Schöneberg

Eltern sagen Ja zur Spreewald-Grundschule

Eine Elterninitiative ist von der positiven Entwicklung der Brennpunktschule überzeugt. Sie will eine bunt gemischte Schule.

Am Eingang der Spreewald-Grundschule in Schöneberg steht das Freizeithaus mit Sporthalle.

Am Eingang der Spreewald-Grundschule in Schöneberg steht das Freizeithaus mit Sporthalle.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Die Schöneberger Spreewald-Grundschule zählt zu den Problemschulen im Bezirk. Mit diesem Image haben einige Berliner Schulen zu kämpfen. Sie sind für Lehrer nicht gerade die erste Wahl – häufig auch bei Eltern nicht. Positiv-Beispiele für Schulen, die sich wandeln, wie etwa die Rütli-Gemeinschaftschule in Neukölln zeigen aber, dass es mit Engagement möglich ist, ein rüpelhaftes Image aufzupolieren. Das will eine Elterninitiative an der Spreewald-Grundschule nun auch schaffen.

Mütter und Väter sagen gezielt „Ja zur Spreewald-Grundschule“,

schicken ihre Kinder guten Gewissens dorthin und wollen Zweifler überzeugen, sich anzuschließen. Und vernetzen sich über die Internetseite www.ja-zur-spreewald-grundschule.de. Eltern können darüber Kontakt aufnehmen. Die Schule in der Pallasstraße, in einem Kiez mit vielen Familien mit Migrationshintergrund, aber eben nicht nur, soll eine Schule werden, die die vielfältige Anwohnerschaft auch abbildet, meinen die Eltern. Mit Kindern aller Nationen und sozialen Schichten.

Spreewald-Grundschule gilt als Brennpunkt-Schule

Die Spreewald-Grundschule nahe des früheren „Sozialpalastes“ in Schöneberg hatte es in den vergangenen Jahren zu fragwürdiger Berühmtheit gebracht. Die ehemalige Schulleiterin Doris Unzeitig hatte Missstände über Kriminalität und Handgreiflichkeiten öffentlich gemacht. Sie beauftragte einen Wachschutz, der tagsüber auf dem Schulhof und im Gebäude patrouillierte.

Manche reagierten irritiert über den offenen Umgang Unzeitigs mit dem, was einige lieber weiter im Verborgenen gewusst hätten. Behörden störte es. Doris Unzeitig verließ die Schule. Aus Protest dagegen wollten die Eltern einer ganzen Klasse die Umschulung der Kinder beantragen. Die Lage spitzte sich weiter zu: Berichte über Drogenkonsum durch schulfremde Personen auf dem Schulhof machten die Runde. In einem Buch („Eine Lehrerin sieht Rot“, 2019) schrieb Unzeitig ihre Erfahrungen als Schulleiterin an der Spreewald Grundschule auf. Die Schule wurde darin zu einem Ort der verhaltensauffälligen und gewaltbereiten Schüler – und Eltern. Unzeitig rechnete aber auch mit dem Berliner Bildungssystem ab.

Spreewald-Grundschule: Medienberichte verunsicherten viele Eltern

Ihre Nachfolge trat Nana Salzmann an. Die 48-Jährige

war zuvor an der Neumark-Grundschule in der Steinmetzstraße in Schöneberg als Lehrerin tätig. Eine Schule, die der Spreewald Grundschule in Bezug auf die Schülerschaft durchaus ähnlich ist. „Ich wollte eine Schule gern auf Leitungsebene weiterentwickeln“, sagt Nana Salzmann. Mit ihr zogen einige Veränderungen ein. Sie pflegt eine Form der Transparenz, die vielen Eltern zusagt. Müttern und Vätern bietet sie stets an, ein paar Stunden in der Schule zu hospitieren, das Kollegium und den Unterricht kennenzulernen.

Denn die Medienberichte der vergangenen Jahre haben viele Eltern verunsichert. Das traf auch auf Heinke Wottke zu. „Der Ruf der eigenen Einzugsschule hat mich zunächst skeptisch gemacht.“ Nachdem sie die Schulleitung kennenlernte, schickt sie ihren Sohn ab diesem Jahr nun ruhigen Gewissens auf die Spreewald. Beim Besuch der Schule habe Heinke Wottke einfach nichts finden können, was die Geschichten bestätigt, sagt sie. Zusammen mit anderen ist die Idee entstanden, gezielt Eltern aus bildungsnahen Familien dazu zu motivieren, ihre Kinder dort einschulen zu lassen, statt einen Umschulungsantrag zu stellen. Wottke spricht, wie viele der Eltern, von einer „sozialen Durchmischung“, die die Schule bräuchte.

Spreewald-Grundschule: Ziel ist ein sozialer Mix aus allen Schichten und Kulturen

Diese „soziale Mischung“ will auch Schulleiterin Nana Salzmann für ihre Einrichtung. Denn jede Schule profitiere davon, sagt sie. Derzeit sei es aber noch immer so, dass vor allem Kinder mit türkischen und arabischen, aber auch bulgarischen, rumänischen oder polnischen Wurzeln die Schule besuchen. Um Missverständnisse und Konflikte mit fremden Kulturen vorzubeugen, bilden sich die Lehrer ab sofort in dieser Hinsicht weiter.

Ein Problem habe die Schule nicht, betont Nana Salzmann. „Wir haben Herausforderungen und die meistern wir.“ Der Wachschutz ist aus der Schule verschwunden und wird nur in den Nächten am Wochenende aktiv. Dafür gibt es nun ein Präventionsprogramm fürs Konfliktmanagement. Das vorher eingeführte Konfliktlotsenprogramm habe sie übernommen, sagt Salzmann. Hinzu kommen Vertrauenspädagogen und ein Klassenrat in jeder Klasse. Alle Eltern hätten zudem eine Vereinbarung unterschreiben müssen, laut der sie sich nicht in innerschulische Konflikte einmischen dürfen, sondern sie dem Kollegium melden. Die Vorfälle an der Schule vor ihrer Zeit könne Nana Salzmann schlicht nicht beurteilen.

Die vor ihrer Zeit auch während des Tages verschlossenen Eingangstüren hat die Schulleiterin geöffnet. Jeden Morgen steht sie mit einer Kollegin oder einem Kollegen vor der ersten Stunde an der Tür und begrüßt Schüler und Eltern. Wenn alle Schüler da sind, sind das 262 Mädchen und Jungen. „Ich habe das Gefühl, dass die Stimmung entspannter ist. Auch unter den Kindern“, sagt Salzmann.

Eltern sind vom Konzept der Spreewald-Grundschule überzeugt

Auch Pauline Lang (39) wünscht sich für ihre Tochter, die 2022

eingeschult werden soll, eine Schule, die das echte Berlin abbildet. Mit allen Kulturen und Nationen. „Viele sagen, sie wollen Integration, aber nicht am eigenen Kind“, ist ihre Erfahrung. Die Initiative möchte also auch ein Zeichen setzen. Ihr Eindruck ist, dass inzwischen einiges getan wurde, um die Schule weiterzuentwickeln.

Die Integration der Kinder, die nicht gut deutsch sprechen, funktioniere aus ihrer Sicht richtig gut, sagt Ulrike Weyrauch. Auch die Mutter bekennt sich zur Spreewald-Grundschule, auf die ihre Tochter im nächsten Jahr gehen werde. Besonders überzeuge sie die individuelle Sprachförderung. Die Schule verfügt außerdem das Tonstudio „Rap Space“, sicher eine Besonderheit der Schule. Hier wirkt seit einem Jahr Fachintegrationserzieher Christian Kern. Er schreibt mit den Kindern Texte und nimmt die gerappten Stücke auf. „Über Musik kann man viele Kinder erreichen“, sagt er. Familie und Freundschaft sind häufige Themen bei den Kindern. Er sei gern an der Schule, sagt Kern. Zudem konzentriere sich die Grundschule auf das Theaterspiel.

Konfliktmanagement der Spreewald-Grundschule wurde zum Teil erneuert

Birgit Müller-Gnielka ist gern an der Spreewald. Wieder, wie sie sagt.

Die 60-jährige Erzieherin stellt unter anderem täglich den kleinen Schnittchen-Teller für die Kinder bereit. Sie habe in ihren elf Jahren an der Schule viele Schulleiterwechsel erlebt. Inzwischen würden die Pädagogen wieder um Rat gefragt, können mitreden. „Es ist viel Stress abgefallen“, sagt Gnielka.

Alle gefragten Eltern und Lehrer sagen heute: es handele sich um eine ganz normale Schule. Natürlich gebe es auch Konflikte. Und vielleicht finde ein Schupsen an der Spreewald-Grundschule schneller statt, sagt Nana Salzmann. Denn die Kinder seien leidenschaftlicher, habe sie festgestellt. „Aber mit den eingesetzten Instrumenten der Nachdenkzeit und des kontinuierlichen Dialogs können die Kinder Streitigkeiten auch genauso leidenschaftlich wieder aus dem Weg räumen und schnell wieder Freunde sein.“

Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg verbucht wieder steigende Anmeldezahlen

Aus dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg kommt vorsichtiger Optimismus: „Die Talsohle scheint durchschritten“, sagt Bezirksschulstadtrat Oliver Schworck (SPD). In den Schuljahren 2014/15 bis 2016/17 hatte sich die Zahl der „Bleiber“, wie Schworck sie nennt, also Kinder, für die ihre Eltern keinen Schulwechselantrag gestellt haben, auf nur 23 verringert. Diese Zahl liege für das kommende Schuljahr 2020/21 inzwischen wieder bei 39. Auch die Zahl der tatsächlichen Aufnahmen habe sich im Schuljahr 2019/20 auf 59 Kinder eingependelt. Im Vergleich: 2016/17 waren es nur 27.

„Es ist offensichtlich, dass wir die vordergründigen Problemdiskussionen der letzten Jahre hinter uns und der Schule gelassen haben und Schule, Schul- und Sportamt und Regionale Schulaufsicht wieder an einem Strang ziehen und gemeinsame Ziele verfolgen“, so Stadtrat Schworck. Dennoch betrachtet auch er es als die Mammutaufgabe „insbesondere bildungsorientierte und sozial besser gestellte Eltern von den Vorzügen „ihrer“ Kiezschule“ zu überzeugen. Innerhalb des Schulbetriebs könne man aktuell keine Probleme erkennen. Schworck erlebe eine Schule, „die wieder über ein klares Konzept und sich offen und kommunikativ präsentiert“.