Die Brückenarbeiten am S-Bahnhof Zehlendorf greifen seit Mitte September in den Alltag von Berlins Fahrgästen ein. Nun kommen auf sie in den nächsten Wochen weitere Sperrungen und Unterbrechungen zu. Auf dem Bahnsteig zeigen sich indes viele S-Bahnfahrer vom unerwarteten Stopp in Steglitz-Zehlendorf noch immer überrumpelt.

Die 19‑jährige Rieke beispielsweise weiß an diesem Morgen nichts von der Unterbrechung. Die Studentin ist unter jenen Passagieren, die unerwartet auf dem S-Bahnhof Zehlendorf aussteigen mussten. Bis in den Dezember hinein wird gebaut. In der gesamten Zeit ist der S‑Bahn-Verkehr zwischen Zehlendorf und Schlachtensee eingleisig. Statt Weiterfahrt heißt es für sie: warten auf die nächste Verbindung. „Zwölf Minuten“, steht jetzt auf der Anzeige. Zwischen Wannsee und Zehlendorf gilt sogar zeitweise ein 20‑Minuten-Takt.

Pendler hadern mit Verspätungen und verändertem Angebot

„Ich komme vom Rathaus Steglitz. Durch die Unterbrechung bin ich jetzt 25 Minuten zu spät bei meinem Kurs in Potsdam“, sagt Rieke. Während viele Fahrgäste hektisch ihre Handys durchforschen, schaut Mechthild (67) mit zusammengezogenen Augenbrauen hinauf zum S-Bahn-Display und zu der langen Wartezeit. Sie hat einen Arztbesuch vor sich. Am Morgen noch habe sie nach Fahrplanunregelmäßigkeiten gesehen. „Aber da war nichts gemeldet“, sagt sie. „Ich bin nicht frustriert. Aber: Ich registriere das.“ Sie sei in Berlin lange genug mit dem ÖPNV unterwegs, um zu wissen: „Besser immer 30 Minuten zusätzlich einplanen.“

Umbauten am S-Bahnhof Zehlendorf, Studentin Rieke (19).
Lässt sich von der Verspätung nicht aus der Ruhe bringen: Studentin Rieke (19).© Patrick Goldstein | Patrick Goldstein

Unten am Treppenansatz befand sich lange ein Obst- und Gemüsehändler mit dem ambitionierten Namen „Feinkost-Zehlendorf“. Die Betreiber empfingen eintreffende Fahrgäste des Feierabendverkehrs gern mit dem begeisterten Vermelden ihrer neuesten Sonderangebote. Damit ist es vorbei.

Zehlendorfer verabschieden beliebtes Geschäft im Fußgängertunnel

An diesem Vormittag steht die 65-jährige Mechthild vor dem zurückgelassenen Auslagenregal, das nun leer dasteht. Denn die Eigentümer haben ihr Geschäft aufgegeben. „Ich fand das immer sehr lebendig“, sagt sie.

Umbauten am S-Bahnhof Zehlendorf, Studentin Rieke (19).
Abgeräumt: Der Obst- und Gemüseladen im Fußgängertunnel ist ausgezogen.© Patrick Goldstein | Patrick Goldstein

Neben dem steten Marktflair, das der Laden im trüben Fußgängertunnel verbreitete, war bei den Zehlendorfern beliebt, dass das Geschäft häufig geöffnet war, wenn andere Anbieter schon geschlossen hatten. Außer dem Schild der Betreiber („Schließung wegen Umbauarbeiten Brücke“) hing daher in den Tagen nach der Schließung das improvisierte Plakat anhänglicher Kunden mit der Aufschrift: „Wir Zehlendorfer sagen Danke für all die Jahre der Treue.“

Brückenbau am Teltower Damm: Blumengeschäft bleibt trotz Umbaus

Nebenan befindet sich ein Blumengeschäft. Dort sagt ein Mitarbeiter, man bleibe trotz der bevorstehenden Bauarbeiten.

Wie berichtet rüstet die Bahn die Brücke über den Teltower Damm für den weiteren S-Bahnbetrieb auf. Die Arbeiten beeinträchtigen Bahnkunden, an bestimmten Terminen zudem aber auch Autofahrer.

S-Bahnhof: Weitere Sperrungen der Gleise im November und Dezember

So ist der Nord-Zugang zum S-Bahnhof bis zum 30. November geschlossen. Für den sogenannten Aus- und Einhub der Brückenelemente werden die S-Bahngleise zeitweise komplett gesperrt. Das nächste Mal vom 30. Oktober, 22 Uhr, bis 2. November um 3.40 Uhr. Bislang war ein Ende im November angekündigt. Inzwischen gibt es eine weitere Unterbrechung am Freitag, dem 4. Dezember, ab 22 Uhr, bis Montag, 7. Dezember, 3.40 Uhr.

Wer unten auf dem Teltower Damm unterwegs ist, bekommt es ebenfalls mit Sperrungen zu tun. Im Bereich des Bahnhofs ist die Straße von der Nacht des 24. Oktober zum Morgen des 26. Oktober nicht befahrbar. Logischerweise entfällt auch der Busverkehr unter der Brücke. Währenddessen wird die Bushaltestelle an der Ecke Gartenstraße mit den Linien 101, 115 und 623 zeitweilig in die Machnower Straße verlegt.

Bahnhofszugang soll mit neuen Wegen deutlich verbessert werden

Auf die aktuellen Arbeiten soll in den folgenden Jahren ein Großprojekt folgen. Bei der Bahn wird es noch unter dem Status „In Planung“ geführt. Vorgesehen ist, im kommenden Jahrzehnt die Eisenbahnüberführung zu verbreitern und den bestehenden Zugang zu erneuern. Westlich kommt ein weiterer hinzu. Ein dritter wird durch eine Unterführung geschaffen, sodass Fahrgäste mittelfristig über den sogenannten Postplatz und die Machnower Straße auf den Bahnhof gelangen können.

Für Radfahrer erfreulich ist, dass zukünftig der Mangel an Abstellplätzen vor der Bahnstation ein Ende hat. Derzeit müssen sie oft die Umgebung nach Laternenpfählen und Verkehrsschild-Pfosten absuchen, weil die Bügel ab Vormittag belegt sind. Die Bahn plant, die derzeitigen Ständer abzubauen und durch neue zu ersetzen, dann mehr als bisher.

Ob die Bahn es aber in ihrem herausgeputzten Bahnhof ab den 2030er-Jahren dulden wird, dass dort ein uriger Obst- und Gemüseladen wie „Feinkost-Zehlendorf“ einzieht, ist zu bezweifeln. Die Erfahrung bei anderen aufgewerteten DB-Stationen zeigt, dass die Bahn dort anonymen, chromglänzenden Shops den Vorzug vor Kiezklassikern gibt.