Mord an Hatun Sürücü

„Was der Bruder gemacht hat, ist absolut ehrlos“

Vor 15 Jahren wurde die Deutsch-Türkin Hatun Sürücü von ihrem Bruder erschossen. Sie wollte ein freies, selbstbestimmtes Leben.

Vor 15 Jahren wurde Hatun Sürücü von einem ihrer Brüder auf offener Straße erschossen. Die aus einer streng muslimischen Familie stammende Sürücü war am 7. Februar 2005 einem sogenannten Ehrenmord zum Opfer gefallen.

Vor 15 Jahren wurde Hatun Sürücü von einem ihrer Brüder auf offener Straße erschossen. Die aus einer streng muslimischen Familie stammende Sürücü war am 7. Februar 2005 einem sogenannten Ehrenmord zum Opfer gefallen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Lukas Schulze

Berlin. Es ist ein warmer Sommerabend. Nuri und Hatun gehen eine dunkle Straße in Tempelhof entlang, als Nuri plötzlich stehen bleibt. Nachdem Hatun sich umdreht, blickt sie in den Lauf einer Pistole. „Bereust du deine Sünden?“, fragt Nuri. Hatun kann nur noch den Namen ihres Bruders flüstern. Dann schießt er ihr direkt ins Gesicht, drückt noch zweimal ab, als sie am Boden liegt, dreht sich um und rennt weg.

Es ist die Szene, auf die im Spielfilm „Nur eine Frau“ alles hinausläuft. Er zeigt das Leben der türkisch-kurdischen Berlinerin Hatun Sürücü. Die 23-Jährige wurde von ihrem damals 19-jährigen Bruder Ayhan, der im Film Nuri heißt, am 7. Februar 2005 auf offener Straße in Tempelhof erschossen. Sie wollte kein Kopftuch mehr tragen und ein selbstbestimmtes Leben führen. Ein Mord, um die vermeintliche Ehre der Familie wieder herzustellen. „Was hat das mit Ehre zu tun?“, fragt der 20 Jahre alte Baran, nachdem der Film vorbei ist. „Was er gemacht hat, ist absolut ehrlos.“

Neuköller Projekt "Heroes" gegen Unterdrückung im Namen der Ehre

Baran ist einer von rund 30 Teilnehmern des Neuköllner Projekt „Heroes“, das sich gegen Unterdrückung im Namen der Ehre einsetzt. Neun von ihnen waren am Dienstagnachmittag, drei Tage vor dem 15. Jahrestag des Mordes an Hatun Sürücü, zusammengekommen, um den Film gemeinsam zu sehen. Unter den Jugendlichen und jungen Männern mit überwiegend türkischem Migrationshintergrund gab es kein Verständnis für die Tat. Der Redebedarf im Anschluss war groß. Bis spät in die Abendstunden wurde diskutiert.

Darüber, wie Hatun Sürücü trotz der ständigen Beschimpfungen und Bedrohungen durch ihre Brüder immer wieder Kontakt mit ihrer Familie aufnehmen will. Darüber, wie sie von einem ihrer Brüder im Bus ins Gesicht geschlagen wird und niemand einschreitet und wie sie selbst gehandelt hätten. Darüber, wie Hatun drei Wochen vor ihrem Tod ihren 23. Geburtstag feiert und glücklich darüber ist, wie sie nach ihrer Ausbildung zur Elektroinstallateurin ein neues Leben in Süddeutschland beginnen wollte – für viele die traurigste Szene. Und auch darüber, wie sich ihre Brüder in der Moschee immer weiter radikalisieren.

Über Religion, die nach Ansicht des 17-jährigen Enes Privatsache sei und in deren Namen man niemanden unterdrücken dürfe. Und darüber, wie die Familie auch nach dem Mord zusammenhält und ihr Tod im Film, der sich einige künstlerische Freiheiten herausnimmt, eher gefeiert als betrauert wird. „Das fand ich richtig eklig“, meint der 17-jährige Tayfun.

Vor Gericht standen 2006 neben Ayhan auch die älteren Brüder Mutlu (*1980) und Alpaslan Sürücü (*1981). Während sie vom Vorwurf der Beihilfe freigesprochen wurden, musste Ayhan eine achtjährige Jugendstrafe verbüßen und wurde 2013 in die Türkei abgeschoben. „Acht Jahre sind nichts dafür, dass man einem Menschen das Leben nimmt“, so Tayfun weiter.

Der Mord an Hatun Sürücü könne auch heute noch passieren

Aber es gab auch Kritik am Film. Nach Ansicht einiger der Jugendlichen unterteilt er die Protagonisten zu schwarz-weiß in gute und in schlechte Muslime. „Man sollte auch nicht dazudichten“, so der 19-jährige Canar. Er bezieht sich darauf, dass eine fiktive ermordete Hatun Sürücü als Ich-Erzählerin durch den Film führt. „Es ist unklar, ob sie es sich wirklich so gedacht hätte“, war auch der 21-jährige Tolga überzeugt. Entgegen der meisten anderen störte ihn aber nicht, dass der Film, der zwischen 1998 und 2005 spielt, deutlich sichtbar im Berlin des Jahres 2018 gedreht wurde. „Ich finde das sogar gut, weil man sich so besser damit identifizieren kann“, so Tolga weiter. Denn so etwas wie der Mord Hatun Sürücü könne schließlich auch heute noch passieren.

Das Projekt „Heroes“ richtet sich an männliche Jugendliche „mit einem in der Ehrenkultur verankerten Migrationshintergrund“, sagt Gruppenleiterin Eldem Kurnaz. „Ziel von Heroes ist es, patriarchale Strukturen und bestimmte Denkmuster zu hinterfragen und eigene Handlungsmöglichkeiten zu finden.“ Viele würden an Normen oder Regeln festhalten, die etwa mit Kultur, Religion, der Ethnie oder der Familie begründet werden. „Viele Jugendliche wachsen auch pubertätsbedingt mit vielen Widersprüchen auf, aber wenn man eine andere Herkunftskultur hat und sich Werte gegenüberstehen, ist man zerrissen.“ Es gelte, die Jugendlichen zu stärken, sodass sie sich frei entfalten können. Austausch unter Gleichgesinnten. „Wir sind ein Projekt, das Jugendlichen mehr Selbstsicherheit und eine gesunde Basis geben will.“ Dabei gehe es in erster Linie um das Wohlbefinden der Jugendlichen selbst. Dazu gibt es regelmäßige Treffen und Workshops.

Seit 13 Jahren arbeiten die „Heroes“, die Helden der Straße, schon von Neukölln aus. Tausende Jugendliche haben sie mit ihrer Arbeit bereits erreicht. Und mittlerweile sind sie in ganz Deutschland unterwegs und haben Einladungen nach Österreich und Dänemark – unter anderem, um mit Geflüchteten über Sexualmoral zu sprechen. Ein Kuss ist eben keine Einladung zum Sex.

Trotz der immens wichtigen Arbeit, die „Heroes“ tagtäglich leistet, im Bezirk und über seine Grenzen hinweg, stand der Verein Ende vergangenen Jahres kurz vor dem Aus: Die Senatsverwaltung für Integration hatte überraschend keine neuen Fördergelder mehr bewilligt. So erging es auch dem Verein „Aufbruch Neukölln“: Auch hier arbeitet man mit arabisch- und türkischstämmigen Männern im Bereich der Gewaltprävention zusammen, auch hier wurden 2019 die Fördergelder gestrichen. Mittlerweile hat Elke Breitenbach (Linke), Senatorin für Integration, eingelenkt und mündliche Zusagen für weitere Fördergelder gegeben. „Heroes“ soll 280.000 Euro erhalten, „Aufbruch Neukölln“ 50.000 Euro. Doch bis heute hat „Heroes“ keinen offiziellen Bescheid erhalten. Eine langfristige Planung ist für den Verein so nur schwer möglich.

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