Bundestagswahl

Gysis CDU-Herausforderer zieht sich zurück

Überraschend hat im Wahlkreis des Linke-Fraktionschefs Gysi der Herausforderer von der CDU seine Kandidatur zurückgezogen. Hintergrund ist offenbar ein Streit in der eigenen Partei.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Seit mehr als 20 Jahren ist Fritz Niedergesäß im Kreisvorstand der CDU im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick, die meiste Zeit davon als Kreisvorsitzender. Wenn er von seinem Bezirk spricht, dann gerät er schnell ins Schwärmen. Nur einen Makel hat Treptow-Köpenick. Seit Jahren ist der Bezirk fest in der Hand der Roten. SPD und Linke sind die stärksten Parteien hier, die Konservativen sind abgeschlagen auf dem dritten Platz.

Das größte Problem für die CDU aber heißt Gregor Gysi. Der Linke-Fraktionschef hat hier seit 2005 seinen Wahlkreis. Zweimal hat er hier direkt gewonnen, mit über 40 Prozent der Erststimmen. Wer gegen ihn antritt, ist chancenlos. Als der Rechtsanwalt Niels Korte 2005 zum CDU-Kreisverband stieß und sich nach einem halben Jahr bereit erklärte, den Kampf aufzunehmen, war nicht nur Niedergesäß begeistert.

Korte war jung, hatte politische Erfahrung (unter anderem als Wahlkämpfer für Friedrich Merz) und er hat eine florierende Rechtanwaltskanzlei. Der Jurist hatte keine Chance, aber er nutzte sie. Er zog mit einem jungen Team in ein leeres Ladenlokal direkt neben Gysis Wahlkreisbüro und begann, die Häuser abzuklappern. Über 1000 Gespräche führte er. Er verlor.

Beim Parteitag von der Spitze hängen gelassen

Bei der Bundestagwahl 2009 ging Korte unverdrossen erneut ins Rennen. Diesmal gelang es ihm, den Promi-Kandidaten der SPD, Ex-Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel, zu überholen. Gegen Gysi verlor er trotzdem erneut. Immerhin schaffte es Korte 2011 ins Abgeordnetenhaus. Auch diesmal wollte Korte bei der Bundestagswahl das Unmögliche wagen.

Im Oktober wählte ihn der CDU-Kreisverband einstimmig zum Direktkandidaten. Doch Anfang Januar informierte der 43-jährige Jurist seinen Kreisvorsitzenden Niedergesäß in einem Brief, er ziehe seine Kandidatur zurück. Als Grund gab er an, kürzlich in den Hauptausschuss des Abgeordnetenhaus gewählt worden zu sein. Das sei eben eine „gewaltige Mehrbelastung“, sagt Fritz Niedergesäß.

Der eigentliche Grund dürfte ein anderer sein: Beim Landesparteitag der CDU hatte Korte für Listenplatz sieben bei der Bundestagswahl kandidiert – und war durchgefallen. Im Kreisverband erzählen einige, die CDU-Landesführung habe Korte zuvor fest ihre Unterstützung für die Kandidatur zugesagt, ihn beim Parteitag aber hängen gelassen.

„Korte wäre idealer Kandidat gewesen“

Dass jemand, der sich für die Partei regelmäßig in einen aussichtslosen Straßenkampf wirft, auf Anerkennung an anderer Stelle hofft, klingt plausibel. Das aber wollen weder Korte noch Niedergesäß bestätigen. Er sei „überrascht“ gewesen, sagt Korte nur am Telefon. „Wir waren platt nach der Wahl“, sagt sein Kreisvorsitzender Fritz Niedergesäß.

Seither brodelt es bei der CDU in Treptow-Köpenick, auch wenn das offiziell niemand sagen würde. Auf einer Kreisversammlung in dieser Woche, bei der die Lage beraten werden sollte, sollte ursprünglich der Generalsekretär der Landes-CDU, Kai Wegner, die Sitzung leiten. Zur Sitzung erschien Wegner dann aber doch nicht. Am Dienstag hatte der Kreisvorstand einstimmig beschlossen, dass lieber Niels Korte die Sitzung leiten solle. Teilnehmer berichten, es habe tosenden Applaus für ihn gegeben.

Sein Kreisverband trauert immer noch über den Verlust: „Korte ist ein brillanter Kopf, er wäre der ideale Kandidat gewesen“, sagt Fritz Niedergesäß. Bis zum 15. Juli muss die CDU einen neuen Direktkandidaten für Treptow-Köpenick nominieren. Es muss einer sein, der selbstbewusst genug ist, um es mit Gysi aufzunehmen, und trotzdem damit leben kann, dass er nicht gewinnen wird.

„Locken kann ich keinen, denn das ist ziemlich aussichtslos“, räumt Niedergesäß ein. Ihm schwebt ein ganz großer Wurf vor: Ein Promi-Kandidat vom Format eines Heiner Geißler etwa. Einer, der nichts mehr zu verlieren hat und deshalb mit Größe verlieren kann.

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