„Was kochen wir heute?“ fragt Lisa, kaum dass sie die Küche des Studio 32 in Berlin-Schöneberg betritt. Die Drittklässlerin der Spreewald-Grundschule hat ihre Jacke noch an, der Schulranzen hängt über der Schulter. „Das, was ihr euch letztes Mal gewünscht habt!“, antwortet Koch Fabian Huschitt. Lisa überlegt kurz: „Das hab ich vergessen.“
Fünf Minuten später versammeln sich alle 13 Kinder um den großen Tisch der Genusswerkstatt des Bonvivant Cocktail Bistro. Die Schüler der Spreewald-Grundschule am Winterfeldtplatz haben nur zwei Minuten Fußweg bis hierher. Zweimal pro Woche findet hier die AG „Kochen ohne Knochen“ statt. Ein besonderes Projekt, bei dem Schüler von Profi-Köchen lernen.
Auf dem Speiseplan: Vegetarische Wraps und Küchenchaos
Heute stehen Wraps mit Halloumi auf dem Speiseplan. Fabian Huschitt, der junge Sternekoch, leitet die Koch-AG zum ersten Mal selbst. Die Kinder sind hochkonzentriert: Hier wird Käse geschnitten, dort Schnittlauch gehackt, währenddessen entsteht frische Guacamole.
„Passt auf eure Finger auf!“, mahnt Huschitt, während er von Kind zu Kind eilt. Die Grundschüler arbeiten erstaunlich schnell und präzise – ständig muss er neue Aufgaben verteilen. Immer wieder ertönt ein „Ich bin fertig!“ oder „Was soll ich jetzt machen?“
Etwas chaotisch wirkt das Ganze schon. Doch Huschitt, der normalerweise Kochkurse für Erwachsene gibt, bleibt gelassen: „Das ist nichts anderes.“ Der Lautstärkepegel sei bei Kindern zwar höher, das ständige Nachfragen kenne er aber auch von Erwachsenen. Sein Trick: Gute Vorbereitung. Bretter auslegen, Zutaten bereitstellen – je besser alles vorbereitet ist, desto weniger Fragen gibt es.
Kinder lernen Messer-Skills wie Erwachsene
Und die Kinder machen ihre Sache gut. Schnittlauch und Paprika werden erstaunlich schnell und präzise geschnitten – wie bei den Erwachsenen. „Man merkt direkt, welche Kinder das öfter machen“, beobachtet Herr Brauer, Erzieher, dessen Schüler heute dabei sind. Wer zuhause beim Kochen eingebunden wird, geht beispielsweise sicherer mit dem Messer um.
Darüber freut sich besonders Jules Winnfield, Geschäftsführer des Restaurants Bonvivant. Er ist im Kiez aufgewachsen, besuchte selbst die Grundschule und nahm damals an der „Kochen ohne Knochen“-AG teil. Diese weckte seine Begeisterung fürs Kochen und die vegetarische Küche.
Kochen ohne Knochen – Grundschüler lernen lecker fleischfrei zu kochen
Das Konzept der AG ist einfach: Kinder sollen lernen, wie gut fleischfreie Küche schmecken kann. Dabei geht es vor allem um unkomplizierte Gerichte, die sich zu Hause leicht nachkochen lassen.
Die Grundschule mit Schwerpunkt auf Theater legt auch im Schulalltag Wert auf gesunde Ernährung. Schulleiterin Nana Salzmann erklärt: „Wir haben mit den Kindern und Eltern eine Vereinbarung getroffen: Im Schulalltag wollen wir auf stark gezuckerte, gesalzene und fetthaltige Lebensmittel verzichten.“ Nachtisch gibt es nur in kleinen Portionen oder zu besonderen Anlässen.
Süßes wünschen sich die Kinder dennoch. „Pfannkuchen zum Beispiel – das kann man auch machen, aber auf gesunde Art“, sagt Koch Huschitt. „Zucker gegen Ahornsirup tauschen oder statt Weizenmehl Vollkorn- oder Hafermehl verwenden.“

Vom ehemaligen AG-Teilnehmer zum Retter des Kurses
Winnfield hat die AG gerettet – er selbst nennt es eine „Schicksalsfügung“. Während der Pandemie musste der benachbarte Second-Hand-Laden schließen. Zwischenzeitlich zog eine Mehrwegverpackungsfirma ein, die das Bonvivant nach einem Cocktailkurs fragte. Daraus entstand die Idee, die Fläche für weitere Kurse zu nutzen. „Aber alle Kurse finden abends statt. Da kam die Überlegung: Was machen wir tagsüber mit der Fläche?“ Da erinnerte sich Winnfield an seine alte Koch-AG.
„Ich habe Frau Salzmann gefragt, ob die Kinder nicht mal eine Wandertagsexkursion zu uns machen wollen“, erzählt er. Die Schulleiterin war begeistert, erwähnte aber, dass der bisherige Kurs zum Semesterende auslaufe und die Leitung in Rente gehe.
Niemand konnte die AG übernehmen – also entschieden Winnfield und sein Team: „Wir machen das jetzt.“ Seit fast drei Jahren führt das Studio 32 die Koch-AG durch. Winnfields größter Traum wäre: „Wenn es in zehn Jahren das Restaurant noch gibt und jemand durch die Tür kommt, sich für eine Ausbildung bewirbt und sagt: Hey, ich war bei euch in der Koch-AG.“
Auch interessant
Finanzierung der Koch-AG gefährdet
Doch es gibt ein Problem: die Finanzierung. Jedes Semester steht der Kurs auf der Kippe. Für die betreuenden Köche rechnet er sich nicht – deshalb wechselt die Leitung regelmäßig. Schulleiterin Salzmann erklärt: „Wir würden das gerne häufiger anbieten, aber unser Budget, über das wir eigenständig verfügen können, wurde vom Senat reduziert, weil wir nicht mehr alle Kriterien erfüllen. Wir hoffen, dass die Finanzierung in den nächsten Jahren noch gesichert ist.“
Was die Schüler neben Kochen in der AG lernen können
Dabei ist die Bedeutung der AG unbestritten. Erzieher Brauer beobachtet: „Kinder, die im Unterricht vielleicht etwas mehr Energie haben, werden beim Kochen direkt ruhiger. Sie helfen mit und engagieren sich.“ Die Kinder lernen hier weit mehr als nur gesunde Ernährung, sind sich die Erwachsenen einig. „Teilen, gerade in dem Alter – sich ein Brett zum Schneiden teilen, Zutaten abgeben“, beobachtet Koch Huschitt. Was ihm am meisten Freude macht? „Die glücklichen Gesichter am Ende.“ Für die Kinder ist der Kurs ein absolutes Highlight. „Sie fragen immer wieder: Wann gehen wir endlich wieder kochen?“, berichtet Erzieher Brauer. Längst sei die AG ein fester Bestandteil des Schullalltags geworden.
Knapp eineinhalb Stunden später verlassen die Schülerinnen und Schüler das Studio 32 – die Wraps verputzt, den Magen voll. Für nächste Woche haben sie sich Pizza gewünscht.




