Die Villa versteckt sich hinter einem dichten Blätterwerk. Weder das frühere herrschaftliche Anwesen, noch ein Kino sind dahinter zu vermuten. Wäre da nicht das große weiße Schild, das gerade Filme wie „Hannah Arendt“ und „Das tiefste Blau“ ankündigt. Tatsächlich verbirgt sich hinter der Fassade ein Kinosaal mit 150 Plätzen, der eine Institution ist. Das Kino Capitol an der Thielallee ist seit Jahrzehnten eine feste Größe in Dahlem. Jetzt ist die Zukunft des beliebten Programmkinos ungewiss.

Öffentlich wurde das, weil die Bezirksverordneten von Grünen, SPD und FDP in Steglitz-Zehlendorf einen Antrag mit der Überschrift „Capitol Dahlem sichern“ stellten. Mittlerweile ist der Antrag auch mit den Stimmen der CDU bereits beschlossen - ohne lange Debatten. Denn das Problem drängt: Das Grundstück gehört der Freien Universität Berlin (FU). Die Hochschule muss nach den Vorgaben des Senats zehn Prozent ihrer Liegenschaften einsparen. Deshalb drohe der Verlust des Capitols, heißt es in dem Antrag.

Bezirksverordnete fordern langfristigen Erhalt

Durch den Wegfall aus dem Vermögen der FU wäre der Weiterbetrieb nicht mehr gewährleistet, befürchten die Bezirksverordneten. Gefordert wird der langfristige Erhalt und eine langfristige Perspektive, die den Betrieb des Kinos und auch der angrenzenden Blätterlaube sichern, einem naturnahen Garten, der für die Forschung und als Lernort genutzt wird.

Noch will die FU keine Schließung des Capitol-Kinos bestätigen. „Die Freie Universität Berlin prüft angesichts der aktuellen Kürzungen und Sanierungsbedarfe, welche ihrer Liegenschaften sie erhalten kann“, erklärt Sotirios Agrofylax, Chef vom Dienst Medien, auf Anfrage der Morgenpost. Möglich sei auch, dass die Liegenschaft an das Land Berlin abgegeben werde.

Darüber informiert ist auch Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck Kinogruppe, die das Programmkino betreibt. „Wir sind im sachlichen Austausch“, sagt er zu den Gesprächen mit der Hochschule. Vor ein paar Jahren sei die FU noch im Ausbau gewesen, jetzt müsse sie schrumpfen. „Deshalb hat sie keinen Bedarf mehr am Kino und am Grundstück und will beides abgeben“, sagt Bräuer. Noch sei nicht klar, ob der Senat einer Übernahme zustimme. „Aber eine Schließung ist nicht im Gespräch“, so der Geschäftsführer.

„Das Capitol funktioniert gut, außerdem haben wir viel investiert“

Die Yorck-Kinogruppe, die in Berlin 14 Kinos und ein Freiluftkino betreibt, will auch in Dahlem weiterhin Filme zeigen. „Das Capitol funktioniert gut, außerdem haben wir viel investiert“, sagt Bräuer. Zum Beispiel in einen neuen Projektor, der vergleichbar ist mit denen von großen Filmfestspielen. „Nur Dahlem kann, was Cannes kann“, sagt er und lacht. Tatsächlich müsste das Haus irgendwann grundlegend saniert werden, aber im Moment sei noch nicht mal ein Investitionsbedarf ermittelt.

Offensichtlich will sich die FU genau diese Sanierungskosten mit der Abgabe an den Senat sparen. Denn im Moment ist das Kino für die Hochschule kein Kostenfaktor: Miete und Betriebskosten zahlt der Betreiber. „Wir müssen eine Lösung finden, bei der das Kino einbezogen wird“, sagt Bräuer. Was er auf jeden Fall ablehnt, ist ein Verkauf. Das hält er für riskant, weil es dann vermutlich kein Kino bleibe.

Der Yorck-Geschäftsführer verweist auf das treue Publikum. Mit dem Film „Amrum“ habe man kürzlich das erfolgreichste Wochenende seit der Pandemie verzeichnet, erzählt er. Das Interesse des Publikums sei groß, daher sei er auch froh über den Antrag der Bezirksverordneten, die sich nun für den Erhalt einsetzen.

Kino ist eine lokale Kulturinstitution mit einer langen Vorgeschichte

Das Capitol Dahlem ist eine lokale Kulturinstitution auf dem Campus der FU, die eine lange Vorgeschichte hat. Das Haus an der Thielallee 36 wurde 1928/29 erbaut. Die Villa diente dem Präsidenten der Reichsfilmkammer Carl Froelich ab 1939 als Dienstsitz und Wohnung. Er ließ einen Filmvorführraum anbauen, um Filmproduktionen sichten zu können. 1945 zerstörte ein Bombentreffer große Teile des Hauses. Beim Wiederaufbau wurde der Vorführraum zu einem öffentlichen Kino vergrößert, das 1946 unter dem Namen Capitol eröffnete. Das Gebäude gehört seit 1964 der Freien Universität, das Kino wird seit 1994 von der Yorck-Kinogruppe betrieben.

Von 1956 bis 1986 entwickelte Gerhard Klein das Capitol zu einem erfolg­reichen Programmkino. Der 1920 geborene Klein spielte als Kind den „Professor“ in der Theaterfassung von Erich Kästners „Emil und die Detektive“. Ab 1933 durfte er aufgrund der antisemitischen NS-Ge­setzgebung nur noch im „Jüdi­schen Kulturbund“ auftreten. 1938 wurde Klein nach Polen abgeschoben, ein Jahr später gelang ihm die Flucht nach Palästina. 1952 kam er nach Berlin zurück und übernahm das Kino Capitol, das er bis 1986 leitete. 2019, an seinem 20. Todestag, wird zu Ehren Gerhard Kleins eine Gedenktafel im Foyer angebracht.

Mit dem beschlossenen Antrag setzen die Bezirksverordneten ein klares Zeichen: Der Kinobetrieb des Capitols muss auch bei einer Abgabe des Grundstücks durch die Freie Universität gesichert bleiben – ebenso wie die Blätterlaube. „Es ist ein Skandal, dass der Berliner Senat durch seine Sparvorgaben eine traditionsreiche Kulturstätte und ein Vorzeigeprojekt für Biodiversität und Bildung aufs Spiel setzt“, erklärt Alexander Kräß, Fraktionsvorsitzender der Grünen.