Durchgangsverkehr

Lkw-Kolonnen nerven Anwohner im Fliegerviertel

Anwohner klagen über den massiven Ausweichverkehr in der Gartenstadt Tempelhof. Die Straßen werden als Autobahnzubringer genutzt.

Stephanie Hörstel spielt mit ihren Töchtern auf dem Bürgersteig vor ihrem Haus an der Manfred-von-Richthofen-Straße. Sie leiden wie viele Anwohner unter dem Durchgangsverkehr

Stephanie Hörstel spielt mit ihren Töchtern auf dem Bürgersteig vor ihrem Haus an der Manfred-von-Richthofen-Straße. Sie leiden wie viele Anwohner unter dem Durchgangsverkehr

Foto: Anikka Bauer

Tempelhof-Schöneberg.  Das Fliegerviertel in Tempelhof gehört zu den begehrtesten Wohnvierteln in Berlin. Herausgeputzte, hübsche Einfamilienhäuser aus den 20er-Jahren reihen sich in der Gartenstadt aneinander, Rosen blühen in den kleinen Vorgärten.

Seit auf dem Flughafen Tempelhof keine Flugzeuge mehr landen und starten, ist das Viertel vis-à-vis des Tempelhofer Feldes ein Ruhepol mitten in der Metropole – wenn nicht jeden Morgen ab 4.30 Uhr und am Nachmittag bis in den frühen Abend Kolonnen von Lastwagen, Autos und Taxen durch die schmalen Straßen brettern würden. „Ruhe? Damit ist es vorbei“, sagt Stephanie Hörstel, die mit ihrer Familie seit fünf Jahren in der Manfred-von Richthofen-Straße wohnt. An Schlaf sei bei offenem Fenster in den letzten Nachtstunden nicht zu denken.

„Die Kinder können auf der Straße nicht mehr Fahrrad fahren, wenn wir aus dem geparkten Autos aussteigen, werden wir von Autofahrern aus dem Wagen heraus beschimpft, weil sie nicht schnell genug vorankommen. Es wird gehupt, gedrängelt, geschimpft“, schildert Stephanie Hörstel das Geschehen vor der Haustür. Sie habe Angst um ihre Töchter, die drei und sechs Jahre alt sind. „Das ist eine trügerische Idylle“, sagt die 43-Jährige. „Das ist wie ein hübsch gelegener See, von dem man weiß, dass darin Krokodile sind, aber nicht weiß, wann sie zuschnappen.“

„Alle wollen nur eins: zur Autobahn"

Woher kommt der Verkehr? Eigentlich gilt an der Richthofenstraße doch Tempo 30. „Alle wollen nur eins: zur Autobahn, sagt Ulli Kulke, Sprecher einer Initiative von Anwohnern. „Die Richthofenstraße ist Autobahnzubringer.“ Da der Tempelhofer Damm zu den Stoßzeiten dicht sei, werde der Umweg durch die Siedlung gewählt. Auto- und Lkw-Fahrer biegen stadtauswärts am Platz der Luftbrücke in die Manfred-von Richthofen-Straße ein. Stockt es dort, suchen sie sich einen Weg durch die Querstraßen, bis sie vorne kurz vor der Autobahnauffahrt wieder auf den T-Damm einfädeln. Umgekehrt das gleiche Spiel. Und das Tag für Tag.

„Die Navis leiten Ortsunkundige zu uns“, berichtet Kulke. „Das Absurde daran ist: Der Ausweichverkehr entlastet auch den T-Damm nicht, denn durch das Einfädeln verlängern sich für die anderen die Stauzeiten.“ Bei einer gut besuchten Einwohnerversammlung im Mai forderte Kulke Politiker in Bezirk und Senat auf: „Stoppen Sie dieses städtische Autorennen quer durch eine reine Wohnsiedlung.“ Doch passiert ist bis auf einige Blitzer-Kontrollen offenkundig nichts. Im Sommer protestierten Anwohner bei einem Picknick des Netzwerkes Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg auf der Straße. Radfahrer werden derzeit von der Straße auf den Bürgersteig gedrängt. Es kann aber noch schlimmer kommen: Wenn von 2022 bis 2025 auf dem Tempelhofer Damm Wasser-, Strom- und Gasleitungen und der Tunnel der U6 saniert werden.

Alternativ-Konzept für den Verkehr ausgearbeitet

Ungehört blieben die Hilferufe nicht. Inzwischen machen sich Politiker dafür stark, die Wohnsiedlung vom Durchgangsverkehr zu befreien. Der Druck auf Verkehrsstadträtin Christiane Heiß (Grüne) und die Senatsverkehrsverwaltung unter Regine Günther (parteilos, für Grüne) wächst.

Gleich vier Anträge lagen zur jüng-sten Sitzung des Verkehrsausschusses im Bezirk Tempelhof-Schöneberg vor. SPD, Grüne, aber auch FDP und AfD überboten sich mit Vorschlägen, wie die Gartenstadt vom Ausweichverkehr befreit werden könnte. Sie reichen von einer Fahrradstraße bis zum Einbau von Pollern. Einstimmig wurde beschlossen, dass in die Bezirksverordnetenversammlung nun ein Antrag der SPD-Fraktion eingebracht wird. Er fußt auf einem Vorschlag der Bürgerinitiative.

Der stadtentwicklungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Christoph Götz, erläutert die „Zonen-Lösung“. Danach soll der Verkehr durch die Siedlung so geführt werden, dass die Autos und Lastwagen von den Seitenstraße immer wieder in die selbe Richtung geleitet werden, also nicht vom Platz der Luftbrücke Richtung Autobahn durchfahren können und ihr Ziel auch nicht umgekehrt erreichen.Die Regelung gilt dann auch für die Anwohner, diese könnten damit laut Kulke gut leben.

Bezirksstadträtin Heiß macht wenig Hoffnung auf eine schnelle Lösung. Im Zuge der geplanten Umbauten am Platz der Luftbrücke durch die Senatsverwaltung soll der grüne Abbiegepfeil in das Fliegerviertel verschwinden, kündigt sie an. Geprüft werde auch, die Ampelphase von der Richthofen-Straße in den T-Damm kurz vor der Autobahn zu verkürzen.

Das geforderte Verkehrskonzept könne sie vorerst aber wohl nicht umsetzen. „Solche Beschwerden erreichen mich nicht nur aus der Gartenstadt, sondern wegen des zunehmenden Verkehrs auch aus anderen Siedlungen“, sagt Heiß. „Dafür fehlen mir derzeit die Verkehrsplaner und auch das Geld für das zusätzliche Personal.“

Mehr zum Thema:

Verkehr in Wohngebieten - Pragmatische Lösungen sind nötig

So leiden Berliner Kieze unter dem Verkehr in Nebenstraßen

Mehr aus dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg lesen Sie hier