Es ist ein Alleinstellungsmerkmal: Wer an einem Herbstabend aus der Fischerhütte schaut, den Blick auf den Schlachtensee, das viele Grün und im Hintergrund schmettert eine Volksmusik-Kapelle – der könnte durchaus auf den Gedanken kommen, sich im tiefsten Bayern zu befinden. In dieser Umgebung feiert Gastronom Josef Laggner ab Freitag zum 23. Mal sein alljährliches Oktoberfest. Dafür, dass es fortbestehen kann, mussten allerdings einige Hürden genommen werden.

Laggner hat die „Fischerhütte“ vor 23 Jahren übernommen. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde sie erstmals erwähnt. „Wir hatten gleich Glück. 2003 gab es einen Jahrhundertsommer“, sagt der 60‑Jährige. Das bedeutete schon vom Neustart an: volle „Fischerhütte“. Statt am Sommerende in die Pause zu gehen, beschloss der Restaurantmacher, ein Oktoberfest zu veranstalten.
Musiker wechseln ins Freie und retten das Fest
Laggner kaufte ein Zelt. Ein bayerischer Kollege empfahl ihm eine garantiert unwiderstehliche Band – was konnte schon schiefgehen?

Das Wetter vor 23 Jahren war, wie erwähnt, großartig. Und das genau wurde Laggners Problem. „Am Eröffnungstag setzen sich darum alle Gäste ins Freie. Im Zelt waren dagegen nur 16 Leute.“ Was tun? Die Lösung war wie so oft: Musik. Die sieben Instrumentalisten des Edelweiss-Express zeigten Improvisationstalent und zogen um nach draußen.
Schlachtensee-Fest wird schnell zum Publikumsmagneten und sorgt für Ärger
„Am zweiten Tag waren schon 100 Leute im Zelt“, sagt Laggner. Das neue Fest vom Schlachtensee sprach sich schnell herum. Und als es nach 18 Tagen endete, war es so ein Hit, dass Laggner sich mit Lärmbeschwerden aus der Nachbarschaft auseinandersetzen musste.
Dennoch: Er hatte den richtigen Riecher gehabt. Anfang der 2000er-Jahre feierte Berlin wie seit Jahrzehnten nicht. Berliner Prominenz wurde bei ihm zum Stammpublikum. Und ab den Nachtstunden standen die wartenden Taxis dicht an dicht in der angrenzenden Fischerhüttenstraße, um die Gäste zur Disco „First“ in Richtung Kudamm zu befördern.
Oktoberfest in der „Fischerhütte“ zieht Berliner aus ganzem Stadtgebiet an
2005 waren nebenan die Arbeiten am Haupthaus fertig. Die Oktoberfest-Party konnte vom Zelt in solide Wände ziehen. Der ganz große Zwist mit einer Klagegemeinschaft von Anwohnern ließ sich aber erst vor wenigen Jahren beilegen. Laggners Oktoberfest ist nun auf zwölf Tage beschränkt, was sich auch mit der Lage der „Fischerhütte“ in einem Landschaftsschutzgebiet, dem Grunewald, verträgt.

War es lange eine Feier von vornehmlich ortsansässigen, kommen die Gäste inzwischen aus der ganzen Stadt. „Die Berliner lieben Bayern“, sagt der gebürtige Österreicher. „Die Landschaft, die Esskultur, die Leute: Das mögen die Berliner.“ Wer sich als Hauptstädter zur Ruhe setzt und es sich leisten kann, so Laggner, der ziehe nicht nach Hamburg oder anderswo im Norden, sondern nach Kitzbühel oder an den Tegernsee.
Harsche Worte bei „Lutter & Wegner“ in München
Umgekehrt funktioniere die Liebe nicht so recht, sagt er und schmunzelt. Das reservierte Verhältnis der Bayern zu Berlin habe sich bemerkbar gemacht, sagt Laggner, als er eine Filiale seines urpreußischen Traditionslokals „Lutter & Wegner“ in München eröffnete. „Da kam irgendwann ein Gast zu mir und sagte: ‚Na, euch haben wir hier aber nicht gebraucht.‘“
Mehrere Hundert Gäste feiern in Laggners Restaurant. Da sitzt man nicht so zusammengepfercht wie im Münchner Oktoberfest. Aber wie dort steht am Ende des Abends alles auf den Tischen. Daher lässt er in den Tagen vor der Eröffnung das komplette empfindliche Mobiliar des Restaurants gegen rustikale Bänke und Tische austauschen.
Mehrheitlich Frauen kommen zum Fest am Schlachtensee
Zehnertische im V.I.P.-Bereich kosten 550 Euro, samt Eintritt und Menü. Getränke zahlt man extra. Rund 100 Euro lassen jene Gäste im Schnitt bei ihm, so Wegner. Andere Besucher kommen für ein Essen und ein paar Maß. Etwa 45 bis 50 Euro geben sie für einen bayerischen Abend am Schlachtensee aus.
Ungewöhnlich: Weit mehr Frauen sind da. Doppelt so viele wie Männer. Denn gerade Frauengruppen buchen gern bei Laggner. Vielleicht, weil im feinen Zehlendorf die üblichen ungehobelten Oktoberfest-Trinker fehlen. Einmal hätten mehrere 100 Angestellte eines Bestattungsunternehmens einen Abend gebucht. Sie seien, formuliert Laggner vorsichtig, anfangs nicht sonderlich aus sich herausgegangen. Der Edelweiss-Express legte sich besonders ins Zeug. Am kommenden Wochenende und an Donnerstagen nun sind noch Plätze frei. „Überhaupt: Einfach anrufen“, empfiehlt Laggner.
- Dahlem: Baustart für zwei Stadtvillen im alten Biergarten der „Luise“
- Zehlendorf: Lebensgefährliche Elterntaxi-Anarchie vor Grundschule
- Lichterfelde: Protest: Degewo dreht Gartenwasser-Anschlüsse zu
- Steglitz: Fadenscheinig: Warum der Mietspiegel ein Problem ist
- Nikolassee: Neues Palais neben „Bunker“ auf Schwanenwerder
- Steglitz-Zehlendorf: Das sind die beliebtesten Schulen
- Übersicht: Hier finden Sie alle News aus Steglitz-Zehlendorf
Manche Restaurantkritiker nennen ihn „Berlins Gastro-Mogul“. Der gelernte Kellner aus Bad Gastein kam 1986 nach Berlin. Mit nur 1000 österreichischen Schilling, heute rund 75 Euro, so die Legende. Inzwischen gebietet er über die Laggner Gruppe. Dazu zählen neben „Fischerhütte“ und „Lutter & Wegner“ namhafte Adressen wie die „Augustiner“ am Gendarmenmarkt und in Potsdam sowie das „Krongut Bornstedt“ am Schloss Sanssouci.



