Es ist nicht viel übrig von dem sogenannten Rail Transportation Office (RTO), dem ehemaligen Militärbahnhof der US-Armee, an der Curtiusstraße, nahe dem Bahnhof Lichterfelde West. Nur ein Teil der Überdachung des früheren Bahnsteigs ist noch vorhanden, beschmiert mit Graffiti, die alten Lampen hängen noch. Wirken fehlplatziert. Nach einem Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Steglitz-Zehlendorf soll sich das Bezirksamt nun bezüglich der Winterfest-Machung mit der Eigentümerin, der Deutschen Bahn, in Verbindung setzen und zudem prüfen, ob das Bahnsteigdach unter Denkmalschutz gestellt wird.

Ihr seien die Überreste des Bahnsteigdaches, welches am Alnatura-Parkplatz anschließt, lange nicht aufgefallen, berichtet Anwohnerin Dagmar Odenthal. Bis zu einem Gespräch mit Reiner Kolodziej, einem ehemaligen Funker der US-Armee, der ein Buch zu der Bahnstrecke, die von Lichterfelde-West nach Frankfurt am Main beziehungsweise Bremerhaven führte, verfasst hat. Seitdem bemüht sich Odenthal um Erhalt der Überbleibsel des US-Bahnhofs. Ihr ist es ein Anliegen, dass diese bewahrt werden, nicht abgerissen, „denn dann ist die Spur der Amerikaner hier ganz weg“, so die 75-Jährige. Deswegen hat sie zusammen mit einer Gruppe von Lichterfelderinnen und Lichterfeldern über 100 Unterschriften zum Erhalt des Bahnsteigdaches gesammelt und dem Bezirksamt übergeben.

Schon lange nicht mehr im Gebrauch, doch die alten Lampen hängen noch.
Schon lange nicht mehr im Gebrauch, doch die alten Lampen hängen noch.© Miriam Schaptke | Miriam Schaptke / BM

„Der Bahnhof war eminent wichtig“

Die enorme Bedeutung des ehemaligen US-Militärbahnhofs bestätigt Florian Weiß, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Alliierten Museums an der Clayallee: „Der Bahnhof war eminent wichtig.“ Denn West-Berlin, als amerikanischer Sektor, lag mitten in der sowjetischen Besatzungszone, später DDR. Deswegen sei, während des gesamten Kalten Krieges, die Frage, ob der Zugang nach West-Berlin gesichert ist, so heikel wie wichtig gewesen.

Von 1947 bis 1990 verkehrten zwischen dem RTO in Lichterfelde-West und Frankfurt am Main sowie Bremerhaven Züge der Westalliierten. Der Bahnhofsstandort war für die US-Armee strategisch günstig gelegen, denn im Umkreis von rund einem Kilometer lagen wichtige Einrichtungen der US-Truppen: Das US-Hauptquartier an der Clayallee und die großen Kasernen, wie die Andrews Barracks an der Finckensteinallee, die McNair Barracks an der Goerzallee und die Roosevelt Barracks am Gardeschützenweg.

Abschiedspunkt der sogenannten Fräuleins

Ob gepanzerte Fahrzeuge oder Waffen, „das ganze militärische Gerät kam per Bahn, per Gütertransport in Lichterfelde an“, so Florian Weiß. „Über 40 Jahre lang war die von dort ausgehende Bahnstrecke für den Güterverkehr und den täglichen Personenverkehr der amerikanischen Garnison die Lebensverbindung zu den Hauptquartieren und anderen Standorten in Westdeutschland.“ Mehrmals täglich fuhr der sogenannte Duty Train, welcher den Militärs und deren Angehörigen vorbehalten war. „Es war auch der Bahnhof für Begrüßung und Verabschiedung. Wenn ein neuer Kommandant von Frankfurt mit dem Zug kam, mit seiner Frau und mit Kindern, dann spielte dort die Militärkapelle“, sagt der Historiker vom Alliierten Museum.

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Davon erzählt auch Dagmar Odenthal: „Der Bahnhof wurde zu einem Abschiedspunkt der sogenannten Fräuleins. Es gab damals viele amerikanisch-deutsche Liebesbeziehungen. Wenn die Amerikaner abgezogen wurden oder nach Hause zurückgingen, hieß es an dem Bahnhof Abschied nehmen.“ 1969 sei auch eine Freundin von ihr, die einen Amerikaner geheiratet hatte, zusammen mit diesem von dem Bahnhof aus Richtung Frankfurt am Main abgefahren, erinnert sich die 75-Jährige. Mit der Deutschen Einheit 1990 endeten die Fahrten der Militärzüge. Als die Alliierten Berlin verließen, wurde 1994 der RTO-Bahnhof aufgegeben. 2008 wurden nahezu alle Bauten der US-Armee abgerissen – abgesehen von einem Teilstück des Bahnsteigdaches.

Unterschutzstellung des Relikts wird geprüft

Odenthal denkt gerne an die Zeit zurück, als das US-amerikanische Militär in Lichterfelde-West stationiert war. Die Militärs und ihre Angehörigen hätten die Gegend belebt, auch im Hinblick auf Sport- und Kulturangebote sowie die Kneipen- und Musikszene. Deswegen ist ihr daran gelegen, die Überbleibsel aus dieser Zeit, wie eben das Bahnsteigdach, zu bewahren. „Alle fanden die Idee des Erhalts dieses Daches gut, aber gemacht hat keiner was“, sagt Odenthal. Deswegen sei sie tätig geworden.

Katharina Concu (FDP), die Vorsitzende des Ausschusses für Bildung und Kultur, begrüßt den Anstoß. „Für diese Initiative interessierter Bürgerinnen und Bürger sind wir sehr dankbar“, so die Politikerin. Denn: „Obwohl viele Bürgerinnen und Bürger Steglitz-Zehlendorfs die US-Schutzmacht noch gut in Erinnerung haben, findet eine aktive Erinnerung an die deutsch-amerikanische Freundschaft und die Rolle der Schutzmacht für unser Leben in Freiheit im Bezirk kaum Raum.“

In einem ersten Schritt sei eine Sicherung der Überdachung durch den Eigentümer wichtig, damit diese während der kalten Jahreszeit nicht weiteren Schaden nehme. Vielleicht sei dem Eigentümer die historische Bedeutung dieses Ortes nicht bewusst, so die FDP-Politikerin. Daher sei es wichtig, dass der Bezirk und das Amt hier sensibilisieren. In einem weiteren Schritt solle die untere Denkmalschutzbehörde prüfen, ob eine Unterschutzstellung des Ortes möglich ist.

Es kommt auf die Bereitschaft der Eigentümerin an

Errichtet 1872 im Stil einer toskanischen Villa. Das Bahnhofgebäude Lichterfelde West steht unter Denkmalschutz.
Errichtet 1872 im Stil einer toskanischen Villa. Das Bahnhofgebäude Lichterfelde West steht unter Denkmalschutz.© Miriam Schaptke | Miriam Schaptke / BM

„Die untere Denkmalschutzbehörde wird umgehend die Unterschutzstellung prüfen. In den nächsten Tagen wird zudem der Eigentümer des Bahnsteigs, die Deutsche Bahn AG von mir um Stellungnahme gebeten“, heißt es von dem Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Patrick Steinhoff (CDU). „Ich sehe die Unterschutzstellung als sehr sinnvoll an, da der Bahnsteig ein Relikt der Alliiertenzeit ist. Solche Relikte werden leider immer seltener in unserer Stadt“, so Steinhoff.

Er hoffe, dass die DB AG das Vorhaben unterstützt. „Die Bahnstrecke neben dem Bahnsteig soll im Rahmen des Wiederaufbaus der Potsdamer Stammbahn als Regional- und Fernbahnstrecke wieder voll in Betrieb genommen werden.“ Welche Auswirkungen dies auf den Bahnsteig habe, könne nur letztlich die Deutsche Bahn sagen. Ein Sprecher der Deutschen Bahn bestätigt der Berliner Morgenpost wiederum, dass die Anlage Bestandteil der Potsdamer Stammbahn sei, die im Programm 2030 für den Regionalverkehr ausgebaut werden soll. Aktuell befände man sich im Übergang zu der zweiten Leistungsphase, in welcher dann auch Abstimmungen mit der Denkmalschutzbehörde stattfänden.

Der Bahnhof Lichterfelde-West aus dem Jahr 1872, im Stil einer toskanischen Villa, ist denkmalgeschützt. „Vielleicht lässt sich das Überbleibsel der RTO-Station integrieren. Dies könnte auch hilfreich sein, um eine Instandsetzung der Überdachung und des Bahnsteigs anzugehen“, überlegt Concu. Sie könne sich zu einem späteren Zeitpunkt die Errichtung einer regionalhistorischen Informationsstele an der Curtiusstraße vorstellen, sodass eine Art „Kulturbahnhof“ vor Ort entstehe. Das würde auch Dagmar Odenthal begrüßen.