Gedenkveranstaltung

„Ehrenmord“ an Hatun Sürücü: 15 Jahre Fassungslosigkeit

Die Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des „Ehrenmords“ an Hatun Sürücü fand am Tatort in Tempelhof statt.

0Blumen werden an der Gedenkstelle für Hatun Sürücü niedergelegt. Die Deutsch-Türkin wurde 2005 in Berlin von einem ihrer Brüder erschossen. +

0Blumen werden an der Gedenkstelle für Hatun Sürücü niedergelegt. Die Deutsch-Türkin wurde 2005 in Berlin von einem ihrer Brüder erschossen. +

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin. Es war ein stilles Gedenken an Hatun Sürücü. Fast so, als ob die rund 100 Anwesenden, die sich an dem Tatort an der Oberlandstraße in Tempelhof versammelt hatten, auch heute noch sprach- und fassungslos ob des furchtbaren Verbrechens wären. 15 Jahre ist es nun her, dass die damals 23 Jahre alte Deutsch-Türkin auf offener Straße von ihrem jüngeren Bruder ermordet wurde. Niedergestreckt mit drei Kopfschüssen. Geplant wurde dieser sogenannte „Ehrenmord“ damals wohl von der eigenen Familie. Gegen zwei weitere Brüder Sürücüs ermittelte 2005 die Staatsanwaltschaft. Doch die beiden Männer mussten wegen Mangels an Beweisen freigesprochen werden.

Eine Antwort auf die drängende „Warum“-Frage, die sich stets nach einem solchen Verbrechen stellt, konnte auch an diesem grauen Freitag niemand geben bei der Gedenkveranstaltung. Auch die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD), nicht. Sie legte einen Kranz nieder und erinnerte an das Schicksal Sürücüs, das auch heute noch viele Berliner Mädchen und junge Frauen teilen.

„Ehrenmord“ an Hatun Sürücü weil sie frei leben wollte

Hatun Sürücü wuchs in einer strenggläubigen Familie auf. Ihr Vater nahm sie nach der achten Klasse vom Gymnasium, mit 16 Jahren wurde sie in die Türkei zwangsverheiratet und bekam einen Sohn. Doch Hatun Sürücü lehnte sich gegen ihre Familie auf, kehrte nach Berlin zurück, legte das Kopftuch ab und begann eine Lehre zur Elektroinstallateurin. In der Familie wurde sie deshalb als „Hure“ bezeichnet. Die Verachtung schlug in Hass um, den Hatun Sürücü mit ihrem Leben bezahlen musste. Solche Verbrechen an Frauen, nur weil sie eben Frauen seien und selbstbestimmt leben wollten, dürfte man nicht dulden, sagte Schöttler nun.

Doch aktuelle Zahlen beweisen: Zwangsehen und „Ehrenmorde“ gibt es bis heute. 2017 wurden in Berlin 570 Fälle von versuchter und erfolgter Zwangsverheiratung gezählt – ein Viertel mehr als bei der letzten Erfassung im Jahr 2013, damals gab es 460 solcher Fälle. Zu 93 Prozent wurden Mädchen und junge Frauen zur Ehe gezwungen. Zudem fielen allein im vergangenen Jahr sieben Menschen in Deutschland sogenannten „Ehrenmorden“ zum Opfer, fünf weitere entkamen dem Tod nur knapp.