Kaufhaus-Krise

Anwohner sorgen sich um die Zukunft von Karstadt Tempelhof

Karstadt steckt in der Krise. Ein Viertel der verbliebenen Kaufhaus-Filialen sollen geschlossen werden. In Berlin sorgen sich Anlieger vor allem um die kleinen Häuser, wie das in Tempelhof.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die Zukunft von Karstadt ist weiterhin unklar. Nachdem Aufsichtsratschef Stephan Fanderl am Dienstag eine Schließung von mehr als 20 der 83 Warenhäuser angekündigt hatte, haben Arbeitnehmervertreter am Mittwoch Spekulationen über Filialschließungen zurückgewiesen. Der Karstadt-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Hellmut Patzelt sagte, dass keine Schließungsliste vorliege. Diese Aussage habe die Unternehmensleitung ihm gegenüber getroffen. Und der Verdi-Vertreter im Karstadt-Aufsichtsrat, Arno Peukes, skandierte, dass es „offiziell keine Schließungen“ gebe, Fanderls Äußerungen seien das falsche Signal.

Weitere Marktbeobachter kritisieren Fanderls Ankündigung als „unglaublich negativ beeindruckenden Beitrag“, zumal die – inzwischen nur noch rund 17.000 – Karstadt-Mitarbeiter mit einem Sanierungstarifvertrag, also Verzicht auf Einkommen, ihren Beitrag zum Unternehmenserhalt leisteten. Vermisst wird dagegen immer noch ein schlüssiges Zukunftskonzept vom Eigentümer der Karstadt Warenhaus GmbH, der Berggruen-Holding.

Händler haben Verein gegründet

Ein Zehntel der Warenhäuser steht in Berlin, der Filialfinder des Unternehmens listet gar 13 Filialen auf – allerdings sind darunter noch das KaDeWe und Karstadt Sport, die der Karstadt-Eigentümer bereits im vergangenen Jahr an eine Investorengruppe um den österreichischen Immobilienhändler René Benko verkauft hat. Zu Berggruens Portfolio gehören auch nicht mehr die Häuser selbst – die Immobilien gingen ebenfalls an ausländische Investoren. So wurde das Karstadt-Gebäude am Hermannplatz an die niederländische Investgesellschaft Meyer Bergman verkauft. Nur der Filialbetrieb selbst ist noch Teil der Berggruen-Holding, so das Karstadt am Herrmannplatz, im Wedding, in Steglitz, in Spandau und in Charlottenburg, genauso wie die Filiale am Tempelhofer Damm.

Dort liefen die Geschäfte am Mittwoch munter weiter. Im Erdgeschoss sortierte eine Mitarbeiterin die Schilder mit 30- und 50-Prozentangaben für den Sale, also den Schlussverkauf. Im ersten der insgesamt fünf Stockwerke standen zwei Verkäuferinnen zum Schwatz über diverse Sportabzeichen ihrer Kinder zusammen, widmeten sich dann aber hingebungsvoll der Kundschaft, die Fragen zum Fachsortiment beantwortet haben wollte. Geschäftsführerin Gudrun Röpke war zwar nicht zu sprechen – genauso wenig wurden Anfragen in der Pressestelle der Firmenzentrale beantwortet, aber Röpke war noch am Dienstagabend zugegen gewesen, als Händler vom Tempelhofer Damm ihre „Unternehmerinitiative Te-Damm“ aus der Taufe hoben.

„Karstadt ist eines der Gründungsmitglieder dieses Vereins und auch sonst sehr engagiert im Umfeld. Man bemerkt deutlich das Interesse an einer Gesamtaufwertung“, berichtet die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD). Auch weil die Stimmung Röpkes zur Vereinsgründung sehr optimistisch gewesen sei, „gehen wir davon aus, dass es bei Karstadt am Te-Damm keine Schließung geben wird“. Der Bezirk habe ein großes Interesse daran, dass Karstadt erhalten bleibe. „Das Haus ist ein Anker, es zieht Menschen an und belebt die Straße und die Geschäfte der übrigen Händler“, sagt Schöttler.

Kundschaft aus ganz Berlin

Das bestätigt Buchhändler Hilko Odens. Der 32-Jährige leitet die Buchhandlung Menger, die vor 67 Jahren gegründet wurde und damit schon 20 Jahre länger als das schräg gegenüberliegende Warenhaus am Markt ist. „Karstadt ist für uns ein Partner“, sagt Odens. „Die Kunden, die dort kaufen, kommen auch um den ganzen Block. Die Straße wäre ohne das Warenhaus weit weniger belebt – für uns wäre es dann schwierig.“

Ullrich Röhr hat „gerade noch mit der Karstadt-Chefin gesprochen, in der Filiale am Te-Damm geht es doch seit einiger Zeit wieder aufwärts“. Der 61-Jährige betreibt das Geschäft Brillenmarx am Tempelhofer Damm und war am Dienstagabend bei der Vereinsgründung dabei. „Nachrichten über Schließungen sind äußerst beunruhigend für die Beschäftigten“, so Ullrich, die sowieso schon versuchten, ihr Bestes zu geben. „Aber diesmal gibt es noch keine Demonstrationen vor dem Haus, bei der letzten Ankündigung vor ein paar Jahren war das anders.“ Röhr selbst hat in seinem Fachgeschäft Kundschaft aus ganz Berlin, sieht Karstadt aber als „das Haus“ am Platz. „Es ist ein Anlaufpunkt gerade für ältere Bürger, von denen viele hier im bürgerlichen Tempelhof leben.“

Viele schätzen das Angebot im Café Pausini an der Kaiserin-Augusta-Straße, das am 22. August sein zehnjähriges Bestehen feiern wird. Als gebürtige Tempelhoferin kennt Inhaberin Martina Pohl Karstadt „und einige Verkäuferinnen“ von klein auf. Vor wenigen Tagen erst habe sie dort Bekleidung gekauft. Die 47-Jährige hat überhaupt keine Angst vor einer Karstadt-Schließung: „Ich glaube das nämlich nicht.“

Ähnlich geht es Nils Busch-Petersen vom Handelsverband Berlin-Brandenburg. Er macht darauf aufmerksam, dass bis zum Jahr 2009 – der Insolvenz – keines der Berliner Karstadt-Häuser rote Zahlen geschrieben hatte. „Die Probleme lagen außerhalb Berlins, deshalb hoffe ich, dass es hier keine Schließungen geben wird“, sagt der Hauptgeschäftsführer man habe schon genug mit der Schließung der neun Hertie-Filialen zu tun gehabt. Hertie hatte ab 1994 zum Karstadt-Konzern gehört, bevor es an einen britischen Investor verkauft worden war, der 2009 pleite ging.

Trotz der Pleiten hat sich nach Busch-Petersens Einschätzung das Model Warenhaus nicht überholt: „Es gibt erfolgreiche Unternehmen, man nehme nur Galeria Kaufhof. Auch Woolworth ist aus der Insolvenz raus und hat in Berlin keine Filiale geschlossen.“ Kaufhäuser seien „Kinder der Großstadt“, man müsse allerdings „etwas Gehirnschmalz“ aufbringen und Geld investieren, um sie zukunftstauglich zu machen – seien es Kooperationen mit dem Umfeld oder intelligenter Umgang mit dem Onlinehandel. Für die Berliner Innenstadt wünscht sich der Handelsverbands-Geschäftsführer „mehr Liberalität“ von Kirchen und Gewerkschaften - also mehr Möglichkeiten zum Sonntagsverkauf. Denn der Sonntag sei der stärkste Handelstag - im Internet.

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