Ermordete Hatun Sürücü

Töten im Namen der „Ehre“

In Deutschland gab es 2019 sieben vollendete sogenannte „Ehrenmorde“ und sechs versuchte Verbrechen.

Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben: Oft schon ein Grund für einen sogenannten "Ehrenmord"

Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben: Oft schon ein Grund für einen sogenannten "Ehrenmord"

Foto: dpa Picture-Alliance / Andreas Altwein / picture-alliance/ dpa/dpaweb

Berlin. Es war ein Verbrechen, das Deutschland 2005 erschütterte: der sogenannte „Ehrenmord“ an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü. Nicht nur, dass die junge Frau sterben musste, weil sie ein freies, selbstbestimmtes Leben führen wollte, ohne Zwänge, ohne Kopftuch.

Besonders die Tatsache, dass ihre eigene Familie ihren Tod wollte, erschütterte nachhaltig. Ihr Bruder schoss Hatun Sürücü auf offener Straße in Tempelhof drei Mal in den Kopf. Ihr Tod wurde wohl zuvor im Kreis der Familie beschlossen. Polizei und Staatsanwaltschaft verdächtigten später auch ihre zwei anderen Brüder, den Mord in Auftrag gegeben, sowie weitere Familienmitglieder, die Tat gedeckt zu haben. Ins Gefängnis musste aber nur der Todesschütze, die mitangeklagten älteren Brüder wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

„Ehrenmorde“ Zwischen 1996 und 2005 gab es 78 Fälle mit 109 Opfern

Spätestens seit dieser Tat geisterte das Wort „Ehrenmord“ durch die Presse. Dabei handelte es sich bis dato um einen nicht genau definierten Begriff. Erst 2011 veröffentlichte das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg eine Studie zu Ehrenmorden – bis heute übrigens die einzige quantitative Studie zu diesem Thema. Im Auftrag des Bundeskriminalamtes wurden Tausende Prozessakten und Agenturmeldungen analysiert und ausgewertet. Das Ergebnis: In dem Zeitraum von 1996 und 2005 wurden 78 Fälle mit 109 Opfern und 122 Tätern von ehrbezogenen Tötungsdelikten erfasst. In einem Viertel der Fälle waren Täter und Opfer blutsverwandt.

„Ehrenmorde“ oder versuchte Tötungsdelikte im Namen der Ehre zählte auch die Organisation „Terre des Femmes“ anlässlich von Hatun Sürücüs 15. Todestags: 2019 gab es in Deutschland demnach sieben „Ehrenmorde“ und fünf versuchte Morde. Zum Vergleich: 2019 wurden in Deutschland 135 Frauen von ihren (Ex-)Partnern getötet.

„Ehrenmorde“: 43 Prozent aller Opfer sind laut Studie Männer

Was Ehrenmorde von klassischen Partnertötungen unterscheidet: nicht die individuelle Wut steht als Tatmotiv im Mittelpunkt. Mit dem Mord soll vielmehr die „Ehre“ einer ganzen Familie wiederhergestellt werden. Vorab wird der Frau das Recht auf freie Lebensgestaltung abgesprochen, die Wahl des Partners gilt als Familienangelegenheit.

Weitere Gründe für ein solches Tötungsdelikt können unter anderem auch die angebliche Untreue oder ein zu „westlicher“ Lebensstil einer Frau sein. Nicht selten wird die Tat daher auch gemeinschaftlich in der Familie geplant – wie auch bei Hatun Sürücü. Und das war nicht das einzige Merkmal für einen Ehrenmord: Laut der Studie des Max-Planck-Instituts haben 63 Prozent aller Täter türkische Wurzeln (gefolgt von arabischen Ländern mit 14 Prozent, sowie Deutschland mit 9 Prozent). Die meisten Täter sind Männer, neun Mal wurden Frauen als Mittäterinnen verurteilt. Die meisten Opfer waren erst zwischen zwischen 18 und 29 Jahren alt.

Doch die Studie überrascht auch: „Ehrenmord“ ist nicht gleichzusetzen mit Femizid – rund 43 Prozent aller getöteten Personen waren Männer. Sie sind oftmals die Geliebten einer Frau. So beispielsweise auch der 40 Jahre alte Can Ö. aus Neukölln. Er wurde im Januar 2019 von den Brüdern seiner Ex-Freundin auf offener Straße getötet. Sie erstachen ihn, weil sie diese Beziehung als nicht ehrvoll erachteten. Die Täter wurden im Dezember schließlich zu langen Haftstrafen verurteilt.

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