute unter dem früheren Namen Restaurant Igel, so hießen die Vorbesitzer. 2014 wurde das Haus verkauft, seitdem heißt das Restaurant Eagle Lodge, aus Igel wurde Adler. Das Hotel trägt den Namen Havel Lodge, und die Anlage wurde inzwischen modernisiert. Aus 70er-Jahre-Schick wurde Ostseefeeling mit viel Weiß und Holz. Insgesamt hat das Hotel heute 71 Hotelzimmer. Davon einige mit direktem Wasserblick. Wer macht Urlaub in Tegelort?

Die Frage überrascht den Manager des Hotels – was wiederum den Touristen überrascht. Doch die meisten Gäste kommen nicht in erster Linie, um sich zu erholen, sagt Friedrich-Herbert Axnick. Es sind Geschäftsleute, die in Tegel oder im nördlichen Umland zu tun haben. Ein Argument sind sicher die Preise, die deutlich unter vergleichbaren Quartieren in der Berliner Innenstadt liegen. Die Ausstattung mancher Zimmer ist modern, aber relativ einfach. „Und die Ruhe mögen viele sicher auch“, sagt Axnick.
Richtig verstehen kann man diese touristische Zurückhaltung nicht. Wenn abends die letzten Tagesgäste gegangen sind, bleibt man als Halbinsel-Gast allein zurück in der Stille. Und mit den Booten. Bei jedem Wellengang beginnen sie leise zu klimpern, als erwachten sie wispernd zum Leben. Am Morgen tun sie dann so, als wäre nichts gewesen. Und die Enten quaken, weil es Frühstück gibt.
Mit dem Rad zum Baden, mit dem Boot nach Berlin
Tegelort ist nicht nur ein idyllisches Ausflugsziel. Es lohnt, über Nacht zu bleiben und von hier Touren zu machen. Nützlich ist ein Auto, noch besser ein Fahrrad, denn ausleihen kann man diese hier nicht. Mit dem Fahrrad ist man schnell am Arbeiterstrand gegenüber der Insel Scharfenberg oder im Strandbad am Tegeler See. Oder man erkundet das Umland und den Mauerweg, der auf der anderen Havelseite verläuft. Das ist ebenso spannend wie schön. Wer ein Boot hat, kann auch damit anreisen. Und wer keins besitzt, hat trotzdem gleich mehrere Ausflugslinien zur Verfügung, die hier anlegen. Sie bieten Touren über den Tegeler See und die Havel.
Und dann ist da ja noch Tegel. Wer einmal dort war, weiß, dass Berlin nicht nur in der Innenstadt schön ist. Auch der Ortsteil Tegel selbst ist ein beliebtes Berliner Ausflugsziel. Der Tegeler See ist vielleicht nicht die Hamburger Außenalster, aber an schönen Tagen ähnlich gut besucht. Auch das Humboldt-Schloss in Tegel, 1737 erbaut, lohnt eine Visite. Um sich die Rückkehr zur Großstadt auch gedanklich leichter zu machen, kann man das Borsiggelände besuchen, wo einst Lokomotiven gebaut wurden. Das große Fabrikgelände ist ein interessanter Ausflug in die Berliner Industriegeschichte. In den Werkshallen ist heute ein Shoppingcenter. Der Borsigturm war übrigens 1922 Berlins erstes Hochhaus – mit ganzen 65 Metern.



