Ein Vormittag an einer Oberschule, irgendwo in Berlin: Endlich Pause, der Schüler ist hungrig und holt sich seine Brotbox aus der Tasche. Gerade will er herzhaft in das Brötchen reinbeißen, da nähert sich ein Mitschüler und schlägt ihm die Box aus der Hand. Einfach weil er wütend ist. Und das nicht einmal auf den Mitschüler, sondern auf sich selbst. Der andere ist ein Zufallsopfer, doch der weiß das nicht und schlägt zurück.

Das ist ein Paradebeispiel und ein klarer Fall für die Konfliktlotsen. Sie müssen klären: War es Absicht? War es einfach nur Pech? Wie sehen beide Seiten auf das Ereignis? Wie kann es zu einer Einigung kommen? „Wir wollen den beiden Parteien den Streit nicht ausreden, sondern ihnen eine faire Chance geben, über ihre Gefühle zu sprechen“, sagt Amalia vom Team der Schülermediatoren. An der Wilma-Rudolph-Schule in Zehlendorf sind seit einem Jahr zwischen 15 und 20 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen acht bis zehn als Mediatoren im Einsatz. Künftig kommen auch noch einige aus der siebenten Klasse dazu.

Bei 1000 Schülern können verschiedene Meinungen aufeinanderprallen

Etwa 1000 junge Menschen lernen an der integrierten Sekundarschule. Da können schon einmal verschiedene Meinungen aufeinanderprallen. Davon erzählen die acht Konfliktlotsinnen und Konfliktlotsen, die zum Gespräch ins Büro von Sozialarbeiterin Danica Fischer im ersten Obergeschoss der Schule gekommen sind. Oft, so berichten sie, brechen Konflikte zwischen Freundschaften aus. Aber auch Eifersucht oder Missachtung können die Auslöser sein, sowie Herkunft und Religion. In Streitfällen vermitteln die Mediatoren. Sie treffen sich einmal in der Woche zum Teammeeting. In Absprache mit den Lehrkräften können sie auch in jeder Schulstunde zum Gespräch kommen.

„Uns ist es als Schule ein großes Anliegen, dass Schülerinnen und Schüler eigenständig und auf Augenhöhe Wege der gewaltfreien Lösung von Konflikten finden“, erklärt Schulleiterin Birgit Hinrichsen. Die Konfliktlotsen würden eine wichtige Moderations- und Mediationsaufgabe übernehmen. Um ihnen das geeignete Werkzeug an die Hand zu geben, werden sie in der Bildungsstätte der Sportjugend Berlin im Olympiapark fünf Tage lang ausgebildet. Dort lernen sie die entsprechenden Mediations-Methoden kennen, üben verschiedene Situationen ein und können als Team zusammenwachsen.

Die nächste Ausbildungswoche steht im November an

Jetzt steht die nächste Ausbildungswoche für die „Neuen“ an: Im November gehen etwa 20 Schülerinnen und Schüler eine Woche lang auf Streitschlichterfahrt, begleitet werden sie von vier Fachkräften. Nach Auskunft der Schulleiterin müssen die Teilnehmenden sämtliche Kosten selbst tragen. In diesem Jahr wird die Ausbildungsfahrt im Rahmen der Jubiläumsaktion des Vereins „Berliner helfen“ mit einer Spende der Berliner Morgenpost unterstützt.

Konfliktlotsen-Projekt an der Wilma-Rudolph-Schule in Zehlendorf, Danica Fischer, Jugendsozialarbeiterin, Konfliktlotsen (vl oben): Amalia, Leonhard, Florian, Yannick, Tim, Svea, (vl, unten) Paul, Wilhelm (Für Berliner helfen)
Jugendsozialarbeiterin Danica Fischer betreut das Konfliktlotsen-Team an der Wilma-Rudolph-Schule. © Katrin Lange | Katrin Lange

Sozialarbeiterin Danica Fischer gehört zu den Fachkräften, die in der Ausbildungswoche dabei sind. Sie ist beim Mittelhof e.V. angestellt, einem der größten Träger im Südwesten für Bildung, Betreuung und Kultur, der mit der Wilma-Rudolph-Schule kooperiert. Ihr Schwerpunkt ist Gewaltprävention, mit zwei Lehrkräfte aus dem Kollegium absolviert sie eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung zur Schulmediatorin, die über den Berliner Senat läuft. Dort werden sie auf der Grundlage des „Berliner Konfliktlotsenmodells“ ausgebildet, das sich auf die Prinzipien der Mediation konzentriert. 

Konflikte zwischen Schülern sollen gar nicht erst eskalieren

„Das qualifiziert uns, zukünftig die Konfliktlotsen professionell selbst schulen zu können“, sagt die Danica Fischer. Ziel sei es, zu einem guten Schulklima beizutragen und Konflikte zwischen den Schülern nicht eskalieren zu lassen. Die Sozialarbeiterin hat in ihrem Büro an der Schule einen Ordner mit erfolgreichen Mediationsprotokollen. Auf den Formularen ist besiegelt, dass die Streitparteien gemeinsam eine Lösung entwickelt haben: So haben sie zum Beispiel unterschrieben, dass sie nicht mehr schubsen, andere beleidigen oder provozieren wollen. „Nach einiger Zeit schauen wir nach, ob das geklappt hat“, sagt Danica Fischer.

Konfliktlotsen-Projekt an der Wilma-Rudolph-Schule in Zehlendorf, Danica Fischer, Jugendsozialarbeiterin, Konfliktlotsen (vl oben): Amalia, Leonhard, Florian, Yannick, Tim, Svea, (vl, unten) Paul, Wilhelm (Für Berliner helfen)
Etwa 1000 Schülerinnen und Schüler lernen an der Wilma-Rudolph-Schule, viele kommen mit dem Fahrrad. © Katrin Lange | Katrin Lange

Doch bis zu der Unterschrift auf dem Protokoll ist es ein langer Weg. Das wissen die acht, die zum Gespräch gekommen sind. Voraussetzung sei, das sagen alle im Raum, dass sich beide vertragen wollen. „Wir moderieren den Streit“, erklärt Tim. Yannik ergänzt: „Eine Lösung müssen die beiden selbst finden, wir können sie nur zu ihren eigenen Lösungsmöglichkeiten hinführen.“

Gemeinsam erklären sie das Procedere der Mediation. Wer die Hilfe der Konfliktlotsen aufsucht, bekommt zunächst die Regeln erklärt. Dazu gehört, den anderen nicht zu beschimpfen oder zu verurteilen. „Beide Seiten müssen dann das Geschehen reflektieren“, sagt Svea. Dazu gehört, dass sie ihre Sichtweise in der Ich-Form erzählen. „Damit wollen wir aufdecken, wie es zu dem Streit kommen konnte“, sagt Paul. Mit Reden, Verständnis und Akzeptanz für den anderen ließen sich den Jugendlichen zufolge ein Großteil der Probleme entschärfen.

Was hat die acht Schülerinnen und Schüler bewogen, sich zu Konfliktlotsen ausbilden zu lassen? Die meisten sagen, dass sie für sich selbst etwas dazu gelernt haben, sie könnten jetzt besser mit Streit umgehen. „Ich bin geduldiger geworden“, sagt Amalia. Und Tim, der zugibt, in der Vergangenheit „nicht gerade wenige Konflikte“ gehabt zu haben, hat seit der Mediation eine neue Stärke bei sich entdeckt: Zuhören und Reflektieren. Gut finden es aber auch alle, wenn auf dem Schulhof eine nette, ruhige Atmosphäre herrscht.