Sanierungskurs

Gewerkschaft fürchtet um Berliner Karstadt-Standorte

Angst bei Karstadt - und keine Ende in Sicht: Der Warenhauskonzern könnte bis zu 3500 Mitarbeitern kündigen, ein Viertel der Filialen könnte geschlossen werden. Auch in Berlin geht die Sorge um.

Foto: Martin Gerten / dpa

Zittern bei Karstadt und kein Ende in Sicht: Vier Jahre nach dem Einstieg des Investors Nicolas Berggruen müssen wieder Tausende Beschäftigte des Essener Warenhauskonzerns um ihre Zukunft bangen.

Karstadt-Aufsichtsratschef Stephan Fanderl hat nun eine harte Sanierung angekündigt. Zwischen 2500 und 3500 Karstadt-Mitarbeiter könnten nach einer Schätzung des Handelsexperten Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg betroffen sein.

Nicht zum ersten Mal geht unter den Beschäftigten des 2009 in die Insolvenz gegangenen Unternehmens die Angst um: „Aber die Leute zittern jetzt wirklich. Sie wollen endlich wissen, was Sache ist“, beschreibt Verdi-Handelsexpertin Erika Ritter die aktuelle Stimmungslage.

In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hatte der Karstadt-Chefkontrolleur den 17.000 Karstadt-Mitarbeitern einen harten Sanierungskurs angekündigt. Bis zu einem Viertel der 83 Filialen könnten vor der Schließung stehen.

Chefkontrolleur: „Alles auf dem Prüfstand“

Konkrete Beschlüsse gibt es aber nach den Worten des Karstadt-Chefkontrolleurs noch nicht. Fanderl drückt jedoch aufs Tempo. „Es ist klar, dass Karstadt in der derzeitigen Situation alles auf den Prüfstand stellen muss. Und zwar schnell“, sagte er der Zeitung.

„Die Äußerungen von Herrn Fanderl in Bezug auf die Sanierungsabsichten des Unternehmens haben bei den Beschäftigten für große Unsicherheit gesorgt“, beklagte auch Karstadt-Betriebsratschef Hellmut Patzelt. Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger wies auf „Ungewissheit, Verunsicherung und Ängste“ bei den Beschäftigten hin.

Die angekündigten Einschnitte haben auch die Sorge um die Berliner Standorte außerhalb des Luxuskaufhauses KaDeWe und der Sportfilialen massiv erhöht. „Wir machen uns ja schon seit längerer Zeit Gedanken um diejenigen Häuser, die nicht zum Premium- oder Sportsegment gehören“, hieß es aus der Gewerkschaft Verdi. Handelsexpertin Ritter fürchtet, dass auch Berliner Standorte betroffen sein könnten. „Man muss noch abwarten“, sagte sie.

Sanierungskurs ohne Kompromisse

In einem am Dienstag verbreiteten Brief an die Karstadt-Beschäftigten kündigten die Karstadt-Geschäftsführer Kai-Uwe Weitz und Miguel Müllenbach einen Sanierungskurs ohne Kompromisse an. „Um Karstadt zu retten, muss alles auf den Prüfstand, wir können uns weder Tabus in der Hauptverwaltung, noch bei der Logistik oder in einzelnen Filialen leisten“, heißt es in dem Schreiben.

Berichten über „Mut und Chancenlosigkeit bei Karstadt“ erteilten die Manager dabei eine Absage. „Im Gegenteil, wenn wir jetzt zusammenhalten und die erforderlichen Maßnahmen so schnell und so gut wie möglich umsetzen, ist Karstadt auf dem richtigen Weg und keinesfalls chancenlos“, heißt es in dem Papier. Der eingeschlagene Sparkurs müsse jedoch intensiviert werden.

Erst in der vergangenen Woche hatte der überraschende Rückzug der als Hoffnungsträgerin gehandelten Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt für einen Schock gesorgt. Im Gegensatz zu ihrem ebenso glücklosen Vorgänger Andrew Jennings hatte die ehemalige Ikea-Managerin ihr nur wenige Monate dauerndes Engagement jedoch mit einem Paukenschlag beendet. In einer öffentlichen Erklärung hatte sie ganz unverblümt auf die mangelnde Unterstützung des Investors Berggruen für geplante Investitionen in die 83 Warenhäuser hingewiesen.

Dabei hatte der Neustart von Karstadt nach der Übernahme aus der Insolvenz im Herbst 2010 so vielversprechend begonnen: Der frisch gebackene Karstadt-Eigner hatte den Erhalt aller damals noch rund 120 Filialen und 25.000 Arbeitsplätze zugesagt. Mittlerweile gehören die lukrativen Sport- und Luxushäuser des Unternehmens mehrheitlich dem österreichischen Karstadt-Vermieter Signa.

Kleinstadt-Filialen gefährdet

Doch ohne millionenschwere Investitionen sehen Experten die Zukunft der bei Berggruen verbliebenen Warenhäuser kritisch. Der Handelsexperte Gerd Hessert von der Universität Leipzig schätzt, dass Investitionen zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Euro notwendig wären, um den Warenhausriesen zu sanieren. Vor allem Standorte in kleineren Städten müssten jedoch um ihre Zukunft bangen. Für die mögliche Schließung von etwa 20 Filialen kämen noch einmal Kosten von bis zu 100 Millionen Euro hinzu, schätzt er.