Kindertagesstätte

Personalnot: Jedes zweite Kind in Kita gekündigt

Eine Einrichtung in Tempelhof begründet die Kündigungen mit Personalnot. Der Fall sei einmalig, erklärt die Senatsverwaltung.

„Fristgerecht gekündigt“: Oscar Jasinski und Vanessa Kluge haben ab 1. März keine Kita mehr für ihre Kinder Emilia (2) und Luca (5).

„Fristgerecht gekündigt“: Oscar Jasinski und Vanessa Kluge haben ab 1. März keine Kita mehr für ihre Kinder Emilia (2) und Luca (5).

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Wenige Tage vor dem Rauschmiss hat die Kitaleitung noch beschwichtigt. Die Kinder kämen nach den Veränderungen der letzten Zeit besser zurecht in der Kita Notenzwerge in Tempelhof, so stand es im Elternbrief. Nach Monaten des Umbruchs, der Personalnot und des Chaos sollte Ruhe einkehren. Am Dienstag dann erhielt Oscar Jasinski den nächsten Brief. Seine beiden Kinder, Luca (5) und Emilia (2) sind jetzt „fristgerecht gekündigt“ – das geschehe „in Absprache mit der Senatsverwaltung“. Zum 1. März haben sie keine Kita mehr. Mit Luca und Emilia traf es 113 von 221 Kindern in der Kita. Offizieller Grund: „die aktuelle Personalsituation“.

„Wie kann man so mit Kindern umgehen?“, fragt Jasinski. Der 30-Jährige ist Maurer, seine Lebensgefährtin Vanessa Kluge (28) Verkäuferin. Beide arbeiten Vollzeit. Die Großeltern sind noch nicht in Rente. „Keine Ahnung, wie ich das meinem Chef erklären soll“, sagt Kluge. Sie erinnert sich noch gut, wie lange sie auf den Kitaplatz gewartet hat. Schon als sie mit Luca schwanger war, hat sie es bei rund 20 Kitas versucht. Letztlich ist jemand bei den Notenzwergen abgesprungen, Luca ist über die Warteliste nachgerückt. Dass sie bis März eine neue Kita finden, daran glauben die jungen Eltern nicht.

„Der Fall ist in seiner Dimension bisher einmalig in Berlin“, heißt es aus der Bildungssenatsverwaltung. Dass ein freier Träger so vorgehe, habe es noch nicht gegeben. Laut Kitaaufsicht habe es seit einigen Monaten gravierende Personalprobleme gegeben. Im November meldeten sich 15 Erzieher auf einmal krank, Beschäftigte von Zeitarbeitsfirmen wechselten. Jetzt haben 25 Mitarbeiter gekündigt. Der Träger habe keine andere Möglichkeit mehr gesehen, um zumindest einen Teil der derzeitigen Einrichtung zu stabilisieren und die noch verbleibenden Fachkräfte zu halten.

Kitaträger sieht die Schuld bei Angestellten und Leitung

Die Kita Notenzwerge gehört zum Träger Rahn Education aus Leipzig. Der betreibt Kindertagesstätten in sechs Städten in Deutschland sowie Schulen, beispielsweise in Polen und Ägypten. Für die Berliner Morgenpost war der Geschäftsführer bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen. In anderen Interviews schob er einen Teil der Schuld den Angestellten zu. Die Erzieher in Berlin seien wenig belastbar, der Kitaleiter Johannes Hummel sei mit der Größe der Einrichtung überfordert gewesen.

Hummel erzählt eine andere Geschichte. Seit Gründung der Kita 2013 Jahren sei das Platzangebot verdreifacht worden. Erst im Sommer 2017 wurde ein Anbau eingeweiht. Es sei dem Träger vor allem um Profit gegangen. In der Ausbauphase habe man die Kita überbelegt. Der Druck auf das Personal sei enorm gewesen, die Bezahlung unter Tarif. Auch er sei seit November krankgeschrieben. Daraufhin habe man ihn – ohne Absprache – in eine Kita nach Fürstenwalde versetzt. Hummel klagte.

Auch Eltern wie Jasinski und Kluge sehen die Schuld beim Träger. Weil Jasinski aus Polen kommt, habe man ihn immer wieder angehalten, seine Kinder als Integrationskinder einstufen zu lassen. Weil man dann mehr Fördergelder bekomme. Immer wieder seien die Öffnungszeiten verkürzt worden. Als während des Ausbaus die Zahl der Kitakinder schlagartig anstieg, habe man Vanessa Kluge angehalten, so oft wie möglich die Kinder zu Hause zu behalten, um neue eingewöhnen zu können. Auf Beschwerden habe weder die Kitaaufsicht noch der Träger reagiert.

2000 Erzieher müssen bis Ende des Jahres eingestellt werden

Aus der Senatsverwaltung heißt es, man werde die Gründe für die Massenentlassung aufklären. Zunächst wolle man aber „alle Hebel in Bewegung setzten“, um möglichst rasch eine Lösung für die Kinder zu finden. „Allerdings muss gewährleistet sein, dass die Kinder fachgerecht betreut werden – die Situation in der Kita, wie sie zuletzt geschildert wurde, war nicht akzeptabel“, sagt eine Sprecherin der Bildungssenatsverwaltung.

Oliver Schworck (SPD), Jugendstadtrat in Tempelhof-Schöneberg prüft nun, ob man den vollen Betrieb in der Kita Notenzwerge mit externen Erziehern aufrechterhalten kann – oder die betroffenen Kinder vorübergehend in Tagesstätten in der Nähe unterbringt. Aber er sagt auch: „Freie Plätze gibt es keine.“ Das entspricht der berlinweiten Lage.

So müssen laut Senatsverwaltung bis Ende des Jahres rund 2000 Erzieher eingestellt werden, um den Bedarf decken zu können. Bis Ende 2021 rechnet man mit einem Personalbedarf von 4000 Vollzeitstellen. Erst am Dienstag streikten berlinweit Erzieher für eine bessere Bezahlung.

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